70 Jahre "Hofrat Geiger": Schuld war keine politische Kategorie

    26. Dezember 2017, 11:00
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    1947 kam die Willi-Forst-Produktion in die Kinos – mit viel inszeniertem Heimatgefühl und einer versteckten Botschaft ans Publikum

    Als sich die Kinobesucher am Abend des 19. Dezember 1947 von ihren Plätzen erhoben, waren sie rundum zufrieden, es war das bisher deutlichste Lebenszeichen, das der österreichische Film von sich geben konnte, zu einer Zeit, als amerikanische Filme die heimischen Kinos beherrschten. Dass der Hofrat Geiger, eine Willi-Forst-Produktion, mit zweieinhalb Millionen Besuchern zum erfolgreichsten Film der Nachkriegszeit werden sollte, war an diesem Abend im Apollo-Kino noch nicht abzusehen, im Nachhinein aber nicht überraschend. Denn mit der idyllischen Wachau bot der Film eine Wirklichkeit, nach der sich alle sehnten: weit entfernt vom bombenzerstörten Wien, wo viele Häuser immer noch nicht wiederaufgebaut und die Lebensmittel knapp waren. Schon im Vorspann wird der Zuschauer beruhigt: "Dieser Film spielt im heutigen Österreich, das arm ist und voller Sorgen. Doch – haben Sie keine Angst – davon zeigt er Ihnen wenig ..."

    Nationale Identitätsstiftung

    Diese Einladung, den kleinen Sorgen und Nöten des Alltags zu entfliehen, wurde gern angenommen. In der Wachau, genauer in Spitz an der Donau, schien sowieso die Zeit stehen geblieben, hier hat es offenbar keinen Krieg, keine Nazis gegeben, und das ist auch die Erwartungshaltung an den Heimatfilm dieser Zeit: Das Heile-Welt-Bild sollte die Gesellschaft konsolidieren, da waren Distanzierung von der jüngsten politischen Vergangenheit und nationale Identitätsstiftung gefragt.

    Genau das vermochte der Film auf ganz einfache und doch raffinierte Weise zu vermitteln, denn der Hofrat, der dem Film den Titel gibt, ist Opfer und Täter zugleich: Zum einen wurde er 1938 aus dem Amt gejagt, zum anderen hat er in Spitz an der Donau eine uneheliche Tochter, von der er all die Jahre nichts gewusst hat. Diese Angelegenheit gilt es zu bereinigen, dafür verkörpert der Hofrat, dargestellt von Paul Hörbiger, auch ganz den Typus "anständiger Österreicher": autoritär, bürokratieverliebt, ein gesetzter Herr im Steireranzug. Nach 37 Minuten steht er jener Frau gegenüber, die er vor achtzehn Jahren hat sitzen lassen. Da mag es auf der Leinwand schon knistern. "Marianne", sagt der Hofrat begütigend, "wollen wir nicht in aller Ruhe über alles sprechen?"

    Ich muss wiedergutmachen ...

    Marianne Mühlhuber, gespielt von Maria Andergast, reagiert zurückhaltend – warum sollte sie es dem Mann auch einfach machen, der sie so enttäuscht hat? Der gibt sich äußerlich zerknirscht, er habe erst jetzt aus einem alten Akt von der Existenz seiner Tochter erfahren. "Und da hat es für mich nur einen Gedanken gegeben: Ich muss wiedergutmachen, was ich da angestellt hab'."

    Das ist in Minute 40 des Films, endlich ist das Stichwort gefallen. "Weil wir ja im Wiedergutmachungszeitalter leben, net wahr?", antwortet Marianne Mühlhuber gereizt. Zweifellos war das ans Kinopublikum der Zeit gerichtet, beinahe ein eindeutiger Wink. "Schau", sagt der Hofrat, "ich weiß ganz genau, was ich dir und dem Kind schuldig bin."

    "Schuld" war damals zwar keine politische Kategorie, dennoch sah sich die österreichische Regierung, mehr als ihr lieb war, mit Wiedergutmachung herausgefordert. Allein 1947 wurden zur Repatriierung und Entschädigung vertriebener und verfolgter vorwiegend jüdischer Österreicher drei Rückstellungsgesetze beschlossen, nicht aus eigenem Antrieb, wie dazugesagt werden muss.

    Dem Hofrat Geiger mag man anrechnen, dass er die Initiative von sich aus ergreift, nur ist sein Auftreten eine Spur zu selbstgefällig. "Du sollst sehen, wie sehr ich bereue", sagt er fast gönnerhaft und bietet der Marianne an, sie zu heiraten, damit das Kind einen Vater hat. "Und sonst?", fragt die Marianne empört.

    Möglichst schnell vergessen

    Die Szene dauert mehrere Minuten, die Stimmung ist angespannt. Als der Hofrat wiederholt: "Ich bin fest entschlossen, alles wiedergutzumachen!", platzt es aus der Marianne heraus: "Wiedergutmachen! Wiedergutmachen! Ich kann das Wort schon nicht mehr hören!"

    War das die versteckte, die eigentliche Botschaft des Films? Eines Films, der zwar darauf angelegt war, dass alles gut endet, aber dafür sollte möglichst schnell "vergessen" werden, was wenige Jahre vorher noch in den dunkelsten Abgrund der Geschichte geführt hat. Haben die Österreicher nicht ein Recht darauf, vergessen zu dürfen? Wie deplatziert müssen daher die Worte des Hofrats von "Reue und Wiedergutmachen" in den Ohren der Zuschauer geklungen haben. Ein "Wiedergutmachungsbeamter", so nennt ihn die Marianne geradezu süffisant – auch das war allzu deutlich ins Publikum gesprochen -, als wäre es kleinlich, an der Vergangenheit zu rühren.

    Im Nachhinein betrachtet überzeichnet der Film die Wirklichkeit, denn mit der Wiedergutmachung hat es die junge Republik nicht wirklich ernst gemeint. Der damalige Innenminister Helmer (SPÖ) bekannte sich dazu, "dass man die Sache in die Länge zieht", Karl Renner wollte erst gar nicht einsehen, dass man "jeden kleinen jüdischen Kaufmann" entschädigt, und der Gewerkschaftsbund setzte alles daran, heimkehrwilligen Juden die Arbeitsmöglichkeiten zu verwehren. Offenbar war das Narrativ vom "reichen Juden", der es sich "gerichtet" hätte, nicht nur in der breiten Bevölkerung tief verwurzelt. Soll man "dem Jud" wirklich "sein Gerstl" zurückgeben?

    Lasst uns einen Schlussstrich ziehen!

    Als 1946 das erste von insgesamt sieben Rückstellungsgesetzen beschlossen wurde, geschah dies einzig und allein auf Druck der westlichen Alliierten, und die Fristen wurden gleich so knapp gesetzt, dass die geschädigten Opfer, die über die halbe Welt verstreut lebten, kaum Möglichkeiten hatten, ihre Ansprüche anzumelden. Also musste das Gesetz, wieder auf Druck von außen, mehrfach repariert werden.

    Wirklich bedeutsam wurde erst das dritte, am 6. Februar 1947 beschlossene Rückstellungsgesetz, das deshalb auch heftig in den Medien bekämpft wurde, vor allem Wirtschaftskreise und der "Verband der Unabhängigen" (die Vorläuferbewegung der heutigen FPÖ) äußerten heftige Vorbehalte. Versuche, Teile des Gesetzes wieder zurückzunehmen, scheiterten am Widerstand der westlichen Besatzungsmächte. Wäre es nach der österreichischen Bevölkerung gegangen (man stelle sich vor: "direkte Demokratie"), es hätte keines der Opfer wohl je etwas zurückbekommen, der an den Juden begangene Raub wäre im Nachhinein sogar sanktioniert worden.

    Nun ist das gewiss nicht die Intention des Hofrat Geiger-Films gewesen, aber mit seiner Inszenierung – Wachauidylle samt Dirndl, Goldhaube und populärem Mariandl-Schlager – hat er dem Publikum ein Ventil geöffnet: Es ist genug, lasst uns einen Schlussstrich ziehen!

    Die Opferthese verinnerlicht

    Aber so einfach ging das nicht. Die Vergangenheit sollte die Gesellschaft noch lange beschäftigen, viel länger, als sich das Kinopublikum das vorstellen mochte. Die typisch österreichische Lösung – am Ende wird geheiratet, und alles ist wieder gut – hat nur in Wirklichkeit nicht funktioniert, auch wenn man offiziell so tat, als wären die Dinge in Ordnung.

    Es ist schließlich eine Chuzpe dieses – eigentlich sehr allegorischen – Films, dass ausgerechnet die Frau, der übel mitgespielt wurde, das Wiedergutmachen infrage stellt. Mehr noch, dass der Hofrat, der 1938 zwangspensioniert wurde, als Naziopfer dargestellt wird, als wäre ganz Österreich damals auf die Seite gedrängt worden. "Ich habe schwere Zeiten durchgemacht" – das war auch so ein Allgemeinsatz fürs Publikum und schließlich Lehrmeinung mit Langzeitwirkung: Die Opferthese wurde über zwei Generationen derart verinnerlicht, dass die österreichische Gesellschaft vierzig Jahre später regelrecht vor den Kopf gestoßen war, als sie registrieren musste, dass sich die Lüge nicht mehr aufrechterhalten ließ. Mit Waldheim kehrten die Gespenster zurück.

    Bis die Republik wirklich bereit war, reinen Tisch zu machen, hat es allerdings noch eine Weile gedauert: Erst im Washingtoner Abkommen des Jahres 2001 verpflichtete sich die Regierung zur nachträglichen Entschädigung. Und die letzte Novelle des Kunstrückgabegesetzes datiert aus dem Jahr 2009. Immerhin wurde – lange nach dem "Wiedergutmachungszeitalter" – doch noch Verantwortung übernommen, auch wenn viele in Österreich davon nichts mehr hören wollten. (Gerhard Zeillinger, 23.12.2017)

    • Lasst uns einen Schlussstrich ziehen! So der Subtext des populären Films von 1947.
      foto: hersteller

      Lasst uns einen Schlussstrich ziehen! So der Subtext des populären Films von 1947.

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