Keine Weihnachtsgeschichte: Jetzt kotzt auch die Katze

    24. Dezember 2017, 16:00
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    Für jeden kommt einmal der Punkt, an dem man von Weihnachten genug hat, weil die nicht mehr da sind, die einem Weihnachten nahegebracht haben. Über eine Zugfahrt nach Frankfurt, Dawit, die Katze und das Huhn

    Mir ist überhaupt nicht danach, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Das mag daran liegen, dass für jeden einmal der Punkt kommt, an dem man von Weihnachten genug hat, oder daran, dass diejenigen, die einem Weihnachten nahegebracht haben, nicht mehr da sind, oder daran, dass sich draußen alles so ostentativ nach Klimawandel anfühlt, auch wenn es statistikkonform minus fünf Grad hat. Vor allem jedoch, denke ich, hat es mit dem Empfinden von etwas zu tun, das plötzlich in der Luft liegt, das zusammengesetzt ist aus dem Gefühl von Ratlosigkeit, Staunen und Gefesseltsein, schließlich dem Wegsickern all dessen, was man früher einmal Zusammengehörigkeit genannt hat, Gemeinschaftsgefühl oder Solidarität. Diesem Etwas kann man Farben zuordnen, wenn man möchte, Frisuren oder mit -xit endende Neologismen, alles mit Berechtigung, man kann es harmlos finden, besorgniserregend oder in erster Linie verrückt, man kann den Umstand, dass in unserem Land wieder vom behördlichen Wegnehmen des Eigentums und von Lagern am Stadtrand geredet wird, für bedeutungslos halten und die Möglichkeit, Sechsjährigen numerisch vor Augen zu führen, wie schlecht sie sind, für nicht so wichtig – man kriegt es jedenfalls noch nicht zu fassen, dieses Etwas. Jetzt kotzt auch noch die Katze. Nein, mir ist überhaupt nicht danach, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.

    foto: apa/afp/alberto pizzoli
    "Du, die Katze kotzt", sagt meine Frau. Sie nimmt derartige Dinge viel früher wahr als ich, und meist haben sie sich erledigt, bevor ich von ihnen erfahren muss.

    Es liegt was in der Luft

    "Du, die Katze kotzt", sagt meine Frau. Sie nimmt derartige Dinge viel früher wahr als ich, und meistens haben sie sich erledigt, bevor ich von ihnen erfahren muss. Mit anderen Worten: Dass sie mir vom Erbrechen unserer Katze erzählt, bedeutet, dass die harmlosen Ursachen – verdorbenes Futter, zu oft von den Pelargonienablegern abgebissen, Haarknäuel im Magen – bereits ausgeschlossen sind und ich mir Sorgen machen sollte. Tue ich auch. "Was hat sie?", frage ich. "Niereninsuffizienz, Pankreatitis oder Krebs", sagt meine Frau. "Was machen wir?", frage ich. "Morgen zur Tierärztin gehen", sagt sie. "Ich muss morgen nach Frankfurt", sage ich. "Das macht in diesem Fall keinen Unterschied", sagt meine Frau.

    Am Abend stelle ich der Katze eine Riesenportion ihres Lieblingsfutters hin. Sie schlingt es ruckzuck runter. Ich will nicht, dass sie krank ist.

    Wenn eine Katze kotzt, tut sie es so, wie man es sich selbst manchmal gern erlauben würde – im Schwall und mit ganzer Kraft. "Ich wollte es nur überprüfen", sage ich. Meine Frau sagt, Empirie dieser Art entspringe, erstens, einem Grundmisstrauen der Welt gegenüber und sei, zweitens, völlig frei von Mitgefühl. Beides mache sie total unsympathisch. Dass Empirie manchmal nichts anderes ist als das umgeleitete Bedürfnis, zaubern zu können, denke ich nur, sage es aber nicht. Nach dem Erbrechen schaut die Katze traurig.

    Später etwas Warmes, sagen sie

    Ich fahre gern mit der Bahn. Die Hypothese mancher Freunde, diese Behauptung sei nichts anderes als ein Deckargument für meine Flugangst, ist falsch. Ich fliege fast so gern, wie ich Bahn fahre. An die Bequemlichkeit der Intercitys der Deutschen Bahn reicht allerdings kein Flugzeug heran. Wien-Frankfurt, sieben Stunden Bequemlichkeit. Tageszeitungen. Snacks. Landschaftskino. Das Essen wird einem zum Platz gebracht.

    Es ist Mittag. Die drei Herren, die rechts von mir, jenseits des Mittelganges, an einem Tisch sitzen, lassen sich Tramezzini bringen. Später etwas Warmes, sagen sie. Sie haben Notebooks und Tablets vor sich liegen und unterhalten sich über die Quadratmeterpreise von Eigentumswohnungen und über die Minimalgeschoßhöhen von Tiefgaragen. "Skiboxen sind ohnehin ein Auslaufmodell", sagt der eine.

    Der Zug befindet sich knapp vor Linz, als der Mann mit dem Abfallwagen zum ersten Mal vorbeikommt. Er ist klein, schlank, dunkelhaarig mit Halbglatze und trägt hellblaue Einmalhandschuhe aus Latex und an seinem Hemd ein Schild mit der Aufschrift 'Dawit'. Er zieht den weißen Wagen hinter sich her, beugt sich links und rechts zu den Fahrgästen und sagt immer das Gleiche: "Haben Sie Mist?" Der eine der drei Männer – hager, blaues Sakko, schwarzer Schnurrbart – schiebt ihm mit dem Unterarm zwei leere Tramezziniboxen und eine kleine PET-Flasche, in der gespritzter Apfelsaft war, hin. "Danke", sagt der Mistmann und versenkt die Sachen in der Einwurföffnung seines weißen Wagens. "Ihr Name ist falsch geschrieben", sagt der Mann mit dem Schnurrbart. Der Mistmann blickt auf sein Namensschild. "Nein", sagt er. "Was soll das heißen – 'Nein'?", fragt der Mann mit dem Schnurrbart.

    foto: picturedesk
    Paulus Hochgatterer sitzt im Zug von Wien nach Frankfurt: sieben Stunden Bequemlichkeit. Tageszeitungen. Snacks. Landschaftskino. Das Essen wird einem zum Platz gereicht. Dann trifft er Dawit.

    "Bei uns gehört das so."

    "Was soll das heißen – 'Bei uns?'"

    "Ich komme aus Georgien", sagt der Mistmann, "da schreibt man das so."

    Der zweite der drei Männer – grauhaarig, Kurzhaarfrisur, Lesebrille mit pink-gelb kariertem Rahmen – lehnt sich vor und fragt: "Hast du deine Karte schon? Blau oder grau? Asyl oder subsidiär?"

    Der Mistmann kehrt mit einer Handbürste Brösel vom Tisch auf eine kleine Schaufel. "Ich bin kein Flüchtling", sagt er.

    "Bei uns schreibt man David mit V und weichem D", sagt der Schnurrbärtige, "erste Klasse Volksschule."

    Der Mistmann wendet sich mir zu. "Haben Sie Mist?" Ich habe nichts.

    "Die meisten von denen sind illegal da, davon muss man ausgehen", sagt der Grauhaarige. Die Leute würden durch Subunternehmen von Subunternehmen angeheuert, sagt er, die Bahn selbst habe da längst keinen Überblick mehr.

    Der Traunstein hilft auch nichts

    Während wir durchs Innviertel fahren, telefoniere ich mit meiner Frau. Niereninsuffizienz, Pankreatitis oder Krebs, habe die Tierärztin gesagt. Sie habe die Katze untersucht und ihr Blut abgenommen, sagt meine Frau, was noch fehle, sei eine Ultraschalluntersuchung. Sie befinde sich grad auf dem Weg in ein Institut im fünfzehnten Bezirk, in dem Derartiges gemacht werde. So oder so brauche die Katze in nächster Zeit eine Infusionsbehandlung, hundertfünfzig Milliliter Ringer-Laktat pro Tag, plus ein Schmerzmittel; sie habe der Tierärztin gesagt, ich könne das. "Natürlich kann ich das", sage ich.

    Ich stelle mir vor, wie die Katze unterm Christbaum an der Infusion hängt, wie sie sich sträubt und flüchten möchte und wie die Infusionen am Ende nichts helfen und sie weiter erbricht. Ich sitze da, links von mir, weit weg, der Traunstein. Der hilft auch nichts.

    Kurz nach der Abfahrt aus Passau bestellen die drei Männer Gulasch. Sie reden über Flecken, die man sich nicht aufs Hemd machen sollte, über die Frage, ob es möglich sei, etwas anderes als Bier zum Gulasch zu trinken, und über das Massieren von Kobe-Rindern. Dann beschäftigen sie sich mit Versicherungsprämien bei Tiefbauprojekten und gehen eine Liste von Gutachtern hinsichtlich ihrer Qualität und Honorarhöhe durch. Dabei verwenden sie ständig das Wort 'Effizienzquotient'.

    Der Mistmann taucht kurz vor Plattling zum zweiten Mal auf. "Haben Sie Mist?", fragt er erneut. "Haben wir Mist?", fragt der Grauhaarige und grinst. "Könnte sein", sagt der Dritte und schiebt mit dem Ellbogen eine zerknüllte Serviette über den Tischrand. Der Mistmann hebt sie wortlos vom Boden auf. "Apropos Bücken", sagt der Grauhaarige, "wie tust du im Zug eigentlich mit deinen Gebeten?" Der Mistmann hat den Blick starr nach vorn gerichtet. "Im Zug bete ich nicht", sagt er. "Da wird's aber nichts mit dem siebenten Himmel", sagt der Dritte. Er ist dick und trägt ein blassrosa Hemd mit weißem Fadenkaro. Als der Mistmann weg ist, lachen die drei laut auf. "Jetzt hat er geschaut", sagt der mit dem Schnurrbart. Die drei Männer steigen in Regensburg aus. "Gute Weiterreise", sagt der Grauhaarige zu mir. Ich murmle irgendwas und gehe aufs WC, um mir die Hände zu waschen.

    Alles weiter wie geplant

    Die Mitteilung meiner Frau kommt eine halbe Stunde später. Im Ultraschall sehe man eine Raumforderung im Bereich der Bauchspeicheldrüse, etwa drei Zentimeter im Durchmesser. Es handle sich entweder um eine Zyste im Rahmen einer Pankreatitis oder um ein Lymphosarkom, einen bei Katzen relativ häufigen malignen Tumor. Metastasen seien im Bauchraum nicht mit Sicherheit auszumachen, daher sei beides möglich. Die Tierärztin habe daraufhin gesagt: alles weiter wie geplant, und zusätzlich ein Mittel gegen Übelkeit aufgeschrieben. Das müsse eigens gespritzt werden. Ich rufe meine Frau an. Sie hebt ab und sagt, es sei ihr nicht nach reden. "Keiner weiß, wie bösartig es ist, daher weiß auch keiner, wie es ausgeht. Das einzig Sichere ist das Kotzen."

    Draußen wird es dunkel. Ich denke an die Bedeutung von Haustieren und daran, dass sich die Frage, ob man eigentlich eine Beziehung zu einem Tier oder zu einer bloßen Projektion hat, in dem Augenblick erübrigt, in dem einem das Tier vor die Füße reihert.

    Als der Mistmann zwischen Nürnberg und Würzburg ein drittes Mal vorbeikommt, spreche ich ihn an. Ich frage ihn nach seinem Familiennamen, das Anreden nur mit dem Vornamen fühle sich komisch an. 'Dawit' sei schon in Ordnung, sagt er, in seinem Fall ganz besonders, heiße er doch Mgeladse, und das merke sich sowieso keiner. "Haben Sie Mist?", fragt er. Ich schüttle den Kopf und frage ihn, ob ihm so etwas öfter passiere. "Was?", fragt er. Ich deute auf den Tisch rechts neben mir. An ihm sitzt jetzt keiner. Er zuckt mit den Schultern. "Vielleicht brauchen die es so", sagt er. Ich frage ihn, ob ich ihn auf ein Getränk einladen dürfe, ich hätte das Bedürfnis nach ein wenig Tratsch, und meiner Frau sei grad nicht nach reden. Er zieht die Stirne kraus, dann blickt er auf die Uhr. "In einer Stunde", sagt er, "auf der letzten Etappe könnte es gehen, zwischen Würzburg und Frankfurt." "Wo?", frage ich. "Im Speisewagen."

    Eine Frage der Kernidentität

    Er sitzt schon da und trinkt Cola. Die Schreibweise seines Namens auf dem Schildchen entspreche am ehesten der buchstäblichen Transkription aus dem Georgischen, und die Frage, ob völlige Eindeutschung oder nicht, sei eine Frage nach der Kernidentität. Das ist das Erste, was er sagt. Er spricht tatsächlich von Transkription und Kernidentität, und das Seltsame ist weniger, dass er das tut, als dass es mich nicht erstaunt. Er erzählt von seiner Familie in Hanau, von seiner Frau und seinen drei Kindern, und davon, dass er in Wahrheit Religionshistoriker sei, aber von seiner halben Stelle am Institut für Ostkirchengeschichte an der Uni in Würzburg nicht leben könne. Daher habe er den Job als Mistmann angenommen. An seinen lehrveranstaltungsfreien Tagen fahre er mit dem Zug, habe Zeit nachzudenken, verrichte eine nicht allzu schwere Arbeit und kriege leidlich dafür bezahlt. So einfach sei das. "Und dieser Satz?", frage ich.

    "Welcher Satz?"

    "Haben Sie Mist?", sage ich. Die Formel klinge wie aus einem schlechten Gastarbeiterfilm. Den Satz habe man ihnen in der Einschulung beigebracht, sagt er, er transportiere Demut und markiere die Position, auf der man sich den Fahrgästen gegenüber befinden solle. Er selbst habe damit kein Problem.

    Er erzählt noch vom traditionell hohen Bildungsgrad der Georgier, von ihrem Stolz und von der Geschichte der georgisch-orthodoxen Kirche, für die er Spezialist sei. Am Ende zeigt er mir ein Foto seines Büros an der Uni. Dann steht er plötzlich auf. Es gebe da noch etwas.

    Fundstücke

    Als er zurückkommt, trägt er einen kleinen, silbergrauen Karton bei sich. Als Mistmann habe man auch sein Vergnügen, sagt er. "Man findet Sachen." Die Dinge, die er bei der Schlusskontrolle am Endbahnhof aus den Sitztaschen ziehe, stecke er in seine Schachtel. Manche behalte er, die meisten nicht. Ob er es tue, habe weder mit materiellem Wert zu tun noch mit poetischer Kraft, sondern eher mit dem Ausmaß an Resonanz, die da zwischen dem Fundstück und ihm selbst entstehe. Er hebt den Deckel, legt nebeneinander einige Dinge auf den Tisch und zählt sie auf: "Eine Nagelschere. Ein Reisenähzeug mit gelbem Lederetui. Ein vollständiger Blister Aspirin. Ein Mitgliedsausweis des Niederösterreichischen Fischereiverbandes. Ein Foto von einer alten Frau." "Was machen Sie mit den Dingen?", frage ich. Das wisse er noch nicht, sagt er, den Fischereiausweis werde er wohl demnächst zurückschicken. Er sei in seinem Leben noch nie Herr über einen Fischereiausweis gewesen. Jetzt wisse er, dass das kein schlechtes Gefühl sei.

    Apropos Zurückschicken, sagt er, das Letzte verlange, dass er ab und zu noch ein wenig kindlich sein könne. Dass er es nicht gleich zurückgegeben habe, habe weniger mit einer speziellen Resonanz zu tun als vielmehr damit, dass er die Sache seinen Kindern zeigen wolle. Ich dürfe ihn trotzdem nicht für einen sentimentalen Spinner halten.

    Der Mistmann zieht ein Smartphone aus der Schachtel und legt es neben die anderen Dinge. Er habe es vor einigen Tagen unter einem Sitz in der ersten Klasse gefunden und sei sofort nach dem Einschalten auf ein kurzes Video gestoßen, das der Besitzer des Gerätes offenbar selbst aufgenommen habe: Auf dem Display ist eine braune Henne mit hellem Hals zu sehen, die breit und flauschig dasitzt und gackernd versucht, sich gegen die menschliche Hand, die sie zum Aufstehen bewegen möchte, zur Wehr zu setzen. Als sie am Ende kapituliert und sich erhebt, erscheint unter ihrem Gefieder ein Knäuel fünf winziger Katzenjungen. "Eine Adoptivmutter", sagt der Mistmann und strahlt.

    Ich denke an Pankreatitis, Krebs und Infusionen unter dem Christbaum, und zwei Dinge sind mir mit einem Mal klar: Erstens wie nahe Kitsch und Eskapismus beisammenliegen, und zweitens, dass die Katze kotzen soll, solange sie möchte. Das ist nämlich die einzige Möglichkeit. (Paulus Hochgatterer, 23.12.2017)

    Paulus Hochgatterer ist ein österreichischer Psychiater und Schriftsteller. Zuletzt erschien "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war" (Deuticke).

    • Dem Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer ist überhaupt nicht danach, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.
      foto: heribert corn

      Dem Psychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer ist überhaupt nicht danach, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.

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