Kontrolle über Entscheidungen: eine Illusion

    21. Dezember 2017, 16:54
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    Wichtig ist, offen zu sein für das, was geschieht – anstatt zu versuchen, zu kontrollieren, wie sich die Dinge entwickeln

    Können Sie sich noch an den Film Die "Truman Show" erinnern, in dem Jim Carrey die nichts wissende zentrale Figur einer live übertragenen Fernsehserie spielte? Beobachtet von Tausenden von Kameras und umgeben von Schauspielern wächst Truman in einer vollkommen kontrollierten und extra für diese Show konstruierten idyllischen Kleinstadt auf. Von Sonne und Mond bis hin zum Wetter und den Gezeiten ist in der überkuppelten Kulissenstadt alles vorprogrammiert. Nichts wird dem Zufall überlassen.

    Erst ein versehentlich heruntergefallener Scheinwerfer stimmt Truman misstrauisch. Es ist dieser Aha-Moment, der Truman in weiterer Folge mehr und mehr den illusorischen Charakter seiner Welt erkennen lässt und letztendlich zur Flucht bewegt. Meine Radtour an die Pazifikküste mit einem verrosteten Fahrrad hat zu einer ähnlichen Erfahrung geführt.

    Alles begann mit Warnungen. Ähnlich wie bei Truman, der davor gewarnt wurde, sich nicht mit einem Segelboot von seiner Küstenstadt wegzuentfernen (um die Künstlichkeit seiner Welt nicht zu entlarven), wurde mir von meiner Tour abgeraten. Zu weit seien die rund 40 Kilometer von Palo Alto bis zur Halfmoon Bay. Ich würde nicht heil zurückkommen. Ich habe die Tour natürlich unternommen und bin wohlauf wieder zurückgekehrt. Belohnt wurde ich mit einem Aha-Moment, der mich einen anderen Blick auf das Silicon Valley und darauf, wie wir Zukunft machen, hat einnehmen lassen. Was ist passiert?

    Wer generiert die größeren Illusionen?

    Zu meiner Überraschung führte mich die Route 92 an unzähligen Christbaummärkten vorbei. Der Anblick von Christbäumen und übergroßen Weihnachtsmannattrappen hat mich überrascht. Ich war schnell in eine andere Gedankenwelt überführt. Anfänglich überwog noch mein Amüsement über das alljährliche Ansinnen, zumindest für ein paar Tage eine vermeintlich heile Welt schaffen zu wollen. Lange im Voraus und mit viel Akribie werden die Weihnachtsfeiertage vorbereitet. Wie in einer Scheinwelt wird alles bis ins Letzte geplant; nichts will man dem Zufall überlassen.

    Mit jedem Pedaltritt aber, mit dem ich mich vom Silicon Valley zu entfernen glaubte, hat der Gedanke an eine Welt, in der eine permanente Kontrolle über die Ergebnisse von Entscheidungen und Handlungen herrscht, meinen Blick zunehmend zurück auf jenes Umfeld gelenkt, das ich glaubte zunehmend zu verlassen. Viele der Gespräche, die ich hier führte, erschienen plötzlich in anderem Licht, und ich begann mich ernsthaft zu fragen, wer von den beiden, Weihnachten oder das Silicon Valley, die größere Illusionen einer Scheinwelt generiert.

    Enormer Leistungsdruck

    Lassen Sie mich dies ausführen mit einem Blick auf die jüngste Generation, die Schülerinnen und Schüler von Palo Alto. Die Schulen hier zählen im nationalen Vergleich zu den besten. Wer hier besteht, kann mit einer Aufnahme an einer Top-Universität rechnen. Das ist auch das große Ziel. Nicht ohne Grund ist in Palo Alto die Schülerselbstmordrate fast dreimal so hoch wie in anderen Bezirken. Der hohe Leistungsdruck gekoppelt mit hohen Erwartungen der Elternteile, von denen fast drei Viertel Akademiker sind, wird als eine zentrale Ursache genannt. In den Universitäten angekommen, ist das nächste große Ziel der Top-Job, dem alles unterworfen wird.

    Eine kontrollierte Umwelt mit Rundumpaket, das Studierende von der Unterkunft bis hin zur Verpflegung versorgt, hilft den Leistungsdruck in dieser Lebensphase zu bewältigen. Erst kürzlich hat ein Student im Stanford Daily über die "bizarre Atemporalität" auf dem Campus geschrieben und von der Gefahr des "Platzens der Blase" nach dem Studium. In der Berufswelt der Großen setzt sich alles fort, denkt man alleine an die eigens geschaffenen Konzernkosmen, die aus Restaurants, Fitnessstudios, Wäscheservice und Hundehaltung bestehen.

    Verantwortung übernehmen!

    Ein ortsansässiger und früh zu Wohlstand gekommener Technologiemanager hat mir in diesem Zusammenhang seine Einsicht mitgeteilt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, da ich diese nicht besser hätte zusammenfassen können: Nachdem er seinen Job gekündigt hatte, ist ihm schnell klargeworden, dass das ganze System darauf ausgerichtet ist, die Illusion zu verstärken, permanent Kontrolle über die Ergebnisse der eigenen Entscheidungen und Handlungen zu haben. Diese Bindung an ein bestimmtes Ergebnis verhindert aber, andere potenzielle Ergebnisse oder Ziele zu sehen.

    Es ist genau diese Art des Silodenkens und -handelns, das wir geerbt haben und das verflochtene, unbewusste und egozentrierte Lösungen verewigt, die für die heutige bestehende Ungleichheit, Umweltzerstörung und die sozialen Konflikte verantwortlich sind. Es liegt an uns, Verantwortung zu übernehmen, unseren Weg zu ändern und eine lebensfähige und blühende Zukunft zu schmieden. Dies erfordert aber, offen zu sein für das, was geschieht, anstatt zu versuchen, zu kontrollieren, wie sich die Dinge entwickeln. (Michael Shamiyeh, 21.12.2017)

    Michael Shamiyeh ist Unternehmer im Bereich Strategy-Foresight & Future-Design und Universitätsprofessor, Leiter des neuen Center for Future-Design mit Sitz an der Kunstuniversität Linz, geführt in Kooperation mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik St. Gallen. Er berichtet von seiner Gastprofessur in Stanford.

    Weitere Beiträge der Serie:

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    Müssen wir Altes ausblenden, um Neues zu schaffen?

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    • Das ganze System ist darauf ausgerichtet, die Illusion zu verstärken, permanent Kontrolle über die Ergebnisse der eigenen Entscheidungen und Handlungen zu haben. Das verhindert aber, andere potenzielle Ergebnisse oder Ziele zu sehen.
      foto: istock

      Das ganze System ist darauf ausgerichtet, die Illusion zu verstärken, permanent Kontrolle über die Ergebnisse der eigenen Entscheidungen und Handlungen zu haben. Das verhindert aber, andere potenzielle Ergebnisse oder Ziele zu sehen.

    • Michael Shamiyeh ist Unternehmer im Bereich Strategy-Foresight & Future-Design und Universitätsprofessor, Leiter des neuen Center for Future Design mit Sitz an der Kunstuniversität Linz, geführt in Kooperation mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik St. Gallen. Er berichtet von seiner Gastprofessur in Stanford.
      foto: ho

      Michael Shamiyeh ist Unternehmer im Bereich Strategy-Foresight & Future-Design und Universitätsprofessor, Leiter des neuen Center for Future Design mit Sitz an der Kunstuniversität Linz, geführt in Kooperation mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik St. Gallen. Er berichtet von seiner Gastprofessur in Stanford.

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