"Diese User halten an ihrem Frauenhass fest"

    Interview31. Dezember 2017, 12:00
    855 Postings

    Viele Userinnen kämpfen mit frauenfeindlichen Postings, prominente wie unbekannte. Genderexpertin Sabine Grenz über die verzerrte Wahrnehmung des digitalen Frauenhasses

    Auch dieses Jahr kämpften viele mit frauenfeindlichen Beschimpfungen im Netz. Etwa öffentliche Personen wie die Grünen-Politikerinnen Sigrid Maurer und Maria Vassilakou. 2014 traf die ehemalige Frauenministern Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ein Sturm an sexistischen Postings im Zuge einer Debatte über den neuen Text der Bundeshymne, der auch die "Töchter" benennt. Auch Sexismus in Postings über Künstlerinnen wie Stefanie Sargnagel und die Geschlechterforschung sind beständig ein Thema. Eine im November veröffentlichte Studie konnte zeigen, dass für Frauen abseits der öffentlichen Bühne das Netz ebenso ein bedrohlicher Ort sein kann und sie nach negativen Erfahrungen ihre Meinung in sozialen Medien nicht mehr oder nur abgeschwächt äußern.

    Sabine Grenz, Professorin für Gender-Studies in Wien, analysiert in diesem Wintersemester gemeinsam mit Studierenden solche Postings, konkrete Beispiel entnimmt sie aus dem Forum eines Interviews, das DER STANDARD mit ihr im April zum Thema Geschlechterforschung geführt hat.

    STANDARD: Politikerinnen werden im Netz laufend Zielscheibe frauenfeindlicher Untergriffe. Verrät dieses Phänomen den Status quo von Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft?

    Grenz: Nein, das wäre eine verzerrte Wahrnehmung. Eine deutsche Studie konnte zeigen, dass es nur eine kleine Gruppe ist, die sich immer wieder und sehr vehement extrem frauenfeindlich äußert. Diese Gruppe ist aber sehr aktiv, sie informieren sich gegenseitig und schießen sich auf bestimmte Themen ein. Ich glaube aber nicht, dass diese frauenfeindlichen Positionen, die in Foren oder sozialen Medien geäußert werden, repräsentativ sind.

    STANDARD: Es scheint, dass vorwiegend Politikerinnen aus dem linken Spektrum betroffen sind und sich frauenpolitisch feministisch positionieren.

    Grenz: Die Angriffe richten sich in erster Linie gegen Feminismus. Und der äußert sich natürlich stärker im grünen und sozialdemokratischen Spektrum. Diese Politikerinnen äußern sich stärker gegen tradierte Familien- und Geschlechterbilder, das tun Politikerinnen rechtskonservativer Parteien deutlich weniger. Der Hass richtet sich also ganz besonders gegen Frauen – oder auch Männer –, die gängige Geschlechterkonstruktionen hinterfragen.

    STANDARD: Sie selbst sind als Genderforscherin ebenfalls Ziel dieser Aktivitäten von Männerrechtlern im Netz. Nahezu jeder Beitrag über Geschlechterforschung zieht massive Kritik an der Disziplin und frauenfeindliche Stereotype nach sich. Liegen hier ähnliche Mechanismen vor?

    Grenz: Ja – nur wird hier nicht eine bestimmte Politik, sondern das Forschungsfeld per se angegriffen. Es wird davon ausgegangen, dass die sozialen Verhältnisse natürliche seien und keiner geschichtlichen Entwicklung unterliegen. Häufig wird auf Familienidylle der 1950er-Jahre zurückgegriffen. Wenn man das infrage stellt, egal ob als Politikerin oder als Wissenschafterin, wird man angegriffen. Die hasserfüllten Reaktionen gehen aber weit über eine Abwehr des Infragestellens konservativer Werte hinaus, sondern darin findet sich extreme Frauenfeindlichkeit. Und genau deshalb glaube ich auch nicht, dass das repräsentativ für die Gesellschaft ist.

    STANDARD: Der Frauenhass in Teilen der sozialen Medien oder Foren ist also keine Mainstreammeinung?

    Grenz: Nein, das glaube ich wirklich nicht. Dass Frauen weniger Rechte zugesprochen werden und dass es Gewohnheiten von Privilegierung und Nichtprivilegierung gibt, das steht außer Frage. Aber zwischen dem und dem extremen Frauenhass, der sich in verschiedenen Foren Raum schafft, gibt es einen großen Unterschied.

    STANDARD: Kann die weltweite Aufmerksamkeit für die Kampagne #MeToo auch der verbalen Gewalt gegen Frauen im Netz etwas entgegensetzen?

    Grenz: Die Debatte trägt sicher dazu bei, dass sich die Sensibilität erhöht. Doch die antifeministischen Netzaktivisten sind nicht repräsentativ, und deshalb wird sich das auf das Phänomen von Hass gegen Frauen im Netz vermutlich weniger oder gar nicht auswirken. Diese User halten sehr wahrscheinlich an ihrem Frauenhass fest, das ist genauso wie bei Rechtsextremen. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Gesellschaft nicht weiterentwickelt. Das Problem besteht aber, dass diese Gruppen aus ihren extremen Ecken heraus wiederum auf die Gesellschaft einwirken und Fortschritte rückgängig machen. Davor müssen wir uns schützen.

    STANDARD: Schenkt man diesen frauenfeindlichen Gruppen also zu viel Aufmerksamkeit und bewirken womöglich Kritikerinnen von Sexismus im Netz sogar das Gegenteil?

    Grenz: Wenn man diesen Gruppen Aufmerksamkeit schenkt, dann müssen sie in ihrer Argumentationen auch analysiert werden. Der Sexismus muss benannt werden und als solcher auch verstehbar gemacht werden. Eine schlichte Wiederholung des Gesagten würde aber als Verstärker funktionieren. Es gibt leider viele Menschen, die jedem Beitrag in Foren oder sozialen Medien glauben, seien es noch so krude Ansichten. (Beate Hausbichler, 31. 12.2017)

    Sabine Grenz (geb. 1967) ist seit April Professorin für Gender-Studies an der Universität Wien. Sie studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie in Köln und Gender-Studies an der London School of Economics and Political Science.

    Link

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    Info

    DER STANDARD hat Sabine Grenz aus Anlass des Antritts ihrer Professur im Frühjahr interviewt. Sie wird dieses Semester mit Studierenden das Forum zu dem Interview analysieren, um mehr über gängige Argumentationsmuster gegen Geschlechterforschung zu erfahren. DER STANDARD wird über die Ergebnisse berichten.

    • Der Hass richtet sich vor allem gegen jene, die gängige Geschlechterbilder hinterfragen, ist Sabine Grenz überzeugt.
      foto: heribert corn

      Der Hass richtet sich vor allem gegen jene, die gängige Geschlechterbilder hinterfragen, ist Sabine Grenz überzeugt.

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