Katalonien: Finale Direktschaltung ins Dorf des "Presidente"

    20. Dezember 2017, 17:58
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    Über eine Videokonferenz aus Brüssel ruft Carles Puigdemont, der abgesetzte Regionalpräsident Kataloniens, zur Wahl auf. Sein Bündnis hat in Umfragen zwar verloren, die separatistischen Parteien liegen aber knapp vorn

    Der Gemeindesaal in Amer ist voll besetzt. Es ist der letzte Tag des Wahlkampfs für die von Madrid auf Donnerstag vorgezogene Neuwahl zum katalanischen Autonomieparlament. Das 2.000-Einwohner-Dorf am Rand der Pyrenäen ist Heimatort des abgesetzten und nach Belgien geflohenen katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont, der erneut für das Amt kandidiert. Ihm droht Haft, sollte er spanischen Boden betreten. Deshalb findet das Ende des Wahlkampfs virtuell statt. Puigdemont redet per Streaming zu den Seinen in Katalonien.

    "Presidente, Presidente ...", rufen sie, als ihr "Carles" endlich auf der Leinwand erscheint. In Amer kennt jeder Puigdemont, der durch das verbotene Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober und die Ausrufung der "katalanischen Republik" am 27. Oktober weit über Spanien hinaus von sich reden gemacht hat.

    Konditorensohn

    Die Älteren haben den 54-jährigen Sohn der örtlichen Konditorenfamilie aufwachsen sehen. Die Jüngeren kennen ihn von seinen Ferienaufenthalten im Heimatort. Alle wissen um den Werdegang des Journalisten zum Bürgermeister der Provinzhauptstadt Girona, zum Abgeordneten im Autonomieparlament und schließlich 2015 zum Chef der Autonomieregierung. Unter den rund 70 Anwesenden im Saal sind die Eltern, einige seiner sieben Geschwister und Jugendfreunde wie Salvador Carlà, der für Puigdemonts Bündnis Gemeinsam für Katalonien (JxCat) kandidiert.

    Von Brüssel aus hat der ehemalige Regierungschef die 135 Kandidaten gegen den Widerstand in seiner Demokratisch-Europäischen Partei Kataloniens (PDeCat) persönlich zusammengestellt. Ihn zu wählen sei der einzige Weg, um den Parteien, die der Zwangsverwaltung Kataloniens mithilfe des Verfassungsartikels 155 zugestimmt haben, zu zeigen, dass Katalonien entschlossen sei. Die "Parteien des 155.", wie Puigdemont sie nennt, sind der Partido Popular (PP), die Sozialisten und die rechtsliberalen Ciudadanos (Cs), die darauf hoffen, stärkste Partei zu werden.

    Ausgerufen wurde die Neuwahl vom spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, nachdem er die Autonomieregierung des Amtes enthoben und die Verwaltung der nordostspanischen Region seinen Madrider Ministerien unterstellt hatte. Die katalanische Regierung und das Präsidium des Autonomieparlaments wurden von der spanischen Justiz wegen Rebellion, Aufstands und der Veruntreuung öffentlicher Gelder angezeigt. Darauf stehen bis zu 55 Jahre Haft.

    Puigdemont setzte sich im Oktober mit vier Ministern nach Brüssel ab. Ex-Innenminister Joaquim Forn und Puigdemonts Vize Oriol Junqueras, Spitzenkandidat der Republikanischen Linken Kataloniens (ERC), sitzen in Spanien in Untersuchungshaft. Junqueras liefert sich mit Puigdemont einen Wahlkampf um den Sieg im Unabhängigkeitslager.

    Der Weihnachtsbaum auf dem Platz in Amer ist mit gelben Schleifen dekoriert, die Straßenlaternen ebenso. Im Gemeindesaal nimmt die Bürgermeisterin Maria Rosa Vila neben den Eltern Puigdemonts, einem Onkel und Carlà in der ersten Reihe Platz.

    "Dann kommt er zurück"

    Während Puigdemonts Anhänger in Amer nach seiner Rede die katalanische Hymne anstimmen, verspricht die Cs-Kandidatin Inés Arrimadas vor Anhängern in Barcelona, "mit dem Nationalismus Schluss zu machen". Viele in Katalonien wünschen sich genau das, aber es sind auch Sätze, die manchen Angst machen. Sie fürchten um das katalanischsprachige Bildungssystem, das öffentliche Fernsehen und die Autonomierechte der Region.

    "Wenn das Volk Puigdemont nicht den ersten Platz verschafft, ist das ein Sieg für Rajoy", sagt Jugendfreund Carlà in Amer. Er hofft, dass JxCat die Aufholjagd gelingt und die Liste – entgegen den Umfragen – doch noch stärkste Partei wird. Puigdemonts Vater hat seinen Sohn in Brüssel nicht besucht. Er deutet auf seinen Stock. 88 Jahre und die harte Arbeit in der Backstube haben ihre Spuren hinterlassen. Wie alle hier glaubt er an einen erneuten Einzug Puigdemonts in die Generalitat. (Reiner Wandler aus Amer, 20.12.2017)

    • Carles Puigdemont sitzt in Brüssel fest, weil ihm Haft droht, sollte er spanischen Boden betreten. Trotzdem tritt er bei der Wahl an.
      foto: afp / javier soriano

      Carles Puigdemont sitzt in Brüssel fest, weil ihm Haft droht, sollte er spanischen Boden betreten. Trotzdem tritt er bei der Wahl an.

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