Jazz heute: Eine Party der Parallelwelten

Analyse21. Dezember 2017, 08:00
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Seit den späten 1960ern setzt der Jazz auf Innovation durch Stilfusion. Mittlerweile scheint der Zwang zum Neuen einer Offenheit gewichen zu sein, die Jazz als Ansammlung musikalischer Parallelwelten erscheinen lässt

Wien – "Im Großen und Ganzen war der Jazz immer so etwas wie der Mann, dem man seine Tochter nicht anvertrauen wollte ...", witzelte einst Duke Ellington. Der Komponist und Big-Band-Sir konnte auch in den 1970ern – ironisch definierend – an eine Zeit zurückdenken, als der Jazz um die Anerkennung als ernstzunehmende Kunstform kämpfte. Ellington meinte aber auch die Aura des Jazz, eines Genres also, welches das schlaflos pulsierende, authentische Leben symbolisierte.

Dies Flair wurde dem Jazz seit seiner Geburt in New Orleans zugebilligt, und auch in puncto Innovation wurde vom swingenden Genre einiges erwartet: Die Regentschaft des Swing wurde in den 1940ern durch den Bebop (eines Charlie Parker und Dizzy Gillespie) virtuos und harmonisch komplex infrage gestellt. Der Hardbop brachte soulige Bluesness ein, während der Cool Jazz der 1950er kontrapunktische Entschleunigung zelebrierte. Schließlich aber pulverisierte der Free Jazz zornig alle Regeln in Sachen Harmonie, Rhythmus und Form, was die Beantwortung der Frage extrem erschwerte, wie es denn nun weitergehen sollte.

Funk trifft Jazz trifft Rock

Einem Duke Ellington konnte dies einerlei sein. Längst zum Klassiker des Genres geworden, zelebrierte er – bis zu seinem Tod 1974 – distinguierte, großorchestral swingende Kunst in Tempeln der Hochkultur, in die der Jazz längst Einzug gehalten hatte. Schon mit dem Tod von Innovator John Coltrane (1967) wurde die Frage des "Neuen im Jazz" allerdings eine Art Plage. Und sie wurde eigentlich nur noch in Form von Stilfusionen beantwortet. Eine aus sich selbst heraus neu wirkende Stilistik fehlte.

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Miles Davis zelebrierte die Verbindung von Jazz, Funk und Rock zur psychedelischen Fusionmusik. Saxofonist Ornette Coleman lieferte mit seinem Free Funk Interessantes. Es sollte jedoch dauern, bis die New Yorker Szene um den Saxofonisten John Zorn die Methode der Stilverbindung postmodern auf die Spitze trieb: In Stücken, die collagemäßig angelegt waren, schienen in Minuten alle Stile des 20. Jahrhunderts vorbeizurauschen. Bis heute bleibt dieser Zorn-Versuch ein Rufzeichen der Frische, dem wenig folgte.

"Wer Musik kategorisiert, limitiert sie. Jazz lässt sich nicht limitieren", meint zwar die kommerziell erfolgreich zwischen Tradition und Popnähe changierende Sängerin Melody Gardot. Allerdings scheint gerade mit dem Lancieren von Verkaufskategorien mittlerweile das innovative Flair des Jazz bloß behauptet zu werden. Dem kreativen Individuum kann es egal sein. Hinter manchem Modewort, das die Annäherung des Jazz an Popphänomene meint, verbirgt sich tatsächlich Interessantes. Da gab und gibt es Smooth Jazz, Acid Jazz oder die Verbindungen mit Hip-Hop (Miles Davis' Doo Bop, 1992 postum erschienen) und auch Nu Jazz: Letzterer wird – unter Zuhilfenahme von Elektronik – in den Händen origineller Instrumentalisten aber zur reizvollen Variante aktueller Improvisationskunst.

Junge Tasten

Pianist Bugge Wesseltoft (markante CD: New Conception of Jazz) und der Trompeter Nils Petter Molvær sind dabei spannende Vertreter einer Generation, die Modesounds mit Substanz würzen. Auch in den USA Markantes: Pianist und Romantikfan Brad Mehldau weist in seinen Improvisationen erfrischend subjektive Züge auf. Pianist Jason Moran – tief in der Tradition verwurzelt – ist immer gut für raffinierte Versuche, experimentell zu wirken. Und eine Bassistin, Sängerin und Komponistin wie Esperanza Spalding versprüht lebendig-vielseitige Musikalität – etwa auf Radio Music Society in Stücken wie Radio Song. Auch ein Trompeter wie der impulsive Ambrose Akinmusire gibt – wie Spalding – Hoffnung für das Improvisationsgenre.

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Grundsätzlich scheint es aber so: Der Innovationsstress ist einem friedlichen Nebeneinander der Zugänge gewichen. Jazz präsentiert sich als Party der Parallelwelten, zu denen auch der kommerziell erfolgreiche Neotraditionalismus zählt, der mit Trompeter Wynton Marsalis einen dogmatisch gefärbten Durchbruch erreichte.

richard gimenez

Natürlich lässt sich skeptisch fragen: Welchen Stil hätten wir heute, wenn ein Charlie Parker dieselbe ästhetische Position des Bewahrens forciert hätte wie Marsalis? Sicher keinen Bebop. Als Originalklangbewegung des Jazz geht das, was Marsalis predigt, jedoch durch. Eigentlich auch das, was eine Sängerin wie Diana Krall haucht oder Saxofonisten wie Joshua Redman und James Carter vollbringen. Besonders an Carter ist zu erkennen, dass Tradition durch impulsive Interpreten zeitgenössisch wirken kann. Carters Energieentfaltung lässt ihn zum Vertreter der lebendigen Tradition werden.

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Sänger Gregory Porter – selbst Traditionalist – fasst es zusammen: Er will in den Jazz "eine Emotionalität bringen, die vermisst wurde. Prinzipiell finde ich: Beim Künstler sollte ein individuelles Charisma existent sein. Als Hörer will ich ihn, den Künstler, also dessen Persönlichkeit, hören." Es ist darin Wesentliches für den Jazz, für Musik schlechthin, enthalten. Fragen der Innovation erfordern Antworten, selbige pausieren jedoch, sobald ein Interpret oder Komponist mit persönlichem Tonfall glänzt. Solange das Musizieren nicht an Roboter delegiert wird, ist es also um den Jazz nicht schlecht bestellt. (Ljubiša Tošić, 21.12.2017)

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    Wichtige Vertreterin des heutigen Jazz: Bassistin Esperanza Spalding.

  • Besungene Tradition: Gregory Porter.
    foto: apa/afp/valery hache

    Besungene Tradition: Gregory Porter.

  • Pianist Brad Mehldau.
    foto: apa/afp/vanina lucchesi

    Pianist Brad Mehldau.

  • Saxofonist James Carter.
    foto: keystone/jean-christophe bott/ap/dapd

    Saxofonist James Carter.

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