Was heißt schon einvernehmlicher Sex?

Kolumne21. Dezember 2017, 08:00
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Es gibt großen Redebedarf. Über rote Linien, sexuelle Begegnungen und die Frage, was es bedeuten würde, wenn alles wieder "wie früher" wäre

Sie haben es vermutlich gelesen: In Schweden soll ein Gesetz auf den Weg gebracht werden, das darauf abzielt, dass Nein nicht nur Nein heißt, sondern dass nur Ja auch wirklich Ja bedeutet.

Vielen geht das deutlich zu weit. Selbst wenn man nicht wie das Magazin "Focus" in gespielter Ungläubigkeit feststellen mag, dass das dann ja auch "für die eigene Ehefrau" gilt, und damit beiläufig so tut, als wäre Vergewaltigung in der Ehe keine gesellschaftliche, endlich strafbewehrte Realität, drängt sich die Frage auf, wohin das alles führen soll. Sind das die vielzitierten vermeintlichen "neuen roten Linien", die jetzt im Miteinander von Männern und Frauen eingezogen werden? Und wie sollen wir dann überhaupt noch ins Gespräch miteinander kommen, flirten, Sex haben?

Wir müssen reden

Anscheinend besteht über diese Themen großer Redebedarf. Also lassen Sie uns reden. Aber nicht, ohne dabei dieses obskure Früher in die Schranken zu weisen, in dem angeblich alles viel besser war, weil Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren. Wo alle wussten, was gespielt wird, während heute kaum jemand ein beziehungstaugliches Licht am Ende des #MeToo-Tunnels zu sehen vermag. Wegen der Regeln und der Nichtregulierungen von diesem Früher stecken wir nämlich in diesem Dilemma. Zu behaupten, dass früher alles einfacher war, heißt auch festzustellen, dass Männern wie Harvey Weinstein ihr Machtmissbrauch und die Vertuschung ihrer Übergriffe früher leichter gemacht wurden. Deswegen sind wir hier, führen die Debatte, ringen um klarere Verbindlichkeiten und sinnvollere Regeln. Deshalb streiten wir.

Denn der Worte sind nicht genug gewechselt. Wir haben immer noch nicht ausreichend verstanden und nicht genug geredet. Über Einvernehmlichkeit und Sex als Belohnung zum Beispiel. Über Geburtstagssex und den Schniblo-Tag, um die Dinge mal beim Namen zu nennen. Falls Ihnen die beiden Begriffe nichts sagen: Als Geburtstagssex gilt gemeinhin die Art von Sex, die sich heterosexuelle Männer einmal im Jahr von ihren Partnerinnen wünschen dürfen oder angeboten bekommen. Irgendetwas, das den Rahmen dessen, wozu die Partnerin Lust hat, deutlich sprengt, aber zur Feier des Tages umgesetzt wird.

Fleisch und Sex

Und der Schnitzel-Blowjob-Tag wurde halbironisch als inoffizieller Feiertag eingeführt, um darauf hinzuweisen, dass Männer einen Monat nach der romantischen Schwerstarbeit zum alljährlichen Valentinstag auch einen Tag haben sollten, an dem sie bekommen, was sie sich wünschen. Fleisch und Sex nämlich. Ist das noch unter der strapazierten Forderung nach Einvernehmlichkeit zu subsumieren? Vermutlich schon. Sex findet hier ja in gegenseitigem Einverständnis statt. Auch wenn das bedeutet, dass sie sich dabei womöglich in sexuelle Handlungen fügt, die ihr nicht behagen, und er diese einfordert, obwohl er vermutet oder weiß, dass sie jenseits dessen liegen, was sie als angenehm empfindet. Wie nennt sich das dann – emotional erzwungene Einvernehmlichkeit? Dass dieses Thema gerade unter ziemlich vielen Nägeln brennt, zeigt auch der Erfolg einer Kurzgeschichte aus dem Magazin "New Yorker".

Darin kommt es zu einer recht ernüchternden sexuellen Begegnung zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann. Sie zieht diese Begegnung durch, weil sie nicht als schwierig gelten und seine Gefühle verletzen will. Sie stellt ihn zufrieden. Ihm obliegt es, die gesamte Begegnung zu gestalten. Er nimmt sich. Beide reden gar nicht oder aneinander vorbei.

Diese eher anekdotische Herangehensweise an das Thema hat einen verifizierbaren Hintergrund: Laut einer britischen Studie setzen zwei von drei Frauen, aber nur jeder zehnte Mann Sex zu Belohnungszwecken ein. Wir leben also in einer Gesellschaft, in der Frauen großflächig den Eindruck gewinnen müssen, ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr Nein sagen zu können, weil die Situation es nicht mehr zulässt und es einfacher zu sein scheint, sich in sexuelle Handlungen fügen.

Verlorene Leichtigkeit

Sie entschärfen damit Konflikte und belohnen Verhalten. Männer hingegen halten es zu oft für ihre Aufgabe und ihr Vorrecht, Sex zu initiieren, einzufordern und auszugestalten. Und sind irritiert, wenn sie sich entsprechend verhalten glauben zu haben und ihnen "ihre Belohnung vorenthalten wird". In einem solchen Rahmen ist es nicht ausreichend, nur über Einvernehmlichkeit zu sprechen. Wenn wir gesetzliche Regelungen wie die in Schweden wirklich überflüssig machen wollten, müssten wir genau solche neuralgischen Punkte angehen, anstatt sie notdürftig mit einem Früher zu bemänteln. Woher kommt diese Unwucht? Was macht das mit uns? Und wie lässt sich der Status quo für alle Beteiligten verbessern?

Es mag sein, dass mit solchen Überlegungen die Leichtigkeit verlorengeht. Aber es ist eben auch die Leichtigkeit, sich einer anderen Person zu bemächtigen, ihre sexuelle Selbstbestimmung zu brechen oder unter ihr hindurchzuschlüpfen, weil man glaubt, sich eine Belohnung verdient zu haben. Und mit diesen Dingen sollten wir uns gar nicht schwer genug tun können. (Nils Pickert, 21.12.2017)

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  • Noch immer wurde nicht ausreichend geredet. Über Sex als Belohnung zum Beispiel.
    foto: getty images/istockphoto/anetlanda

    Noch immer wurde nicht ausreichend geredet. Über Sex als Belohnung zum Beispiel.

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