Biologin: "50-prozentige Kaiserschnittrate muss zu denken geben"

    Interview21. Dezember 2017, 11:00
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    Warum sich Menschen bei der Geburt noch immer so schwertun: Barbara Fischer erforscht das Geburtsdilemma

    STANDARD: Sie sprechen von einem "evolutionären Pfusch", was die Größe der Köpfe von Neugeborenen im Verhältnis zum Geburtskanal des weiblichen Beckens anbelangt. Wie meinen Sie das?

    Fischer: Der Gedanke, dass die Natur nicht alle Dinge optimal eingerichtet hat, ist für viele Menschen überraschend. Dabei müssen Sie nur an unsere Zähne denken, die so vielen Menschen Probleme verschaffen. Die Geburt ist auch so eine Sache. Evolutionärer Pfusch, das mag hart klingen. Aber das weibliche Becken ist eine Schwachstelle, weil es viel zu eng für den verhältnismäßig großen Kopf der menschlichen Säuglinge ist – und deshalb große Schmerzen und Risiken mit sich bringt.

    STANDARD: Der Geburtsschmerz war also der Ausgangspunkt Ihrer Forschungsarbeit?

    Fischer: Als Evolutionsbiologin habe ich einen spezifischen Blick auf das Leben. Man sieht die Dinge nicht statisch, sondern historisch bedingt. Wenn es um das Überleben geht, ist die Evolution sehr geschickt, Mängel zu bereinigen – ansonsten könnten die Gene nicht weitergegeben werden, und die Art würde aussterben. Es war mir also rätselhaft, warum nach hunderttausenden Jahren das Geburtsdilemma beim Menschen noch immer nicht gelöst ist.

    STANDARD: Wie kam es aus evolutionsbiologischer Sicht dazu?

    Fischer: Die Anpassung an den aufrechten Gang machte das Becken im Lauf der Evolution schmäler. Später wurden die Köpfe der Menschen immer größer – wir sind intelligenter geworden und unsere Gehirne größer. Seither passen die Schädel nur noch schwer durchs Becken. Im Vergleich zu anderen Primaten haben wir überproportional große Säuglinge mit riesigen Schädeln. So landen wir bei der problematischen Geburt. Das ist auch der Grund, weshalb wir Geburtenstationen, Hebammen und Gynäkologen benötigen. Heute können Mütter bei einem Geburtsstillstand glücklicherweise einen Kaiserschnitt vornehmen lassen. Ein Hoch auf die moderne Geburtshilfe! In Ländern ohne ausreichende medizinische Versorgung, wo Frauen allein ein Kind zur Welt bringen müssen, bedeutet ein Becken-Kopf-Missverhältnis immer noch den sicheren Tod, oft für beide.

    STANDARD: Jedes vierte Kind wird in Europa per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Österreich liegt mit 28,8 Prozent im oberen Mittelfeld. Die Zahlen variieren sehr: In Island sind es 14,8 Prozent, in Zypern 52,2. Medizinische Indikation kann also nicht der alleinige Grund für die Unterschiede sein.

    Fischer: Das ist natürlich nicht mehr durch die medizinische Indikation erklärbar. Die Kulturen rund um die Geburt sind unterschiedlich. In skandinavischen Ländern ist die Geburt sehr hebammenzentriert. Auch in Österreich könnten viele Kaiserschnittgeburten vermieden werden. Eine 50-prozentige Kaiserschnittrate muss einem jedenfalls zu denken geben.

    STANDARD: Welche zusätzlichen Faktoren begünstigen einen Kaiserschnitt?

    Fischer: In einem noch unveröffentlichten Forschungsprojekt habe ich mir angesehen, wie die Kaiserschnittraten in der Bevölkerung variieren. Das ist nicht unabhängig von Alter, Körpergewicht und Körpergröße. Die Kaiserschnittraten gehen beispielsweise mit dem Alter in die Höhe. Ein Grund für die Zunahme mit dem Alter könnte sein, dass die Kontraktionsfähigkeit der Gebärmutter abnimmt.

    STANDARD: Hat sich die Geburt per Kaiserschnitt von der Notmaßnahme zur Geburtsmethode des 21. Jahrhunderts entwickelt?

    Fischer: In manchen Kreisen ist der Kaiserschnitt die Standardentbindung geworden. In Brasilien bringt mehr als jede zweite Frau ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Natürlich ist es absurd, wenn man sich in manchen Ländern rechtfertigen muss, weil man sein Kind natürlich zur Welt bringen möchte. In Österreich hat sich die Kaiserschnittrate seit Beginn der 1990er-Jahre verdoppelt. Seither hat sich aber auch die Population der Mütter verändert. Das muss man mitbetrachten. Das durchschnittliche Alter der Mütter ist gestiegen, die Anzahl der Kinder pro Frau ist gesunken. Beides trägt zu einer höheren Kaiserschnittrate bei.

    STANDARD: Spontangeburt versus Kaiserschnitt: Das Thema wird kontrovers diskutiert. Manche sagen, die natürliche Geburt sei vorteilhafter für das Kind, weil der Weg durch den Geburtskanal für die kindliche Entwicklung und die Stärkung des Immunsystems wichtig sei. Was entgegnen Sie diesem Argument?

    Fischer: Es ist belegt, dass bei einer vaginalen Geburt Keime der Mutter auf das Kind übergehen. Kinder haben dann ein anderes Mikrobiom, eine andere Bakterienflora am Körper und auch im Verdauungstrakt als Kinder, die durch einen Kaiserschnitt geholt werden. Aber: Deshalb medizinisch notwendige Kaiserschnitte zu verteufeln erscheint mir weit hergeholt. Immerhin werden dadurch Leben gerettet – von Kindern und Müttern. Das muss man sich bewusst machen.

    STANDARD: Geburten per Kaiserschnitt werden als kontrollierbarer angesehen. Sie lassen sich leichter in die organisatorischen Abläufe einer Klinik einbinden als Spontangeburten. Studien sprechen von einer Tendenz zur vermeintlichen Risikovermeidung, wo auch haftungsrechtliche Gründe eine Rolle spielen. Wie sehen Sie das?

    Fischer: Aus Ärzteperspektive muss man das schon verstehen: Wenn ein Kind im Bauch der Mutter noch gesund war und es nach der Geburt nicht mehr ist, dann hat der Geburtshelfer natürlich ein Riesenproblem. Umgekehrt: Wenn bei einer Frau, bei der wenig Risiko vorliegt – etwa wenn das Kind in Steißlage ist und durchaus natürlich zur Welt kommen könnte, was in Österreich aus Gründen der Risikovermeidung aber nur noch selten gemacht wird – ein Kaiserschnitt vorgenommen wird, dann war es vielleicht einer zu viel, aber das Kind ist gesund. Risikovermeidung ist aus Ärztesicht sehr nachvollziehbar. Denken Sie an Zwillingsgeburten: Früher wurden sie natürlich entbunden, mittlerweile werden sehr viele per Kaiserschnitt geholt, um das Risiko klein zu halten. (Christine Tragler, 21.12.2017)

    Barbara Fischer (36) ist Wissenschafterin am Konrad-Lorenz-Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung in Klosterneuburg. Nach ihrem Studium der Biologie und Mathematik und einem einjährigen Intermezzo als Lehrerin zog es sie in die Forschung. Auf ein Doktorat in Bern folgte eine Postdoc-Stelle in Oslo. Für ihre Forschungsarbeit zum Geburtsdilemma aus evolutionsbiologischer Sicht wurde sie dieses Jahr mit dem Wissenschaftspreis des Landes Niederösterreich ausgezeichnet.

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    • Barbara Fischer betrachtet das Geburtsdilemma aus evolutionsbiologischer Perspektive.
      foto: barbara fischer

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