Migrationsexperte: Negative Aspekte in Medien überbetont

20. Dezember 2017, 08:22
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IOM-Berater Gervais Appave wünscht sich "eine tiefere und rationalere Auseinandersetzung" mit dem Thema

Wien – Gervais Appave von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kritisiert die Überbetonung negativer Aspekte in der Berichterstattung über Migration. Der Berater des IOM-Generaldirektors begrüßt im APA-Interview zwar die gestiegene Aufmerksamkeit für Fragen der Migration, wünscht sich aber "eine tiefere und rationalere" Auseinandersetzung mit dem Thema.

Appave bringt Verständnis dafür auf, dass negative und Aufsehen erregende Geschichten prominent platziert werden, denn oft seien diese besonders dramatisch und berührend: "Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, oder die Menschen, die in den Gefangenenlagern in Libyen festsitzen". Man brauche aber auch eine "rationale Auseinandersetzung" darüber, was "Migration bedeutet und wie sie die Zukunft unserer Welt gestaltet." Die Chancen, die Migration biete, würden medial kaum belichtet.

Von Ängsten geprägt

Der Diskurs über Migration sei von Ängsten geprägt. Dies hat laut Appave mehrere Gründe. "Zunächst kämpfen die Industriestaaten noch immer mit der Wirtschaftskrise." Mit höheren Wachstumsraten wäre die Stimmung "ganz anders". "Die lokale Bevölkerung fühlt sich ein wenig verletzlich und bedroht. Das hat vielleicht weniger mit der Realität als mit der Wahrnehmung zu tun." Aber es gebe auch eine "Realität der Wahrnehmungen".

Ein anderer Grund sei, dass sich die "Mobilität auf der Welt unglaublich schnell erhöht" habe. Das stelle nationale Identitäten und alte Gewissheiten infrage. Außerdem sei das "sensible Thema" Migration "leider" zu einem "politischen Spielball" geworden. "Es ist ein Thema, das Wahlen entscheiden kann." Dies stehe einer rationalen Suche nach effizienten Lösungen im Wege.

Generell zeigte sich Appave aber optimistisch, dass die Herausforderungen gemeistert werden können. In diesem Zusammenhang strich er den globalen Flüchtlings- und Migrationspakt der UNO hervor, der seit dem Vorjahr ausgearbeitet wird. "Für uns Praktiker war das eine echte Kehrtwende, etwas Großartiges, das vor 5 Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre." (APA, 20.12.2017)

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