Musa-Chef Ecker: "Nicht alles, was erinnernswert ist, bleibt erhalten"

    20. Dezember 2017, 15:00
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    Als Anhängsel der Magistratsabteilung 7 ist das Musa bald Geschichte, mit 2018 wird es zur Dependance des Wien-Museums. Ein Gespräch mit Berthold Ecker über Glücksgefühle beim Schätzeheben und die Fähigkeit zur Selbstironie

    Wien – Anfang 2018 erfährt die Wiener Museumslandschaft eine strukturelle Veränderung. Das 2007 gegründete Museum Startgalerie Artothek (Musa) wird an das Wien-Museum angegliedert. Derzeit gehört der Ausstellungsraum unweit des Rathauses zur Kulturabteilung der Stadt Wien. Rund 40.000 Werke umfasst dessen Sammlung, die über mehrere Jahrzehnte durch Förderankäufe der MA 7 zusammengekommen ist.

    Wenn das Musa nun als Dependance des Wien-Museums neu positioniert wird, ergebe sich eine "kostenschonende und klare Struktur, die beiden Seiten Gewinn bringt", sagt Berthold Ecker im STANDARD-Gespräch. Seit 2002 leitete er das Referat für Bildende Kunst, seit 2007 ist er Musa-Chef, mit Jahreswechsel wird Ecker (geb. 1961) Kurator für Gegenwartskunst im Wien-Museum.

    Ein "leichterer Fuß" in Verwaltungsfragen

    Dort verfügt man zwar über rund eine Million Sammlungsobjekte, nur 5000 sind jedoch Arbeiten der Gegenwartskunst. Für die neue Marke am alten Standort erhofft sich Ecker erhöhte Sichtbarkeit – bisher habe es kaum Marketingbudget gegeben. Es mache auch "einen leichteren Fuß" in Verwaltungsfragen: als "wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts" unterstehe man einer anderen Legistik, sei nicht so "an das Behördliche gebunden".

    Die Autonomie – etwa in der Programmausrichtung – soll erhalten bleiben. Bestehen bleiben auch Artothek und Startgalerie, der Ort für Ausstellungen junger Künstler. Auch diese werden von der Jury, die jährlich 900 Einreichungen für Förderankäufe, Studienaufenthalte und Ateliers sichtet, ausgesucht.

    Noch immer Traumberuf

    Ob Ecker künftig auch in der Jury sitzen wird, ist immer noch unklar. Denkbar wäre es, sagt er, und eine Freude wäre es ihm gewiss. Das merkt man am Enthusiasmus, mit dem er etwa die Arbeiten Linda Bergers in der Startgalerie bedenkt, einer Künstlerin, die aus abertausenden winzigen Tuschestrichen Bilder entstehen lässt, die wie Weltraumaufnahmen aussehen. Ja, sein "Traumberuf" sei es, junge Kunst zu erforschen, Künstlern Tipps fürs Einreichen und die Selbstvermarktung zu geben, so Ecker. 100 Ateliers habe er jährlich besucht.

    Die Ankaufsagenden verbleiben jedenfalls – anders als das Budget für den Betrieb des Musa, das eins zu eins ans Wien-Museum geht – bei der MA 7. Mitreden würde Ecker aber gern, damit "Werke angekauft werden, die die Sammlung sinnvoll ergänzen". "Höchstmögliche Qualität bei größtmöglicher Breite", so lautete die Devise in seiner 15-jährigen Tätigkeit. Stets habe er zudem darauf geachtet, die Balance zwischen Förderankäufen und einer musealen Sammlung zu treffen, der es gelingt, "die Wiener Kunstszene widerzuspiegeln".

    Neue Blicke auf vermeintlich Bekanntes

    Die auf solcher Mentalität fußende Ausstellungsreihe zu einzelnen Jahrzehnten der Wiener Kunstgeschichte werden weitergeführt. Im neuen Musa steht ein Dreiteiler zu den 1990er-Jahren an, zunächst aber noch eine Schau über das "Verhältnis Josef Mikls zur Kunstkritik". Mikl ersann abseits seines malerischen OEuvres die Comicfigur der "Journalistenfresserin Hawranek".

    Mittels der Fördersammlung neue Blicke auf vermeintlich Bekanntes zu werfen ist und bleibt ein erklärtes Ziel Eckers. "Die Kunstgeschichte gegen den Strich zu bürsten", so beschrieb er diese Idee immer wieder. Wie er das meine? "Ich denke nicht, dass Geschichte so perfekt funktioniert, dass alles, was erinnernswert ist, erhalten bleibt", sagt er – "da muss man sich aktiv drum kümmern." Wenn es indes gelinge, unterschätzte Künstler neu zu positionieren, so sei das ein "richtiges Glücksgefühl", so Ecker. Gelungen ist das besonders bei den feministischen Künstlerinnen Margot Pilz und Renate Bertlmann.

    Ein Ablehnungsschreiben als Kunstwerk

    Die letzte Schau unter alten Voraussetzungen nennt sich ba ? b + a (bis 13. Jänner, Kurator: Franz Thalmair). Dieser Titel lässt sich nicht nur als Abschiedsgruß lesen – baba! –, sondern auch als Umschreibung der Idee, dass das Ganze mehr als die Summe der Teile sei. Zu sehen sind Arbeiten, die sich mit Fragen der Kunstproduktion in Wien beschäftigen.

    Teil der Schau ist ein Ablehnungsschreiben der MA 7 von Maria Anwander und Ruben Aubrecht. Die Künstler haben es zum Kunstwerk erklärt und dem Musa geschenkt. Ob man diesen Humor auf Anhieb annehmen kann? "Ja", sagt Ecker, "ich bin ein selbstironischer Mensch." (Anne Katrin Feßler, Roman Gerold, 20.12.2017)

    • Berthold Ecker vor einer Arbeit von Kirsten Borchert in der Ausstellung "ba ? b + a": "Ich bin jährlich sicher in 100 Ateliers. Das ist ein Lernprozess, das kann man an keiner Uni lernen. Ein Traumberuf."
      foto: regine hendrich

      Berthold Ecker vor einer Arbeit von Kirsten Borchert in der Ausstellung "ba ? b + a": "Ich bin jährlich sicher in 100 Ateliers. Das ist ein Lernprozess, das kann man an keiner Uni lernen. Ein Traumberuf."

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