Lauftraining: Sterben mit Anlauf

Blog20. Dezember 2017, 07:00
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Von der Indooralternative zu Kälte und Nässe, Nahtoderlebnissen, dem Gefühl, von Güterzügen überrollt zu werden, und der Theorie von idealen Trainingsbedingungen: Laufen im Ferry-Dusika-Stadion

foto: thomas rottenberg

Ob man das wirklich braucht, lautet die Frage des Freundes. Ihm, meint der gute Mann, wäre das nämlich zu stressig. Zu anstrengend. Laufen, sagt er, sei doch nur laufen: ein netter Zeitvertreib. Ein Hobby. Eine Banalität, die – nebenbei und hoffentlich – auch zu Wohlbefinden und Gesundheit beitrage. Aber nix, wo er sich fragen will, ob er den Weg nach Hause kriechend oder doch nie wieder schaffen werde.

Sport, also Laufen, solle lediglich Spaß und Freude machen, aber nicht wehtun: Er laufe regelmäßig. Wann und wie es ihn gerade freut. Meistens zwischen sieben und zwölf Kilometer. Das, sagt der Freund, sei Laufen.

Er hat recht. Mit jedem Wort.

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Ich laufe hin und wieder mit ihm. Er sagt joggen. Dann erzählt er, dass er mit Wettkämpfen zwar nix am Hut habe, aber doch träume: Nächstes Jahr möchte er einen Halbmarathon machen. Bis zum Sommer, diesen Sommer, war es der Halbmarathon beim VCM im Frühjahr. Seit Herbstbeginn ist es die Halbdistanz beim Wachaumarathon. Das geht jedes Jahr so. Tatsächlich läuft der gute Mann dann Businessrun und Silvesterlauf. Bei Wings for Life war er auch: 14 Kilometer – ein "epochales Erlebnis, das Lust auf mehr macht", sagt er. Die Erinnerung lässt seine Augen vor Stolz strahlen. Ich strahle mit ihm: Mein Freund ist vollkommen zu Recht stolz. Das soll und darf ihm keiner miesmachen oder kleinreden: Das ist Laufen.

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Blöderweise tut er das aber selbst. Hin und wieder, "aber das sag ich nur dir", rutscht es raus: Das sei doch "nur Pipifax". Insgeheim träume er davon, "vom Ganzen". "Einmal im Leben". Aber: "Das kann einer wie ich doch nicht." Weil: "Ich bin halt nicht so sportlich wie du."

Ganz ohne Koketterie: Das ist Blödsinn. Ich bin keinen Millimeter sportlicher als Otto Normalverbraucher. Eher im Gegenteil. Nur habe ich durch das "Joggen" eines gelernt: "I want, I can, I will" gilt. Mit einem halbwegs gesunden Körper ist ein Marathon keine Hexerei, sondern eine simple Gleichung. In der gibt es zwar immer ein paar Variable (Tagesform, Infekte), die Hauptbestandteile heißen aber Konsequenz und System. Ein zentrales Element von Letzterem hört auf den Namen "Intervalle" – und hier schließt sich der Kreis: Ob man das denn wirklich brauche, fragt mein Freund.

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"Brauchen" ist ein großes Wort: Natürlich brauche ich Intervalltraining nicht, um zu laufen. Auch keine Trainingsgruppe. Keinen Trainingsplan. Keinen Coach, der ihn schreibt, und keinen Jour Fixe, bei dem man sich mit hell- oder dunkelschwarzer Pädagogik im Kreis herumscheuchen lässt, bis man Sterne sieht und mehr hofft als glaubt, dass dem nächsten Schritt nur noch jenes Shavasana folgen kann, das tatsächlich "final" ist.

Nur: Mein Freund braucht auch seinen SUV nicht. Oder seine Kochbüchersammlung. Nur stellt das kaum wer je infrage, während die Sinnhaftigkeit des Imkreislaufens auf einer Laufbahn fast reflexartig mit dem Negieren der Notwendigkeit desselben ausgehebelt wird.

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Als Niki Lauda einmal seine Rennfahrerkarriere beendete, erklärte er das mit dem Erkennen der Idiotie des Imkreisfahrens. Das hinderte ihn allerdings weder daran, es ein paar Jahre später wieder – kurz – zu tun.

Beim Laufen ist es ähnlich. Auch meine frühere Trainerin, Sandrina Illes (im Bild ganz links), schrieb Intervallläufe in den Trainingsplan. So wie jeder seriöse Coach. Zusätzlich liefen wir mit ihr auf der Bahn. Marswiese in Neuwaldegg. Sommer und Winter. Jeden Samstag um 9.30 Uhr.

Ich habe von Sandrina nicht nur Laufen gelernt. Der Zustand der Bahn, die Bedingungen, unter denen Illes – eine der besten Duathletinnen Europas und Staatsmeisterin in 1.001 Laufdisziplinen – hier trainieren musste, waren und sind ein Armutszeugnis für die "Sportstadt Wien". Und das Selbstverständnis, mit dem die Laufbahn mit Toren und Bänken "möbliert" wurde oder Soccer-Moms und -Dads auf der Bahn standen und die Aschenbahn zum Aschenbecher machten, ist bezeichnend für die Wertigkeit, die Weder-Fußball-noch-Skifahren-Sport hat.

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Das Dusika-Stadion hatte ich da noch nie von innen gesehen. Und beim ersten und zweiten Besuch fiel mir gar nicht auf, dass dieser "Sporttempel" die öffentlich-politische Geringschätzung der Leichtathletik in Wirklichkeit noch drastischer aufzeigt als der durchgewetzte Sisal-Laufteppich von Neuwaldegg: "Das Dusika" ist Ostösterreichs einzige nennenswerte Indoorleichtathletikanlage. Eröffnet 1976. 5.500 Sitzplätze außen. Österreichs einzige Radbahn (250 Meter lang, 45 Grad Neigung) innen. Vier Laufbahnen (200 Meter). Weit- und Stabhochsprungplatz, kurze Sprint- und Hürdenlaufstrecke sowie Reckanlagen und das Turnmattenquadrat. Klingt gut. Ist es auch.

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"Eindrucksvoll" ist, wenn man das erste Mal aus der Unterführung ins Innenfeld kommt, eine Untertreibung: Die meisten Leute brauchen ein paar Minuten, um mit der Reizüberflutung klarzukommen. Um das Bild auseinanderzunehmen und sich auf jene Mosaiksteinchen zu konzentrieren, die in den kommenden paar Stunden das Zentrum des eigenen Universums sein werden.

So spektakulär die durch die Zentrifuge fliegenden Bahnradfahrer sind: Es gilt sie zu ignorieren, aber doch aus dem Augenwinkel zu beobachten, ob da einer einen Abflug macht, der ihn eventuell auf Kollisionskurs bringt.

So faszinierend die Sprünge und Pirouetten der Turnerinnen und Turner sind: Wer nicht auf seine eigenen Füße fokussiert, wird über ebenjene stolpern.

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Und so beeindruckend es auch ist, wenn zwei Meter neben einem ein Stabhochspringer senkrecht gen Himmel fährt: Wer sich fragt, ob der Stab des Springers auch nicht den Coach, der da quasi direkt druntersitzt, erschlagen wird, wird dem, was der gute Mann einem gerade als Aufgabe mit auf die Runde gibt, nicht folgen können.

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Denn just die Vielfalt, das Gewusel, ist das Problem. Jedes mittelmäßige US-College bietet seinen Schülerinnen und Schülern bessere Rahmenbedingungen. Hier drängeln sich Athletinnen und Athleten, die Österreich bei Olympischen Spielen vertreten sollen, Seite an Seite mit Hobbysportlerinnen und -sportlern auf viel zu wenig Platz.

So motivierend es für meinesgleichen sein mag, bei einer Hochtemporunde von Lemawork Ketema (beim lockeren Einlaufen) gezogen zu werden – so inakzeptabel ist das auf Dauer für Elitesportler.

Nur würden halt Mitglieds- und Eintrittsgelder der Spitze nicht einmal die Hallenbeleuchtung finanzieren.

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Darum sind auch die Trainer, die hier mit ihren Gruppen – egal ob Alfred Sungy, der hier seine Tochter coacht, Agegrouper-Gruppen, Hobbyathleten oder Elite – arbeiten, zwiegespalten: Menschen den Zugang zum Sport und zu einem professionellen Trainingsumfeld zu verbieten kann nicht die richtige Antwort sein, meint etwa Wilhelm Lilge vom Team 2012.at. Lilge ist eine streitbare und insbesondere was Dopingfragen angeht unbeugsame Instanz der heimischen Leichtathletikszene. Er arbeitet mit Spitzensportlern wie Andreas Vojta ebenso zusammen wie mit "Hobetten" meiner Leistungsklasse. Obwohl er im Dusika regelmäßig Laktattests macht, bereitet ihm der Athletenmix auf den vier Bahnen mitunter Sorgen: "Auf der Laufbahn im Dusika-Stadion trainieren die besten Leichtathleten, darunter auch Sprinter und 400-Meter-Läufer. Da kommt es aufgrund des Geschwindigkeitsunterschiedes immer wieder zu gefährlichen Situationen, weil auch viele Hobbyläufer mit der Situation überfordert sind."

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Ich weiß, wovon Lilge spricht: Trabt man auf der Vier (zum Auslaufen und um Gefahren zu sehen in der Gegenrichtung), und auf der Zwei und Drei kommen Profis, während die Radfahrer außen vorbeifliegen, ist das so, als stünde man zwischen Gleisen und vorbeidonnernden Güterzügen.

Ich bin über 1,80 und bringe durchaus etwas auf die Waage, aber schon bei der Kollision mit einer leichten Sprinterin würde mir meine Masse wenig nützen. Und hier trainieren auch Kinder: Selbst wenn niemand mit Absicht ein Kind gefährden würde, ist es für Spitzensportler wichtig, sich keine Gedanken machen zu müssen, ob vielleicht … und so weiter.

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Was die Sinnhaftigkeit des Bahnlaufens für "Hobetten" angeht, gibt es unterschiedliche Zugänge. Lilge ist da skeptisch: "Bei kalten Temperaturen ist die Verlockung groß, drinnen im Warmen auf der Laufbahn zu trainieren. Gerade bei schnellen Einheiten ist das natürlich einfacher. Aber: Ein Langstreckenläufer, der sich im Dezember auf einen Marathon im April mit schnellem Intervalltraining vorbereitet, macht etwas falsch, denn jetzt ist Grundlagentraining angesagt. Dazu kommt, dass die Kurven der 200-Meter-Rundbahn im Dusika-Stadion eine starke Neigung aufweisen, die für Laufgeschwindigkeiten von drei Minuten pro Kilometer oder schneller konzipiert ist. Bei deutlich langsameren Geschwindigkeiten kommt es zu einem Winkel im Sprunggelenk, der für die Achillessehnen sehr problematisch ist."

Dennoch laufen auch Lilges Nicht-Elite-Läuferinnen und Läufer gern hier.

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Mein Coach, Harald Fritz, teilt die Sicherheitsbedenken seinen Freundes und Kollegen, ist aber, was Tempoarbeit im Dezember angeht, anderer Meinung: Es gibt eben unterschiedliche Wege zu ähnlichen Zielen, und wenn man sich als Sportler (egal welcher Leistungsstufe) auf einen einlässt, tut man gut daran, sich andere Meinungen zwar anzuhören, aber die Philosophien nicht miteinander zu vermischen. Dann heben sich die positiven Effekte jedes Trainings gegenseitig auf.

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Was Sinn und Vorteile des Laufens auf der Bahn – innen oder im Freien – angeht, betont Fritz, "dass Bahntraining im Vergleich zu Intervallen im Freien, etwa auf der Hauptallee, per se keinen Vorteil hat, wenn die 100-Meter-Markierungen (halbwegs) stimmen".

Die Halle biete primär Wettersicherheit, und die Bahn garantiere Präzision und Laborbedingungen: "Prinzipiell ist die Bahn eine gute Möglichkeit, kürzere (100er-, 200er-, 400er-)Strecken diszipliniert und übersichtlich im Rahmen eines meist intensiven Intervalltrainings zu absolvieren." Oft seien Intervalle auf der Bahn "auch im Kopf leichter, da man die Längen immer gut überblickt".

Nicht zuletzt der Überblick sei es, was das Laufen der Gruppe auf der Bahn für den Trainer attraktiv macht: "So kann ich alle meine Trainees unabhängig von deren Leistungsfähigkeit im Überblick haben. Somit kann ich auch korrigierend bei Technik oder Intensität eingreifen. Und für die Gruppendynamik ist das Laufen auf der Bahn ebenfalls fein, da man einander ständig sieht und gemeinsam leidet."

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Wobei Fritz eines verschweigt: Das Sprichwort, dass gemeinsames Leid halbes Leid sei, straft die Bahn Lügen. Denn auch wenn wir uns hier im Rudel die Kante geben und wenn möglich gemeinsam die 200er durchs Oval fliegen (subjektiv natürlich), ist am Ende jeder und jede für ein paar Augenblicke so fertig, dass vom Wir-Gefühl nix bleibt. Weil man gar nix mehr spürt und nur hofft, dass man rasch stirbt. Oder sich verzählt hat: Dass das jetzt nicht die viertletzte, sondern die allerletzte Wiederholung war. Nur verzählt man sich immer in die falsche Richtung: "Noch sechs! Und los!"

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"Sterben mit Anlauf" nennen viele Läuferinnen und Läufer das. Weil es sich so anfühlt – und so aussieht.

Deshalb fragt mein Freund, der "Jogger", ob man "das wirklich braucht", wenn man "einfach nur laufen" will.

So wie er fragt, gibt er sich die Antwort selbst: Natürlich "braucht" das keiner. Natürlich muss niemand andrücken, bis die Sterne tanzen, und das dann zehnmal wiederholen. Natürlich kann man "einfach nur laufen" und dabei Spaß haben und glücklich sein.

Aber wenn man von dem, was einen Meter hinter der Komfortzone beginnt, nicht nur träumen will, muss man einen Schritt weitergehen. Man wird leiden, aber eines lernen: Es zahlt sich aus. Immer.

Nicht nur beim Laufen. Denn das ist – wieder einmal – nur eine Metapher. (Thomas Rottenberg, 20.12.2017)

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