Die Außenministerin und das "Blut und Boden"-Zitat

Kommentar19. Dezember 2017, 14:18
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So werden die Beziehungen zu Israel sicher nicht gepflegt

Das ging schnell. Keine Stunde nachdem der türkise Regierungschef Sebastian Kurz in einem Interview mit dem ORF gestern die Wichtigkeit der Beziehungen zwischen Österreich und Israel betont hatte, verteidigte Außenministerin Karin Kneissl, ebenfalls im ORF, den von ihr verfassten Satz, der Zionismus sei eine an den deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts "angelehnte Blut-und-Boden-Ideologie".

So werden die Beziehungen zu Israel sicher nicht gepflegt. Schon gar nicht von einer Ministerin, die zwar parteilos sein mag, aber auf dem Ticket einer Partei ins Amt geschickt wurde, deren Vertreter immer wieder mit antisemitischen Aussagen auffallen.

Aber ja, der deutsche Nationalismus des 19. Jahrhunderts war ein zentraler Grund dafür, dass der Wiener Journalist Theodor Herzl zum Architekten des modernen Israel wurde. Dabei ist aber unablässig zu erwähnen, dass es der Antisemitismus der Burschenschaften und anderer nationaler Kreise war, der Herzl dazu antrieb, die Vision eines jüdischen Staates voranzutreiben.

Dass Kneissl die Begriffe "Blut und Boden" und "Zionismus" überhaupt gemeinsam in einem Satz verwendet, ist für viele Menschen in Israel, dem Staat, der maßgeblich von den Opfern und Verfolgten der Nazis aufgebaut wurde, mehr als ein Schlag ins Gesicht – schließlich war "Blut und Boden" einer der Kampfbegriffe der Nazis.

Verbreitet wurde er erstmals 1922 in dem Buch "Der Untergang des Abendlandes", alsbald wurde er von der 1920 gegründeten NSDAP verwendet, die mit der Forderungen nach "Blut und Boden" gegen die "jüdischen Nomaden" hetzte. Zuletzt wurde der Begriff medienwirksam von US-Neonazis eingesetzt, als sie durch Charlottesville im Bundesstaat Virginia marschierten – dabei skandierten sie auch "Jews will not replace us" ("Juden werden uns nicht ersetzen").

Kneissls Interview im ORF-"Report spezial" war ein undiplomatischer Auftritt. Kanzler Kurz muss sich die Frage gefallen lassen, ob seine Nachfolgerin im Außenamt die Richtige für den Job ist. (Markus Sulzbacher, 19.12.2017)

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