Hochstaplersyndrom: Das gefühlte Versagen bei realem Erfolg

    19. Dezember 2017, 12:38
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    Betroffene haben Angst, dass andere sie überschätzen. Was dagegen hilft, haben Salzburger Psychologinnen erforscht

    Ein Hochstapler ist bekanntlich jemand, der vorgibt, mehr zu sein, als er ist. Vom "Hochstapler-" oder "Impostor-Phänomen" spricht man in der Psychologie hingegen, wenn sich jemand für einen Hochstapler hält, obwohl er keiner ist. Die Betroffenen liefern beste Leistungen, werden von anderen für fähig gehalten – innerlich sind sie jedoch davon überzeugt, dass ihnen ihr Erfolg nicht gebührt. Sie haben Angst, dass man beim nächsten Mal bemerkt, dass sie nicht gut genug sind.

    Beschrieben wurde das Impostor-Phänomen erstmals vor knapp 40 Jahren von den amerikanischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes. Sie beobachteten, dass viele sehr erfolgreiche Frauen sich selbst nicht für besonders intelligent halten und glauben, sie würden von anderen überschätzt. Die Betroffenen führen ihren Erfolg auf Glück oder Zufall zurück, bestenfalls sehen sie ihn als Produkt ihres Fleißes. Es gelingt ihnen nicht, an ihre eigenen Leistungen und Fähigkeiten zu glauben.

    "Klassischer Fall von Selbstsabotage"

    "Sie befinden sich in einem Teufelskreis aus Selbstzweifel, Angst, Stress und übermäßigem Arbeitseinsatz", sagt Mirjam Zanchetta, Universitätsassistentin an der Abteilung für Wirtschafts- und Organisationspsychologie der Universität Salzburg. Zanchetta war im Jahr 2012 die Erste, die das Hochstaplersyndrom im wirtschaftlichen Bereich untersuchte. Gemeinsam mit der Psychologieprofessorin Eva Traut-Mattausch führte sie mehrere Studien durch, um die Folgen des Hochstaplerphänomens auf die Karriereentwicklung zu beleuchten.

    Die Forschungen zeigten: "Das Hochstaplerphänomen ist ein klassischer Fall von Selbstsabotage." So fragten die Wissenschafterinnen, wie jemand mit höheren Positionen umgehen würde, wenn sie einem angeboten würden. Das Ergebnis: Je höher die Impostor-Werte waren, desto geringer war das Annahmepotenzial. "Wenn Menschen mit Hochstaplerphänomen tolle Stellen angeboten bekommen, lehnen sie sie meist ab, aus der Angst heraus, als inkompetent entlarvt zu werden", sagt Zanchetta.

    Karriereabbruch aus scheinbar unerfindlichen Gründen

    Warum das Interesse an dem Phänomen in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist – auch Facebook-Managerin Sheryl Sandberg thematisierte es öffentlich –, erklärt Zanchetta mit der wirtschaftlichen Relevanz: "Auf dem Arbeitsmarkt wird der Kampf um Talente, um die besten Köpfe immer stärker. Jedes Unternehmen möchte exzellente Nachwuchskräfte. Aber oft brechen diese dann – zur Enttäuschung der Unternehmen – ihre Karrieren ab, aus scheinbar völlig unerklärlichen Gründen."

    Zudem befördern verschärfte Konkurrenz zwischen Mitarbeitern und der Trend zum Selbstmarketing das Hochstaplerphänomen. "Früher war mehr Zeit, um aus Fehlern zu lernen. Heute ist das schwerer", sagt Zanchetta. "Man will nicht negativ auffallen. Das führt dazu, dass es zwischen den Mitarbeitern keinen Austausch mehr gibt. Man redet mit Kollegen und Kolleginnen nicht über eigene Schwierigkeiten. Die Personen bleiben bei sich, halten sich innerlich für nicht gut genug, geben aber nach außen das Bild des Kompetenten."

    Mindestens ein Drittel Männer betroffen

    Lange Zeit wurde es als ein Phänomen betrachtet, das nur Frauen betrifft. Inzwischen trete es immer öfter auch bei Männern auf. "Das hängt vor allem damit zusammen, dass es auf dem Arbeitsmarkt für Männer eine immer größere Konkurrenz gibt, auch zu Frauen", sagt die Psychologien. Internationalen Studien zufolge machen Männer ungefähr ein Drittel der Betroffenen aus. In ihren eigenen Untersuchungen stellte Zanchetta sogar fast einen Gleichstand zwischen Männern und Frauen fest.

    Genaue Zahlen zur Prävalenz des Hochstaplerphänomens gibt es nicht, weil Langzeitstudien fehlen. Ging man ursprünglich davon aus, dass es ein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal ist, so wird es in jüngerer Zeit meist als phasenweise Reaktion auf bestimmte Ereignisse gesehen – das hält auch Zanchetta für wahrscheinlich. Schätzungsweise bis zu 70 Prozent der berufstätigen Menschen seien im Lauf ihres Lebens zumindest einmal vom Hochstaplerphänomen betroffen.

    Was gegen das Unterschätzen hilft

    Und was hilft Betroffenen? Das versuchten die Forscherinnen in einem Experiment mit 100 ausgewählten Nachwuchskräften in Unternehmen, die Tendenzen zum Hochstaplerphänomen aufwiesen, herauszufinden. Ein Drittel bekam ein Einzelcoaching, das auf Reflexion ausgerichtet war. Ein weiteres Drittel bekam ein Gruppentraining mit dem Fokus auf Wissensvermittlung. Das dritte Drittel stellte die Kontrollgruppe dar.

    Als wirklich nachhaltig habe sich das Coaching erwiesen, sagt Zanchetta. Dort habe man einerseits Fehlerfreundlichkeit trainiert, andererseits bekamen die Betroffenen gezielte Rückmeldungen von Vorgesetzten zu ihren Fähigkeiten – wodurch sie lernten, Erfolge auch so zu benennen. Das Ergebnis: Die Werte für das Hochstaplerphänomen sanken.

    Und was kann jeder für sich selbst tun? "Sich mit anderen austauschen, darüber reden oder lesen hilft, aus dem geheimen Erleben und Leiden herauszukommen", rät Zanchetta.

    Inkompetente überschätzen sich eher

    Auf die Frage, ob es nicht normal oder gar gesund ist, sich selbst infrage zu stellen, sagt die Psychologin: "Es ist tatsächlich ein schmaler Grat zwischen den beiden Polen, es banal wirken zu lassen und es als schwere Krankheit zu sehen. Es ist irgendwo dazwischen, es hat aber Gewicht."

    Übrigens hat das Impostorsyndrom ein Pendant: den Dunning-Kruger-Effekt. Inkompetente Menschen neigen demnach dazu, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, während sie tatsächliches Können anderer, kompetenterer Personen unterschätzen. (lib, 19.12.2017)

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      Vom Hochstaplersyndrom Betroffene halten sich für nicht gut genug, geben aber nach außen das Bild des Kompetenten.

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