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15. Jänner 2018, 08:48

Ich bin über meine Familie zum Sport gekommen", sagt Nadja Heigl. Auch Vater und Bruder von Österreichs bester Querfeldeinfahrerin sind im Radsport aktiv. Will er auch im Winter unterwegs sein, landet der engagierte Pedaleur quasi automatisch beim Querfeldeinsport, auch Cyclocross genannt.

Die Rennen können, sagt Heigl, zu Trainingszwecken mitgenommen werden. Das ist deutlich attraktiver als die Alternative: Intervalltraining. Denn was ist Querfeldeinfahren anderes, als eine permanente Abfolge intensiven Antritts? "Du kannst sie aber natürlich auch ernsthaft angehen."

Heigl tut das, die 21-Jährige gewann am Dreikönigstag in St. Pölten in hochüberlegener Manier als erste Athletin zum sechsten Mal in Folge die nationale Meisterschaft, tritt als einzige Österreicherin im Weltcup an.

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Nadja Heigl im Interview über die Vorteile des Vorsprungs.

Dabei hat sich Heigl erst 2017 auf Cyclocross spezialisiert, bis dahin war das Mountainbike gleichwertig. Sie trainiert täglich, manchmal stehen auch zwei Einheiten auf dem Programm. "Die Voraussetzungen sind für alle gleich, das taugt mir", erklärt die Niederösterreicherin dem STANDARD. "Man muss sich an unterschiedliche Gegebenheiten anpassen. Wenn es regnet oder gatschig ist, macht das Fahren besonders Spaß."

Die Athletinnen bewältigen die überwiegend unbefestigten Wege auf Rennrädern mit klassisch gebogenem Lenker und ohne Federung. Die Wettkämpfe sind kompakt, sie dauern bei den Frauen 40 Minuten, die Männer sind etwa eine Stunde lang unterwegs. Damen- und Herrenrennen finden am selben Ort hintereinander statt, dadurch, sagt Heigl, gehen die Frauen nicht so unter. "Weil wir auf Rundkursen fahren, kann man von einem Standort oft einen Großteil der Strecke überblicken. Das ist auch für die Zuschauer attraktiv."

Flandern, gelobtes Land

In Belgien, der Herzkammer des Querfeldeinsports, kommen Zehntausende. Dort herrscht Volksfeststimmung, die Partys vor, nach und auch schon einmal während der Wettkämpfe werden von den Fans im Land der Biere mit vollem Einsatz absolviert. Schulen organisieren Exkursionen zu den Rennen. Heigl gerät ins Schwärmen, die Atmosphäre im Fahrerlager sei ein Erlebnis: Die Zuschauer wandern durch das Areal, man trifft altbekannte Kiebitze und Autogrammjäger. Zwischen dem Weihnachtsfest, das Heigl unterwegs beging, und Neujahr könnte man beinahe jeden Tag bei einem Rennen antreten. Eines ihrer liebsten, das Cross auf der Zitadelle von Namur, konnte Heigl auf Platz zwei der U23-Wertung beschließen.

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Beim Querfeldein gilt es auch, künstliche Hindernisse zu überwinden. Wie das vorschriftsmäßig geht, zeigt Ex-Weltmeister Sven Nys.

Die Belgier, genauer: die Flamen, dominieren seit geraumer Zeit die internationale Querfeldeinszene. Von 2000 bis 2014 holten Fahrer aus dem platten Land bei Weltmeisterschaften 33 von 52 möglichen Podiumsplätzen. Rekordchampion ist Erik De Vlaeminck, der gewann ab den späten 1960er-Jahren siebenmal Gold. Mit Wout van Aert und Sanne Cant kommen auch die regierenden Weltmeister bei Männern wie Frauen aus Flandern.

Ein besonderer Schatz für das voller Enthusiasmus zu dritt durch Europa tingelnde Familienteam Heigl ist das eigene Wohnmobil. "Man ist mit dem eigenen Quartier direkt vor Ort, das ist sehr angenehm. Besonders auch wegen der oft niedrigen Temperaturen. Dort kann ich vor dem Wettkampf auf der Rolle aufwärmen, danach gleich heiß duschen." Ein Crowdfunding-Aufruf zur Finanzierung einer Reparatur des alten Gefährts lief nicht ganz nach Wunsch – Vater Heigl, dessen Aufgabenbereich auch die Betreuung seiner Tochter während der Rennen umfasst, konnte dann aber doch ein neues aufstellen. Dessen Innengarage bewahrt die Rennräder vor dem Frost. Sie können dort auch gereinigt und präpariert werden. Das verschafft Unabhängigkeit.

Der regierende Champion Wout van Aert übt auch am griechischen Badestrand.

Die Heigls tragen so gut wie alle Kosten selbst, Start- und Preisgelder gehen für Benzin drauf. Das Material ist teuer, in der laufenden Saison kann Nadja noch Rennmaschinen nutzen, die ihr mittlerweile aufgelöstes ehemaliges Team zur Verfügung stellt. "Für nächstes Jahr müssen wir noch eine Lösung finden. Mit guten Ergebnissen wird das leichter. Ich kann nur hoffen." Profis gibt es in Belgien und den Niederlanden, den einen oder anderen Deutschen, Schweizer, Tschechen. Heigl selbst ist Heeressportlerin, bezieht ein Angestelltengehalt. Vielleicht noch wichtiger ist der damit einhergehende Versicherungsschutz.

Gatschwissenschaft

Sich mit der Topografie des Parcours vertraut zu machen ist beim Cyclocross das Um und Auf. Es gilt Schaltpunkte festzulegen, auszutesten, wie schnell die Kurven gehen. Eine Ideallinie, eine (eckigere) Wettkampflinie sowie eine Ersatzlinie (im Fall eines Sturzes im Pulk) destillieren die Fahrerinnen heraus. Das Setup ist bei jedem Rennen anders, der Luftdruck in den Reifen abhängig vom Zustand des Bodens. Merke: Gatsch ist niemals gleich Gatsch. Auch der individuelle Fahrstil ist ein Faktor: Setzt die eine Athletin auf Feingefühl, liegt der anderen die kompromisslose Manier näher.

Heigl bevorzugt hügelige, technisch anspruchsvolle Kurse. "Wenn es auch noch unruhig oder rutschig ist, habe ich mit meinem Mountainbikehintergrund schon Vorteile." Es kommt dann viel auf Sensibilität an. Wie weit kann man gehen, dabei aber trotzdem noch auf dem Rad bleiben. Jedoch: "Man muss jede Strecke mögen." Balance und Druckverteilung auf dem Rad sind zentral, sauber durchziehen ist die Devise.

Um sandige Passagen, tiefen Matsch oder Schrägfahrten auf hängendem Gelände zu meistern, braucht es die Vermählung von technischen Fertigkeit mit gehöriger Courage. Cyclocrosserinnen trotzen – scheinbar unbeeindruckt – selbst widrigsten Bedingungen. "Manchmal ist laufen schneller, auch das musst du beim Streckenstudium herausfinden." Perfektioniert wird daher auch das flüssige Auf- und Abspringen sowie das korrekte Schultern des Rades.

foto: christian fischer
Nadja Heigl und ihre Rennmaschine nach ihrem Erfolg bei den österreichischen Meisterschaften in St. Pölten. Die Ausstattung mit Material für die kommende Saison ist noch nicht sichergestellt.

Querfeldein ist nur sehr bedingt Teamsport. Im Rennen kämpft jeder für sich allein, es gibt keine Rücksichtnahmen. Taktik spielt bei weitem nicht jene Rolle wie auf der Straße, wird aber aufgrund zunehmender Dichte im Feld – gerade bei Weltcuprennen – doch wichtiger: "Wenn du mit einer großen Gruppe in die letzte Runde gehst, kommt es natürlich darauf an, sich gut zu positionieren und deine Karten nicht zu früh auf den Tisch zu legen." Zu Beginn müsse man darauf achten nicht zu überpacen. Nach dem Start wird aggressiv um die Plätze gekämpft, von vorne fährt es sich leichter. "Im Feld ist man zwar langsamer, am Limit bist du aber trotzdem." Die Startposition ergibt sich aus der Weltrangliste, Heigl steht bei Weltcup-Bewerben in der dritten, vierten Reihe.

Zweimal pro Runde kann in einer Wechselzone das Rad getauscht werden. Es ist also wichtig, zumindest drei Maschinen zur Verfügung zu haben. Das gibt dem Mechaniker mehr Zeit, ein verschmutztes Rad wieder zu säubern. Die Hochdruckreiniger werden in diesen Fällen kompromisslos zum Einsatz gebracht, in ihrem unmittelbaren Umfeld bleibt quasi kein Auge trocken – bei Minusgraden nicht unbedingt das größte Vergnügen für die Geduschten. Auf Strecken, die das Material stark belasten, werden die Rennmaschinen manchmal auch prophylaktisch, also noch bevor ein Defekt auftreten kann, gewechselt.

foto: christian fischer
Nadja Heigl meistert eine schwierige Querfahrt: Courage und Technik sind beim Querfeldein zwei Seiten derselben Medaille.

Seit zwei Jahren gibt es bei Welt- und Europameisterschaften eine eigene U23-Kategorie, für junge Athletinnen eine gute Gelegenheit, sich an die absolute Weltklasse heranzutasten. Bei der WM im niederländischen Valkenburg Anfang Februar ist Heigl dort zum letzten Mal startberechtigt. 2016 fuhr sie in Heusden-Zolder auf Platz fünf in der U23-Wertung und schaffte damit Österreichs erstes Top-Ten-Ergebnis der WM-Geschichte.

Der Ausblick auf die kommenden Titelkämpfe ist mit Unschärfe behaftet, zu den der Disziplin inhärenten Unwägbarkeiten kommt eine weitere hinzu: Fahrerinnen aus Übersee, deren aktuelle Form schwer einzuschätzen ist. "Wenn du nur einen etwas schlechteren Tag hast oder ein technisches Problem", sagt Heigl, "kann dich das gleich einmal 15 Plätze kosten." Doch sie ist mit ihrer eigenen Verfassung hochzufrieden, kennt die Strecke. Geht vieles gut, erscheint ein Platz in den Medaillenrängen als durchaus realistisches Ziel. (Michael Robausch, 15.1.2018)