Der Entwicklung komplexer Gesellschaften auf der Spur

19. Dezember 2017, 07:00
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Ein internationales Forschungsteam baute eine Datenbank der gesellschaftlichen Entwicklungsmuster rund um den Globus auf, die bis zu 10.000 Jahre zurück reicht

Wien/Hartford – Trotz aller Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen der Welt und über den Lauf der Jahrtausende hinweg, entwickelten sich komplexe gesellschaftliche Strukturen erstaunlich ähnlich. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen Analyse, die ein internationales Forschungsteam nun im Fachblatt "PNAS" veröffentlicht hat.

Der Frage, wie sich Gesellschaften über längere Zeiträume organisieren und sich etwa von kleinen, bäuerlich geprägten Gruppen, wo jeder jeden kennt, bis hin zu zahlenmäßig großen Gruppen mit komplexen wirtschaftlichen, politischen und technologischen Verflechtungen entwickeln, gehen Wissenschafter mit unterschiedlichen Ansätzen nach. Auf der Suche nach den Triebfedern hinter der Entwicklung gesellschaftlicher Komplexität baute nun ein Team um den russisch-amerikanischen Komplexitätsforscher Peter Turchin, der neben der University of Connecticut (USA) auch am Wiener Complexity Science Hub (CSH) tätig ist, in den vergangenen Jahren die "Seshat: Global History Databank" auf.

Sesshaftigkeit und Landwirtschaft

Hier trugen sie historische, archäologische und anthropologische Daten aus über 30 verschiedenen Regionen der Welt zusammen, beginnend von jeweils ungefähr dem Zeitpunkt, an dem sich dort die bäuerliche Lebensweise durchsetzte – was teilweise bis zu 10.000 Jahre zurückliegt. Insgesamt verglichen die Forscher auf Basis der Daten die Entwicklung von 414 abgrenzbaren gesellschaftlichen Einheiten – von kleinen unabhängigen Stadtstaaten bis zu großen Imperien – über lange Zeiträume hinweg.

Analysiert wurden Merkmale, die mit der Größe der Bevölkerung oder des Territoriums zu tun haben. Als weitere Faktoren wurden die Vielschichtigkeit des Aufbaus der Gesellschaft, also etwa der Hierarchieebenen in Administration, Militär oder Klerus, die professionelle Ausgestaltung des politischen Systems oder des Rechtssystems, die Infrastruktur, die Entwicklung eines tragfähigen Informationssystems (schriftlicher Aufzeichnungen) und schlussendlich die Entwicklung des Geldsystems als Hinweis auf die wirtschaftliche Entwicklung berücksichtigt.

Maß für Komplexität

In den Analysen zeigte sich etwa, dass die Gesellschaften in Nord- und Südamerika zum Zeitpunkt des Kontakts mit europäischen Kulturen ab dem Ende des 15. Jahrhunderts weniger komplex organisiert waren. Das mag dazu beigetragen haben, dass es den Europäern möglich war, diese zu kolonialisieren, schreiben die Forscher. Sie weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass ein Maß für die Komplexität einer Gesellschaft nicht dafür herangezogen werden dürfe, eine Kultur über eine andere zu stellen.

Obgleich die verschiedenen Gesellschaften in verschiedensten Regionen und Epochen sehr unterschiedliche Voraussetzungen hatten, zeigten sich einige Parallelen in deren Entwicklung: Als insgesamt wichtigsten gemeinsamen Faktor für Komplexität interpretieren die Wissenschafter die Entwicklung von Funktionen, Institutionen und Technologien, die es erlauben, viele Menschen dazu zu bringen, politisch geeint zu agieren.

Sprünge nach vorn

In der Analyse zeigte sich auch, dass sich viele Gesellschaften oft lange Zeit hinweg wenig verändern und die Zunahme von gesellschaftlicher Komplexität dann sprunghaft vonstatten geht. Das scheint vor allem für Staaten zu gelten, deren Gebiet sich erweitert. Trotz vieler gegenläufiger Entwicklungen zeige sich ein übergeordneter Trend in Richtung Zunahme der Komplexität. Auch Hinweise auf die gewissermaßen altbekannte These "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" findet sich in abgewandelter Form in den Daten. Denn die Komplexität erhöhe sich in jenen Gesellschaften tendenziell, die auch kriegerisch mit anderen konkurrieren.

Für die Wissenschafter ist ihre Analyse ein Beispiel dafür, wie sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung durch die Kombination mit naturwissenschaftlichen Methoden aufgewertet werden kann. Der Ansatz sei auch vielversprechend, wenn es etwa darum geht, mehr darüber herauszufinden, unter welchen Umständen sich beispielsweise Diktaturen besonders häufig entwickeln und wodurch diese aufrechterhalten werden. (APA, 18.12.2017)

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