"Zehn Gebote": Ein Bibel-Kurs für metaphysisch Unbehauste

    16. Dezember 2017, 12:21
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    Regisseur Kimmig entführt im Volkstheater Wien ein entfesseltes Ensemble in die gar nicht lichten Höhen der Moralphilosophie

    Wien – Die 1980er-Jahre führten die bizarrsten Herausforderungen im Angebot: Sie geizten nicht mit modischen Torheiten und befeuerten – durch die Allgegenwart der atomaren Bedrohung – die wildesten apokalyptischen Ängste.

    Im Chaos der gärenden polnischen Verhältnisse schrieb und drehte Krzysztof Kieslowski seinen "Dekalog", "Die Zehn Gebote": Filme über die Gültigkeit der Gottesgebote im alltäglichen Leben. Das Langzeitgedächtnis hat graue oder torfbraune Bilder gespeichert; Sequenzen von hoher Sachlichkeit, von nüchternem Ernst. Im Wiener Volkstheater hat, rund 30 Jahre später, ein schlohweißer Engel (Jutta Schwarz) von der Bühne Besitz ergriffen. Das holde, nicht mehr ganz taufrische Wesen murmelt an der Rampe etwas von "Mister Kieslowski".

    Die engelsgleiche Frau stellt aufs Neue die ewig gleichen, alten Fragen. "What is important?", oder aber auch: "Was ist Glück?" Gleich hinter ihr liegt, entwurzelt, ein Weihnachtsbäumchen. Am Horizont des trapezförmigen Bühnenraums (Ausstattung: Oliver Helf) steht die Fahrerkabine eines fragmentierten LKWs. Die geborstene Windschutzscheibe ist zu Eis erstarrt.

    Herzenslust

    Hier haust der Schutzengel der von Gott, vor allem aber von allen guten Geistern verlassenen Kieslowski-Figuren. Regisseur Stephan Kimmig hat seine acht Schauspieler zurück in die moralische Wüste geschickt. Er hat sie geduldig aufgetaut und quietschfidel in die knisternden Polyesterkleider von früher gesteckt. Es ist, kurz gesagt, eine Herzenslust, diesen Versehrten und im Kopf Verkehrten bei der Verwaltung der gottlosen Zustände zuzusehen. Und so arbeitet sich das Ensemble durch lauter Fallgeschichten und Tragödienskizzen, denen allen das nämliche moralische Dilemma zugrunde liegt: Kein Gott gibt diesen moralischen Minderleistern zu sagen, was sie leiden, mehr noch aber, was sie tun sollen.

    Sie stehen verlegen da, pullovernestelnd wie der Taxifahrer Janusz (Jan Thümer), der als Bigamist am Heiligabend ein Sinnbild hektischer Überforderung abgibt. Natürlich, man soll Vater und Mutter ehren, man soll den Namen des Herren nicht missbräuchlich im Mund führen usw. Diese verspäteten Bewohner einer Warschauer Vorortesiedlung sind die Agitatoren einer ungefragt in die Freiheit entlassenen Menschheit: ein bodenloser, eigentlich haltloser Zustand. Und so bieten die feinen Darsteller alle Mittel auf, um die alten Dilemmata in die metaphysisch um nichts besser bestellte Gegenwart zu pushen. Sie plustern sich auf: die überkandidelte Anka (Seyneb Saleh), die sich an ihren Vater (Lukas Holzhausen) hängt wie eine überreife Frucht vom Baume der sündigen Erkenntnis.

    Erweiterte Spielmöglichkeiten

    Nichts weniger steht auf dem Spiel als die Frage nach der Abkunft des Menschen. Oder die hysterische Gymnasialrektorin (Anja Herden), die ihre eigene Enkelin als Tochter illegitim aufzieht, um den Kollaps des überkommenen Familienbildes mehr schlecht als recht zu kompensieren. Zwei Plastikstuhlreihen markieren ein Feld erweiterter Spielmöglichkeiten. Die Schauspieler nehmen ihre Kollegen in deren je wechselnden Rollen freundlich ins Visier.

    Man glaubt sich mitunter in ein postkommunistisches Botho-Strauß-Stück versetzt: Paare, Passanten, die in alten Depeche-Mode-Leibchen (und unter der Bedeckung unwürdiger Perücken) die Verhältnisse vorsichtig zum Entgleisen bringen. Kimmig und sein Dramaturg Roland Koberg (Spielfassung) sagen nicht: Unsere polnischen Brüder und Schwestern sind genauso borniert oder klug oder fromm wie wir Heutigen, im 21. Jahrhundert! Unsere osteuropäischen Vorgänger haben nur mit dem nämlichen Ernst und der törichten Lust am Widerspruch anständig, das heißt: ethisch stichhaltig, zu leben versucht. So gelingt einem entfesselt aufspielenden, klug seine Mittel ausstellenden Ensemble eine Art Befreiungsschlag am Arthur-Schnitzler-Platz.

    Der junge Mörder (Peter Fasching) eines Taxifahrers brüllt sich, zum Tod durch den Strang verurteilt, ohrenbetäubend in unsere Herzen. Er beschämt den allzu selbstgewiss zerknirschten Anwalt (Gabor Biedermann) und führt, wie jeder Mensch, für seine abscheuliche Tat Gründe im Angebot. Sie gut oder schlecht zu heißen, ist nicht allein eine Frage der Moral, sondern abhängig von den Mitteln, die wir alle – als Schauspieler unserer selbst – aufbringen. Sind auch die Engel alt und vor der Zeit mürbe geworden, das Theater beweist auch diesmal seine unersetzlich verjüngende Kraft. Jubel. (Ronald Pohl, 16.12.2017)

    • Artikelbild
      foto: foto: apa/herbert neubauer
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