Was die Wissenschaft gegen Fake-News tun kann

15. Dezember 2017, 19:03
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Ob Klimawandel-Leugner oder Kreationisten: In den USA waren Fake-News schon vor Trump populär. Dank Social Media boomt aber gerade jetzt der Unsinn

Dämonisierung wäre für die Beschreibung von Persönlichkeiten wie Donald Trump ein einfacher journalistischer Zugang, viel zu einfach. Maggie Haberman, Korrespondentin der "New York Times" im Weißen Haus, will sich diesem Vorwurf offenbar nicht aussetzen. Am Tag, an dem in den USA ihr Text "Inside Trump’s Hour-By-Hour Battle for Self-Preservation" publiziert wurde, beschrieb sie den Charakter des US-Präsidenten auch öffentlich: "Er ist ein Kaufmann. Er verkauft ständig Bilder, die die Welt so darstellen, wie er sie haben möchte, nicht, wie sie wirklich ist."

Als Journalistin, die Trump schon seit einigen Jahren begleitet, die ihn als interessant, ziemlich sensibel hinsichtlich seiner Eigenheiten und nach Anerkennung heischend beschreibt, war sie kürzlich Gast des Nobel Week Dialogue in Göteborgs Veranstaltungszentrum Svenska Mässan zum Thema "The Future of Truth". Und meinte vorausblickend: "Wenn er meine aktuelle Story liest, besteht eine gute Chance, dass er sie via Twitter kommentiert."

Mehr als 100 Lügen

Der US-Präsident ist wohl der prominenteste unter jenen Politikern und Staatsmännern, die es aktuell mit der Wahrheit nicht so ganz ernst nehmen. Die New York Times hat seine Lügen aktuell mit jenen von Amtsvorgänger Barack Obama verglichen: 103 innerhalb eines Jahres überragen dabei 18 von Obama deutlich.

Noch ein wichtiger Unterschied: Der Ex-Präsident hat im Gegensatz zu Trump aufgehört, Falschinformationen zu verbreiten, wenn diese als solche enttarnt wurden. Journalisten, Wissenschafter und Politiker wiesen schon vor Trumps Wahl auf diesen Charakterzug hin. Hatte er in den USA vielleicht ein besonders leichtes Spiel, weil der Boden für Fake-News aus dem Weißen Haus vorbereitet war?

foto: apa / afp / saul loeb
Das auch schon vor Trump in den USA häufige Leugnen des Klimawandels und der gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens beruht beispielsweise auf ökonomischen Interessen der Öl- und Gasindustrie bzw. der Tabakkonzerne.

Die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny kam im Zuge der Tagung auf ein US-amerikanisches Phänomen zu sprechen, den Kreationismus in seinen zahlreichen Spielarten: Die Leugnung der Darwin’schen Evolutionstheorie wurzle in einer wörtlichen Auslegung der Bibel, an die immerhin 20 bis 25 Prozent aller Amerikaner glauben. Nowotny: "Ermöglicht wird das erst durch das amerikanische Schulsystem, das den Local School Boards erlaubt, den Stundenplan festzulegen. In Europa approbiert ja der Staat die Curricula."

Ökonomische Interessen

Das auch schon vor Trump in den USA häufige Leugnen des Klimawandels und der gesundheitsschädlichen Folgen des Rauchens beruhe dagegen auf ökonomischen Interessen der Öl- und Gasindustrie bzw. der Tabakkonzerne. Nowotny: "Wenn die Politik diesen Interessen nicht entgegentritt oder sie gar noch befördert, hat die Wissenschaft einen schweren Stand."

Die ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats ERC sparte in ihrer Analyse nicht mit Kritik an den Medien: "Sie huldigen oft einer falsch verstandenen Neutralität, indem sie meinen, sie müssten eine Ausgewogenheit von Pro und Kontra herstellen, selbst wenn es in der Sache selbst einen breiten wissenschaftlichen Konsens gibt." Anders gesagt: Zum Thema "Klimawandel als Tatsache" kann es keine seriöse Gegenmeinung geben.

Das Phänomen, Falschinformationen für eigene Zwecke zu nutzen und Kritik daran unterbinden zu wollen, ist natürlich kein rein amerikanisches. Und keines, das in der Gegenwart erst aufpoppte: Fake-News gibt es im Grunde seit der Antike. In der italienischen Renaissance hatten Fürstenhöfe eigene Kanzleien, die Falschmeldungen verbreiteten. Die Propagandamaschinen in Diktaturen des 20. Jahrhunderts griffen schon auf Filmmaterial zu.

Verbreitungsmaschine

In der Gegenwart ist das Problem ungleich virulenter, weil Social Media eine "beispiellose Verbreitungsmaschine anbietet" (Nowotny), die es möglich macht, innerhalb kürzester Zeit und unterhalb des Radars von Faktenchecks und moralischen Mindestanforderungen ein Massenpublikum zu erreichen.

Johannes Feichtinger, Wissenschaftshistoriker der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien, glaubt, dass jedes neue Medium dazu beigetragen hat, "Wissen auch für politische Zwecke zu verbreiten".

foto: apa
Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny sieht Social Media als "beispiellose Verbreitungsmaschine" für Fake News.

Das sei schon beim Buchdruck und auch bei der Erfindung des Lautsprechers so gewesen. Er meint, das sei nur so lange ohne gravierende Folgen für die Gesellschaft, bis Kritik an dieser Praxis möglich und nicht unterbunden wird. Ansätze dazu sieht etwa Bo Rothstein, Politikwissenschafter an der Universität Göteborg, freilich schon: Die Administration Trump habe entscheidende finanzielle Einschnitte für die Wissenschaften in Planung, um den ökonomischen Druck zu erhöhen. In Ungarn gebe es direkten Einfluss auf Wissenschafter, die ein Forschungsprojekt über Korruption und ihre Auswirkungen umsetzen wollen.

Offene Labore

Was können Wissenschafter tun, um sich in diesen politisch schwierigen Zeiten Gehör zu verschaffen? Nowotny sagt: "Die Wissenschaft ist gefordert, noch besser zu vermitteln, wie und durch welche Verfahren es gelingt, wissenschaftlichen Konsens herzustellen." Feichtinger meint ergänzend, der größte Fehler sei gemacht worden, als man ausgeklammert hat, dass hinter der Erzeugung von Wissen auch nur Menschen stehen. Wissenschaft war etwas von Laien Unangreifbares.

Man sollte Einblick darin gewinnen, wie Forscher arbeiten und woran sie arbeiten, dann werde das Vertrauen in ihre Arbeit und deren Sinnhaftigkeit automatisch wachsen. Der Historiker nennt ein Beispiel: "Als man im 17. Jahrhundert Labore öffentlich zugänglich machte, wurden Wissenschafter deutlich glaubwürdiger als zuvor." Feichtinger betont, dass diese "Örtlichkeit des Wissens" erst möglich machte, die Menschen hinter den Forschungen zu sehen und zu verstehen, was sie antreibt und dass diese Arbeit zum Nutzen der Gesellschaft ist.

Glaubwürdigkeit braucht also Öffentlichkeit. Durch den Wegfall der Autoritäten Religion und Staat umso mehr, hieß es in Göteborg. Nur so könne ein neuer Grundkonsens im Diskurs entstehen und verhindert werden, dass Politiker Unwahrheiten so oft propagieren, bis selbst kritische Zuhörer sie als Fakten wahrnehmen.

Physik-Nobelpreisträger Steven Chu, der unter Barack Obama vier Jahre lang Energieminister war, sprach von Geduld, die es braucht, um gegen Falschmeldungen aufzutreten. Er selbst wandte sich bereits mehrfach öffentlich gegen Schulunterricht im Zeichen des Kreationismus.

Eine doch spezielle Situation in den USA sieht übrigens Politikwissenschafter Rothstein: Republikaner hätten lange Zeit erfolgreich Universitäten als Hort linker Ideen bezeichnet. "Was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Es wurden viele Gedanken, die nicht jedem gefallen müssen, im Zeichen der Political Correctness verdrängt." Dieses Verhalten habe eine Gegenbewegung hervorgerufen. Rothstein: "Akademische Freiheit fängt immer an der Universität selbst an und wird sicher nicht ausschließlich von außen gesteuert."

Nur mit Sachlichkeit

Bleibt die alles entscheidende Frage: Hat die Wahrheit in Zeiten von Trump und Social Media Zukunft? Journalisten wie Maggie Haberman betonten im Umfeld der Göteborger Tagung, dass man sich gegenüber Machthabern, die ihre eigene Wahrheit produzieren, nur mit Sachlichkeit behaupten könne.

In den Wissenschaften sei die Faktentreue ohnehin unabdingbar, sagt Nowotny. Studien würden publiziert, wenn etwas funktioniert habe, niemand diskutiere unter normalen Umständen dabei über Wahrheit. Das ist wohl erst durch die Skepsis des von den Forschern nicht abgeholten Publikums entstanden.

Wie werden Wissenschafter diese Krise überstehen, fragt man Bo Rothstein. Er ist fast schon ein Optimist: "Wir haben als Berufsstand Hitler, Stalin und den Kalten Krieg überstanden, wir werden auch das überleben. Aber es ist ein harter Kampf." (Peter Illetschko, 16.12.2017)

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