Fodas Abgang durch die Vordertür

16. Dezember 2017, 10:44
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Am Sonntag bestreitet Franco Foda sein letztes Spiel als Trainer von Sturm Graz. Die finale Dienstreise führt ihn zur Austria ins Happel-Stadion. Der künftige Teamchef möchte seinen Emotionen freien Lauf lassen

Graz/Wien – Der 51-jährige Franco Foda lässt den Sonntag auf sich zukommen. Die Vorbereitung verlaufe völlig normal, sagt er. Ein Spiel sei ein Spiel, man müsse fokussiert sein, die Stärken und Schwächen des Gegners studieren und die Erkenntnisse der eigenen Mannschaft kundtun. "Die Austria hat weit mehr Qualität, als es der Tabellenplatz ausdrückt. Vom Potenzial her ist sie sicher nicht Siebenter." Sturm Graz ist jedenfalls Erster. "Dabei soll es auch bleiben. Die Spieler sind gut unterwegs." Er werde in der Kabine keine spezielle Ansprache halten. "Man soll bis zuletzt authentisch sein." Seit Tagen, ja Wochen wird Foda auf seinen Abschied nach 20 Jahren angesprochen. Der gebürtige Mainzer war Sturm-Spieler, Sturm-Amateure-Trainer, Sturm-Cheftrainer. Ihn nerven die Fragen überhaupt nicht, "denn es war ja eine schöne, einschneidende Zeit".

Der Fußball, sagt er, schreibe ganz eigene Geschichten. Just im Wiener Ernst-Happel-Stadion endet seine Grazer Ära. Also genau dort, wo er als österreichischer Teamchef die meisten Partien bestreiten wird. "Darüber habe ich eigentlich nicht nachgedacht. Aber wenn Sie mich darauf ansprechen, ist es interessant. Das Ende ist der Anfang."

Keine Katastrophe

Foda ist Fußballtrainer, kein Sonntagsmaler. Vielleicht wird er sich wie im letzten Heimspiel einen schwarz-weißen Sturm-Schal um den Hals binden, vielleicht auch nicht. "Man soll Emotionen und Wehmut nicht planen, man soll sie entstehen lassen." Kann sein, dass er nach Abpfiff die eine oder andere Träne vergießt. "Vielleicht wird es ein Tränenfluss. Ich lasse alle Gefühle und Empfindungen zu." Die Vereinsweihnachtsfeier hat bereits Anfang der Woche stattgefunden, sie war besinnlich, familiär, fröhlich, überhaupt nicht ausufernd. "Denn wir wollen ja die Austria schlagen." Möglicherweise sei manch ein Spieler sentimental gewesen, "aber das vergeht. Sie bleiben weiter bei Sturm, werden sich zerreißen. Trainerwechsel sind doch ihr Alltag und keine Katastrophe." Nachfolger Heiko Vogel traue er "alles zu. Er passt zu Sturm, wird den Weg fortsetzen. Er braucht keine Tipps von mir."

Fodas Familie bleibt in Graz, die Stadt biete Lebensqualität: "Klein, fein, mediterran, kulturell, man kennt sich. Du bist gleich in Italien oder auf den Bergen zum Skifahren." Das vergleichsweise riesige und anonyme Wien schrecke ihn nicht. "Warum sollte es? Ich werde viele Matches besuchen, speziell im Ausland, um mit den Legionären Kontakte zu pflegen."

Er wollte unbedingt Teamchef werden. Leben sei Veränderung, zumindest berufliche. "Vor drei Monaten hätte ich mir vorstellen können, bei Sturm in Pension zu gehen. Aber dann bekam ich eine zweite Chance, beim ersten Mal hat es ja nicht geklappt."

Foda wurde Ende Oktober zum Teamchef bestellt. "Es ist eine spezielle Herausforderung." Er werde sich umstellen, neu orientieren müssen. "Im Verein kannst du Spieler über Monate oder Jahre entwickeln. Jetzt arbeite ich immer nur für ein paar Tage mit den Besten des Landes, die von anderen Trainern vorbereitet werden. Sie sind praktisch fertig ausgebildet. Ich muss ihnen meine Ideen, meine Taktik vermitteln."

Menschliche Reife

2012 war Foda nach internen Streitereien kurz weg von Sturm, er wechselte zu Kaiserslautern, aus nicht unbedingt in seinem Bereich liegenden Gründen war es eher eine Misserfolgsgeschichte. "Ich habe aber viel gelernt, bin menschlich gereift. Ich war ein junger, ehrgeiziger Trainer, war zu den Spielern oft zu streng, es ging manchmal ins Persönliche. Ich musste erkennen, dass sie zwar ordentlich Geld verdienen, aber keine Maschinen sind."

Im Fußball gehe es um Moral, Würde, Menschlichkeit. "Trainer werden engagiert und gefeuert. Ich bin in der beneidenswerten Lage, selbst gehen zu dürfen. Und zwar nicht durch die Hinter-, sondern durch die Vordertür." Am Sonntag, knapp vor 18.30 Uhr, schließt die Tür. Foda hofft, "dass meine Mannschaft nicht übermotiviert ist, weil sie mir ein Abschiedsgeschenk bereiten will. Es geht nicht um mich, es geht um sie, um ihre Punkte." Es sei ein gewisses Risiko gewesen, nach der Berufung zum Teamchef weiterzumachen. "Es ist gutgegangen, die Mannschaft hat bis zum letzten Tag alles gegeben. Wie ich."

Als Spieler war Foda mit Sturm zweimal Meister, einmal Cupsieger, dreimal nahm er an der Champions Legaue teil. Als Trainer wurde er Meister und Cupsieger. "Man soll gehen, wenn es am schönsten ist." Die Austria, sagt er, habe Qualität. "Egal, wie es ausgeht, meine Emotionen werden authentisch sein." (Christian Hackl, 16.12.2017)

Technische Daten und mögliche Aufstellungen:

FK Austria Wien – SK Sturm Graz (Wien, Ernst-Happel-Stadion, 16.30 Uhr/live ORF eins, Sky, SR Schüttengruber). Bisherige Saisonergebnisse: 2:3 (h), 0:3 (a).

Austria: Hadzikic – Blauensteiner, Kadiri, Serbest, Salamon – Holzhauser – Tajouri, Prokop, Alhassan, Pires – Friesenbichler

Ersatz: Pentz – Gluhakovic, De Paula, Venuto, Lee, Monschein, Sarkaria

Es fehlen: Borkovic (Oberschenkel), Westermann (nach Knie-OP), Klein (Mittelfußknochenbruch), Ruan (Sehnenabriss Oberschenkel), Martschinko (nach Kreuzbandriss), Grünwald, Almer (beide rekonvaleszent)

Sturm: Siebenhandl – Koch, Schoissengeyr, Maresic, Lykogiannis – Jeggo, Zulj – Hierländer, Alar, Potzmann – Zulechner

Ersatz: Schützenauer – Schulz, Spendlhofer, Lovric, Röcher, Schmerböck, Eze

Es fehlen: Huspek (Muskelverletzung), Gratzei (Rückenblessur)

  • Franco Foda hält ein letztes Mal die vergangenen 20 Jahre in den Händen. Fußball ist auch Veränderung, deshalb übernimmt der Deutsche das österreichische Fußballteam.
    foto: apa/erwin scheriau

    Franco Foda hält ein letztes Mal die vergangenen 20 Jahre in den Händen. Fußball ist auch Veränderung, deshalb übernimmt der Deutsche das österreichische Fußballteam.

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