Sebastian Kurz und das Messias-Prinzip

Analyse17. Dezember 2017, 11:33
402 Postings

Kurz ist der Letzterwählte in der jüngeren Tradition politischer Erlösertypen. Über Glaube, Hoffnung, Erwartung – und Enttäuschung in der Politik

Michael Spindelegger lächelt viel dieser Tage. Vor allem, wenn er in kleiner Runde dazu befragt wird, wie er denn die aktuelle Lage für seinen früheren politischen Protegé Sebastian Kurz einschätze. "Regieren", sagt er dann, "Regieren ist halt eben etwas anderes als Wahlkämpfen."

illustration: standard / friesenbichler, seywald
Sebastian Kurz präsentiert sich als Lichtgestalt.

Spindelegger, Kurz' Vorvorgänger als ÖVP-Chef, war ein redlicher, ein braver Handwerker der Macht: Bünde, Länder, Sozialpartner plus Koalitionsfeind mal Austarieren, Abstimmen, Austeilen und Einstecken ergibt eine elendsfade, aber berechenbare österreichische Realpolitik. Das war Spindeleggers Gleichung.

Regieren ...

Sebastian Kurz ist das genaue Gegenteil des politischen Installateurstypus. Er präsentiert sich als Lichtgestalt. Als ein Erlöser, der dem Messias-Prinzip in der österreichischen Politik wieder einmal fulminant zum Durchbruch verholfen hat. Damit reiht er sich ein in eine ganze Kohorte äußerst erfolgreicher Wahlkämpfer der vergangenen Jahre.

Barack Obama, Emmanuel Macron, Matteo Renzi, Justin Trudeau, Christian Lindner oder eben Sebastian Kurz – das sind allesamt Politiker, die ein zu sich selbst gekommenes Marketing verkörpern. Sie sind "Konzepte des Wünschenswerten". "Starke Marken, die führen, nicht folgen." So würden es die Werber ausdrücken. Sie bieten, wie Models, eine perfekte Oberfläche, auf die jeder Wünsche und Sehnsüchte projizieren kann.

Im Gegensatz zu anmutig über Laufstege wandelnden Damen aber ist ihr Versprechen ein größeres: Sie fordern den Glauben ihrer Jünger heraus, entfachen Hoffnungen, erzeugen Erwartungen, die breite Wählerschichten dazu bringen, ein Stück des Heilsweges mit ihnen zu gehen.

foto: apa / afp / apec peru
Justin Trudeau und Barack Obama gehören zu jenen Politikern, die jeder für sich eine Marke verkörpern.

Obama wollte "Hoffnung wagen" (so der Titel eines seiner Bücher) und setzte gleich sein berühmtes "Yes we can" drauf. Renzi inszenierte sich als "Verschrotter" des alten Systems Italien und errichtete stattdessen die "Repubblica del selfie". Trudeau wollte alle Kanadier auf "sonnige Wege" führen, Macron Frankreich "den Optimismus wiedergeben". Und Kurz ließ "Es ist Zeit" und "Neu regieren" plakatieren.

Sie alle haben auf eine Wechselstimmung eingezahlt in einer Zeit, in der viele Menschen keine Ödbären in Anzug und Krawatte mehr sehen können, die sich in endlosen Sitzungen die Hosenböden durchscheuern, um dann Minimalkompromisse zu präsentieren. Sie haben mit vermeintlich rebellischen Ansagen, mitunter sogar mit revolutionärer Symbolik gespielt. Sie haben politsakrale Start-ups gegründet, sich als Über-politiker positioniert, aus Parteitagen Hochämter gemacht.

... ist ein ...

Damit haben sie gewissermaßen auch erfüllt, was die Zeiten verlangen. "Change Party", verändere deine Partei, das ist der erste Ratschlag, den Kampagnenberater üblicherweise hoffnungsfrohen Spitzenkandidaten in einer Wahlauseinandersetzung geben. Obama und Co haben sich ihre Parteien gleich untertan gemacht und ihre eigenen Bewegungen darauf aufgesetzt.

Der frühere US-Präsident hat als Erster erkannt, dass Parteien als Katalysatoren für die Interessen des Wahlvolkes, als politische Heimat nicht mehr taugen. In einer – durch Social Media – zunehmend fragmentierten Öffentlichkeit lassen sich – durch Social Media – flüchtige Momente der Gemeinschaft, der Einigkeit in der Bewegung konstruieren. Und derjenige, der solche Augenblicke richtig zu timen imstande ist, gewinnt auch Wahlen.

... Rendezvous ...

Versiertheit im Umgang mit Medien ersetzt Erfahrung in der Politik. Das ist einer der Hintergründe für die relativ bescheidene Papierform vieler der smarten, gutaussehenden, charismatischen Politmessiasse, die nun allenthalben in höchste Ämter kommen. Allein: "Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität", sagt einer, der es wissen muss: der frühere deutsche Finanzminister und nunmehrige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Ob analoges Paläozoikum oder Digitalära – es ist gleichbleibendes Gesetz der Politik, dass erzeugte Erwartungen irgendwann auch erfüllt werden müssen. Zumindest teilweise.

Politik mag immer schon Erwartungsmanagement gewesen sein. Für die Überflieger der neuen Politikergeneration ist sie zudem zu einem guten Teil Enttäuschungsmanagement. Denn sie haben nicht die "Politik der kleinen Schritte", nicht kalkulierte Tiefstapelei zu ihrer Maxime gemacht, wie es etwa Angela Merkel tut. Sie haben die Hoffnungen so groß werden lassen, dass diese selbst ihnen über den Kopf zu wachsen drohen. Erlöser müssen erlösen. Das ist der Deal. Alles darunter zählt nicht.

Um die programmierte Enttäuschung seiner Jünger einzuhegen, hat Obama schon in der ersten Nacht seiner Wahl Erwartungen zu dämpfen versucht. Im ersten Jahr seiner Amtszeit hielt er dann ganze 124 Reden, in denen es oft um die Mühen jener Ebene ging, in die sich auch Bergprediger mitunter begeben müssen. Genützt hat es ihm lange Zeit wenig.

Die Gläubigen liefen ihm in hellen Scharen davon, seine Zustimmungswerte fielen ins Bodenlose. Die Stimmung in Washington, D.C., war zeitweilig so gereizt, dass Barack Obama säuerlich das Bonmot eines seiner Vorgänger in den 1960er-Jahren, Lyndon B. Johnson, zitierte: "Selbst wenn ich eines Morgens tatsächlich über das Wasser des Potomac River gehen würde, die Zeitungen würden schreiben: Der Präsident kann nicht schwimmen!"

... mit der ...

Renzi schoss sich indes selbst mit einem Referendum über eine Verfassungsreform, an deren positiven Ausgang er sein politisches Schicksal knüpfte, in den Orbit. Macron sieht sich mit der Straße und einer Mehrheit der Franzosen konfrontiert, welche die Politik seiner Regierung als unfair empfindet.

foto: apa / afp / ludovic marin
Emmanuel Macrons Politik wird von den Franzosen mehrheitlich als unfair empfunden.

Trudeau hat in Kanada inzwischen einen guten Teil seiner Popularität eingebüßt. Er gilt – als vormalige politische Antithese zu Donald Trump – nach heftigem Antichambrieren in Washington dort neuerdings als "newfound friend" (Trump über Trudeau). Und Lindner war erst gar nicht entspannt genug, um in Berlin mit seiner FDP in eine Jamaika-Koalition zu gehen und dort seine eigene Inszenierung als "Jesus Christ Superstar" gegen eine unweigerlich bevorstehende politische Kreuzigung einzutauschen.

... Realität

Und Sebastian Kurz? Was über das "Neu regieren" in Erfahrung zu bringen war (siehe den Bericht über das Regierungsprogramm), lässt vermuten, dass es ihm nicht viel anders ergehen könnte als seinen zuvor erwähnten Kollegen. Bis auf weiteres zeichnet sich die große Reform des Systems Österreich, das Abschneiden alter Zöpfe, das Trockenlegen saurer Wiesen nicht ab. Das bedeutet nicht, dass Kurz zwingend scheitern muss. Obama ist in seinen zwei Amtsperioden vieles gelungen, was einigen erst richtig aufgefallen ist, als Trump es zurückzudrehen versuchte.

Dennoch, die selbstgelegte Latte liegt hoch. Kurz' Wähler – insbesondere die, die er neu für die ÖVP dazugewonnen hat – werden sehr genau darauf achten, ob sie der Überflieger tatsächlich überspringt oder sich darunter durchschummelt. Letzteres würden die Gläubigen auch in einem katholischen Land wie Österreich ihrem Messias nicht verzeihen. (Christoph Prantner, 16.12.2017)

Share if you care.