Babbel-Gründer: "Wir können den Seminarraum nicht ersetzen"

    19. Dezember 2017, 08:00
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    Warum es neben Online- auch Präsenzlehre braucht, erklären die Erfinder der Babbel-Sprachapp, Markus Witte und Thomas Holl

    Erst mal vor sich hinstammeln, Fehler machen – es sieht und hört keiner: Das beschreiben Thomas Holl und Markus Witte als einen der großen Vorteile beim Sprachenlernen via App. Die Gründer von Babbel halten die E-Learning-Plattform für die ideale Lernmethode für jene, die sich in der Schule mit Sprachen schwergetan haben.

    Babbel wurde vor zehn Jahren gegründet, 2008 ging die Applikation online. Mittlerweile lernen etwa eine Million Menschen damit, dafür zahlen sie fünf bis zehn Euro pro Monat. Im Durchschnitt bleiben Kunden ein Jahr auf der Plattform.

    Warum aber zahlen Menschen für Babbel, wo es doch zahlreiche kostenlose Lernapps gibt? "Sie merken, dass sie mit Gratisangeboten nicht weiterkommen", sagt CEO Witte. Bei Babbel sollen eigene Didaktiker für ein qualitativ hochwertiges Angebot sorgen. Zu berücksichtigen haben sie nicht nur die Besonderheiten des Mediums, sondern auch jene der Sprache. "Ein Deutschkurs für Engländer funktioniert anders als der für Franzosen", sagt Witte.

    Schnelle Verständigung

    Während andere Apps, etwa Duolingo, stark auf die Community setzen – Lernende helfen sich gegenseitig –, spielt bei Babbel die Community keine Rolle. "Wir haben damit gestartet, weil wir dachten, dass es großartig wäre, von einem Italiener Italienisch zu lernen", sagt Strategiechef Holl. In der Realität habe sich diese Lernpartnerschaft aber als schwierig herausgestellt. "Denn der Italiener ist möglicherweise nicht in der Lage, seine Sprache auch zu unterrichten. Zudem ist er nicht immer online, wenn sein Sprachtandem gerade parlieren will."

    Babbel-Nutzer setzen sich ihre Lernziele selbst. Sie bestimmen, wann und wo sie lernen. Ob sie Vokabeln wiederholen oder neue Grammatik üben wollen. Dass die anfängliche Motivation schnell schwinden kann, wenn man ganz auf sich allein gestellt ist, geben die Babbel-Gründer zu. Man habe daher mit Gamification experimentiert, sagt Witte. "Die bittere Wahrheit ist, dass für den Lernenden nichts so motivierend ist wie Lernerfolg." Daher lege man Wert darauf, "dass jemand in der wirklichen Welt schnell einfache Konversationen führen kann".

    Aber Sprachenlernen ohne Zusammenhang – funktioniert das überhaupt? Merkt man sich neue Wörter nicht viel besser, wenn man mit ihnen etwas in Verbindung bringt? "Klar, wir können den Seminarraum nicht ersetzen", sagt Witte. Er sieht die App eher als Ergänzung zum Präsenzlernen.

    Expansion in die USA

    2015 expandierte Babbel in die USA. Holl zog mit seiner Familie nach New York, um das Büro dort aufzubauen. "Das war meine größte Lernkurve", sagt er. "Wir haben gesehen, dass Sprachen dort einfach einen anderen Stellenwert haben. Kein Amerikaner muss für den Job eine neue Sprache lernen." Da die USA "aber zahlenmäßig riesig sind", würden die Nutzerzahlen dennoch wachsen, genaue Angaben will man nicht machen. Seit 1. Jänner dieses Jahres gebe es jedenfalls einen eigenen CEO für den Standort, 20 Mitarbeiter sind dort beschäftigt.

    Was für die Zukunft auf dem Plan steht? Voice-Interfaces und Live-Tutoring, bei dem Lerner per Videostream mit einem Sprachlehrer vernetzt werden.

    Zudem wollen die Babbel-Chefs analog gehen und stärker mit Sprachinstituten zusammenarbeiten, erste Kooperationen hätten bereits begonnen. Holl: "Wir sehen uns nicht als Disrupter der Branche, der alle anderen verdrängt." (Lisa Breit, 19.12.2017)

    • Geschäftsführer Markus Witte und Strategiechef Thomas Holl vor einer Pinnwand mit Fotos von Babbel-Mitarbeitern.
      foto: marc beckmann / ostkreuz

      Geschäftsführer Markus Witte und Strategiechef Thomas Holl vor einer Pinnwand mit Fotos von Babbel-Mitarbeitern.

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