Niki-Pleite: Der Wettbewerb fordert seine Opfer

Kommentar14. Dezember 2017, 16:34
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Eine wirksame Fusionskontrolle steht über dem Schicksal einzelner Firmen

Geht es um Jobverluste, ist das Wehklagen groß. Zahlreiche Salven werden jetzt auf die Wettbewerbshüter abgefeuert, die zum Sündenbock für die Pleite von Niki gestempelt werden. In erster Linie die EU-Kommission, in weiterer Folge auch ihre Kollegen in Wien und Berlin geraten wegen ihrer kritischen Bemerkungen zur Air-Berlin-Übernahme durch Lufthansa ins Visier. Das kommt gut an: Das Schicksal von 1.000 Mitarbeitern, die – kurz vor Weihnachten – ihren Job verlieren, geht allemal näher als das vermeintlich abstrakte Anliegen der Fusionskontrolle.

Doch genau dieser kurzsichtige Zugang kann ins Auge gehen. Entstehen zu starke Player, kann dies verheerende Folgen für Volkswirtschaften und die globale Ökonomie haben. Eine übergroße Konzentration stellt eine massive Gefahr für Konsumenten dar, die mit überhöhten Preisen leicht über den Tisch gezogen werden können. Auch das Knebeln von Lieferanten geht recht locker von der Hand, wenn die Abhängigkeit vom Abnehmer nur ausreichend groß ist.

Dennoch werden marktbeherrschende Stellungen in breiten Kreisen und auch von der Politik kaum als ernste Bedrohung wahrgenommen. Das erstaunt umso mehr, als sich derzeit gerade in zukunftsweisenden Sektoren wie dem IT-Bereich atemberaubende Machtzentralen aufbauen. Google, Amazon oder Facebook dominieren nicht nur bei Suchmaschinen, Onlinehandel oder sozialer Vernetzung: Sie sind auch Herren der Daten, deren unschätzbarer Wert und künftige Bedeutung in der Diskussion nicht ausreichend gewürdigt werden. Dank ihres Kapitals sind die IT-Giganten überdies in der Lage, aufkommende Rivalen mit Geld aus der Portokasse zu schnupfen. Wettbewerbskontrolle erscheint somit wichtiger denn je.

Das sollte man vorausschicken, wenn nun die Kartellwächter für das Grounding der Niki gegeißelt werden. Was sich bei den Fluglinien seit dem Aus der Air Berlin abspielt, kann nicht einfach hingenommen werden. Der Anstieg der Ticketpreise verlief derart rasant, dass der Verdacht auf Marktmissbrauch nicht von der Hand zu weisen ist. Der kann bei Airlines nicht einfach durch den Eintritt neuer Konkurrenten beseitigt werden, weil Flug- und Landerechte langfristig festgelegt sind. Was bei Untätigkeit der Wettbewerbshüter passiert, lässt sich am Beispiel des heimischen Lebensmittelhandels gut ablesen. Weil nach Konsum auch große Teile von Meinl, Adeg und Zielpunkt den beiden Rivalen Rewe und Spar zufielen, können sie Preise und Lieferantenkonditionen fast beliebig diktieren. Das zeigt schon, dass auch Opfer zu erbringen sind, um den Wettbewerb zu sichern.

Ist somit das Aus von Niki samt Verlust der Arbeitsplätze unausweichlich? Nein, denn der österreichische Ferienflieger stellt so ungefähr das kleinste wettbewerbsrechtliche Problem rund um die Verwertung der Air Berlin dar. Hier wäre ein härteres Einschreiten bei den großen Destinationen von und zu deutschen Flughäfen sowie Wien und Zürich dringend erforderlich. Auch ein komplettes Verbot des Zusammengehens mit Lufthansa erscheint überlegenswert.

Doch hier konnte der Kranich auf die Unterstützung Berlins zählen, das konsequent die Stärkung des deutschen Carriers verfolgt hat. Das kann man als nationale Industriepolitik bezeichnen. Und genau diese Strategie ist das beste Argument für eine beinharte EU-Fusionskontrolle. (Andreas Schnauder, 14.12.2017)

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