Ein Kompliment, wenn Mütter als egoistisch gelten

    Kolumne17. Dezember 2017, 17:00
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    Frauen, die nur für die Familie leben und sich bis zur Selbstaufgabe verzehren, sind keine guten Vorbilder für ihre Kinder

    Frage

    Ich schreibe Ihnen als geschiedene Frau und Mutter von fünf Kindern im Altern von zweiundzwanzig, einundzwanzig, vierzehn, zwölf und fünf Jahren. Die großen Kinder sind bereits aus dem Haus, die kleinen leben zu gleichen Teilen bei mir und ihrem Vater. Ich selbst habe keine neue Beziehung, mein Exmann lebt mit seiner neuen Frau zusammen.

    Unsere Ehe war für mich rückblickend betrachtet so, dass ich für unsere Familie und unsere Kinder gelebt habe und nun erkenne, dass ich mir viel an Demütigung und Kränkungen habe gefallen lassen. Mein Exmann war und ist ein großartiger Vater, der viel Zeit und Interesse für seine Kinder aufbringt.

    Trennung als Befreiungsschlag

    Letztlich war es für mich kein einfacher Schritt, mich nach den vielen gemeinsamen Jahren zu trennen. Ich fiel danach auch in eine tiefe Depression, die gut begleitet wurde. Dennoch war es sozusagen ein Befreiungsschlag. Ich denke, dass sich vielleicht viele Frauen in einer ähnlichen Situation befinden.

    Was mich jetzt beschäftigt, ist, wie kann ich meinen Kindern nun eine gute Mutter sein, und wie schaffe ich es, dass mein Exmann auch die gemeinsamen Stunden einer Familienbegleitung annimmt? Große Sorgen bereitet mir unsere große 21-jährige Tochter. Ich habe den Eindruck, dass sie sich in ihrem Leben verloren fühlt.

    Antwort

    Ich denke, Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass Sie Ihr Schicksal mit vielen anderen Frauen teilen, die sozusagen im Schatten ihres Mannes standen.

    Ich denke auch, dass es Ihnen bewusst ist, dass es immer zwei dazu braucht, die diese Art von Dynastie erschaffen. Ich werde also nicht näher auf Ihren Exmann eingehen, sondern lediglich anmerken, dass er sein Leben – genauso wie Sie – so gut lebt, wie er kann.

    Was Sie betrifft, so möchte ich es so formulieren: Zusammen mit Ihrem Exmann haben Sie gelernt, sich wie ein Opfer zu verhalten. Ich kann mir vorstellen, dass sich Ihre große Tochter sehr kritisch Ihnen gegenüber verhält und am wenigsten Vertrauen zu Ihnen hat. Sie steht zwischen einer Mutter, die ihr Leben lang Mutter war, und einem Mann, der, wie es scheint, seinen Weg erfolgreich geht. Wo soll sie nun die Kraft und Sicherheit schöpfen, die sie für ihre Entwicklung braucht?

    Neue Vorbildrolle

    Ich habe den Eindruck, dass Ihnen auch jetzt das passiert, was Sie so gut kennen, nämlich Ihren Kindern Ihre Gefühle und Erfahrungen zu "ersparen": Vielleicht ist das ein "mütterlicher Instinkt", trotzdem ist dieser nicht besonders konstruktiv – für keine Seite.

    Wichtig ist also vor allem, Ihrer großen Tochter eine neue Vorbildrolle zu sein. Andernfalls riskieren Sie, dass sie Ihren Vater kopiert und Ihnen mit ihr Gleiches wie mit Ihrem Exmann widerfährt.

    Mein Rat an Sie ist: Sagen Sie die Wahrheit über sich selbst, auch in der Familienbegleitung, bevor Sie möglicherweise falsch interpretiert werden. Lassen Sie jegliche Strategien fallen, und bleiben Sie sich selbst treu. Begeben Sie sich nicht zurück in die Fänge Ihres Exmannes, der Kinder willen.

    Authentizität und Selbstachtung

    Es kann sein, dass Sie sich eine Zeitlang als "selbstsüchtig" wahrnehmen, aber mit Ihrer wenn auch kurzen, aber prägnanten Aussage, würde ich meinen, dass Sie dieses Gefühl als solches annehmen sollten und Sie damit auf dem richtigen Weg sind.

    Wenn andere über Sie sagen, Sie wären egoistisch, so nehmen Sie das als Kompliment an. Es gibt ein wunderbares Buch einer amerikanischen Familientherapeutin zu dem Thema "Wenn Frauen zu sehr lieben." Es hat Tausenden von Frauen zu mehr Selbstachtung verholfen. Das ist das, was ich auch Ihnen wünsche! (Jesper Juul, 17.12.2017)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 31. Dezember 2017.

    • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Familylab Österreich.
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit Familylab Österreich.

    • Frauen, die im Schatten ihres Partners stehen: Die Opferrolle tut niemandem gut.
      foto: getty images/istockphoto/mstrbac

      Frauen, die im Schatten ihres Partners stehen: Die Opferrolle tut niemandem gut.

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