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17. Dezember 2017, 09:00

Menschenmassen sammeln sich auf dem Salzburger Domplatz im Advent. An Samstagen heißt es mehr Schieben als Schlendern zwischen den Standln des Christkindlmarktes. Vor den kleinen Holzhütten, an denen Punsch und Bosna verkauft werden, bilden sich Menschenschlangen. Dazwischen versuchen Einkaufslustige, zwischen Wollhauben, Schmuck, Holzschnitzereien und Schneekugeln das passende Weihnachtsgeschenk zu finden. Wer Platzangst hat oder Menschenmassen meidet, sollte den Besuch nicht an einem Wochenende einplanen.

Der Salzburger Christkindlmarkt auf dem Dom- und Residenzplatz ist die größte Veranstaltung im Land Salzburg. Er zählt zu den beliebtesten Adventmärkten der Welt. Regelmäßig taucht die Stadt in internationalen Rankings der beliebtesten Reiseziele für den Winterurlaub auf. CNN listet die Mozartstadt seit 2010 unter die besten zehn Destinationen.

foto: apa/barbara gindl
An den Adventwochenenden ist am Domplatz mehr los, als beim Jedermann.

Mehr als 1,3 Millionen Besucher kamen im Vorjahr in den fünf Wochen vor Weihnachten. "Heuer ist der Markt vom ersten Tag an ziemlich stark besucht", sagt Wolfgang Haider, der Leiter des Vereins Christkindlmarkt. Deshalb rechnet er mit noch mehr Gästen. An normalen Wochentagen gebe es einen Durchlauf von mindestens 25.000 Besuchern, am Wochenende bis zu 60.000 täglich. Zum Vergleich: Die gesamte Stadt Salzburg hat rund 154.000 Einwohner. Die Bewohnerzahlen der Innenstadt sind in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Im Festspielbezirk wohnen laut aktuellem Melderegister überhaupt nur noch 54, im Domviertel nur 73 Menschen.

Hohe Tourismusdichte pro Einwohner

"Jede Stadt hat eine bestimmte Kapazität. Man kann nicht beliebig viele Menschen hineinschleusen, ohne das Gästeerlebnis zu beeinflussen", sagt Vladimir Preveden anlässlich einer Diskussion in Salzburg. Der Experte des Beratungsunternehmens Roland Berger erklärt, die Gäste würden Authentizität und ein ganzheitliches Erlebnis wollen. "Sie erwarten eine Weltkulturerbestadt und finden sich im Massentourismus wieder." Preveden hat ein Tourismus-Barometer erstellt, bei dem Salzburg in die rote Zone fällt. Im Vergleich zu anderen Städten hat Salzburg eine hohe Tourismusdichte pro Einwohner, der Umsatz pro verfügbares Zimmer ist im Vergleich gering.

Die Touristiker schätzen die Wertschöpfung durch Tagesbesucher und Übernachtungsgäste in der Adventzeit auf rund 60 Millionen Euro. Nur während der Festspielzeit wird noch mehr Umsatz gemacht. Für die rund 100 Standler ist der Christkindlmarkt ein gutes Geschäft. Bis zu 100.000 Euro sollen mit den lukrativsten Standln pro Saison bleiben. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

"Man kann nicht beliebig viele Menschen reinschleusen ohne das Gästeerlebnis zu beeinflussen", sagt Vladimir Preveden.

Ein Christkind verkauft Lose für die Kinderkrebshilfe. "Jedes Los gewinnt, und es ist für einen guten Zweck", sagt die junge Frau zu einer Gruppe aus Deutschland. Auch die Straßenzeitungsverkäufer versuchen ihr Glück zwischen den Besuchern. Vor dem Eingang zu Salzburgs größtem Adventmarkt werden fleißig Selfies gemacht. Eine Fremdenführerin hebt ihren Regenschirm und leitet ihre zwanzigköpfige Reisegruppe am Café Tomaselli vorbei. An der Ecke Sigmund-Haffner-Gasse trifft der Einkaufssamstag in der Getreidegasse auf den Adventtourismus.

Neue Rekorde jedes Jahr

Salzburg ist eine Tourismusdestination, die mit der Masse zu kämpfen hat. Immer mehr Einheimische sind genervt von dem Ansturm und meiden die Innenstadt. Die Anzahl an Besuchern bezogen auf die Größe der Stadt überfordert die örtlichen Strukturen. Andere Tourismusstädte wie Venedig haben bereits Obergrenzen für Tagestouristen eingeführt. Salzburg ist da zurückhaltend. Die Politik schwankt zwischen Euphorie und Überforderung wegen der vielen Gäste und überlegt eher kurzfristige Maßnahmen, um die Tourismusströme zu steuern.

Der Tourismus verzeichnet in der Stadt immer neue Rekorde: Von 2010 bis 2016 sind die Ankünfte um 44 Prozent gestiegen, die Nächtigungen um 37,3 Prozent. Das heißt, es kommen mehr Leute, aber sie bleiben kürzer – im Schnitt derzeit 1,7 Tage. Im Vorjahr gab es 2,8 Millionen Nächtigungen, heuer werden es nach ersten Schätzungen noch mehr sein. Und es dürfte eine beträchtliche Dunkelziffer geben: Allein über Airbnb sollen über 800 Wohnungen in der Stadt angeboten werden. Nur die wenigsten sind in der Statistik erfasst.

Dazu kommen immer mehr Tagestouristen, die vor allem ein Verkehrsproblem verursachen. Die Parkgaragen in der Innenstadt sind an Hochfrequenztagen meist bereits zu Mittag ausgelastet, der Rückstau zieht sich durch alle Hauptverkehrsstraßen. Die Park-and-ride-Parkplätze am Stadtrand werden wenig angenommen.

Ärger über Bustouristen

Zur Stoßzeit kommen im Minutentakt Reisebusse an der Paris-Lodron-Straße neben dem Mirabellplatz an. Mehr als 300 sind es an starken Tagen. Sie bleiben einige Minuten auf einem der drei Parkbuchten stehen und laden die Tagestouristen aus. In Zweierreihe gehen die Besucher den schmalen Gehsteig entlang Richtung Salzach. Ein Mann versucht, dazwischen den Gehweg hinaufzugehen. "Herrschaftszeiten, da kommt man ja gar ned mehr durch."

foto: thomas neuhold
Verkehrschaos in der Paris Lodron Straße. Bis zu 300 Busse laden pro Tag hier Tagestouristen aus.

Dass die Busse mitten in die Innenstadt fahren, macht viele Salzburger ratlos. Etwa 40.000 Reisebusse werden 2017 ihre Gäste in der Stadt abladen. Sie tragen zum Verkehrschaos bei. Wenn keine Einbuchtung frei ist, wird eine Runde gefahren. Beim zweiten Busterminal im Nonntal können sieben Busse gleichzeitig abgefertigt werden. Nach dem Entladen der Gäste müssen die Busfahrer wegen des Parkverbotes für Reisebusse ihr Fahrzeug auf einem der Busparkplätze im Norden oder Süden abstellen. Kostenpunkt aktuell 24 Euro pro Bus und Tag.

Die Vorschläge zur Beschränkung der Bustouristen reichten von Kontingentierung über eine Maut bis hin zu höheren Bustarifen. Der neueste Plan: ein Online-Buchungssystem, über das die Parkgebühr bezahlt und ein einstündiges Zeitfenster zum Zufahren festgelegt wird. Die Stadt wird dem Chauffeur einen der beiden Terminals zuweisen. Der Start des Konzepts ist für Juni 2018 geplant.

Stille Nacht als weitere Attraktion

Mozart, Festspiele, Sound of Music – Salzburg hat gleich mehrere Alleinstellungsmerkmale, die Besucher aus aller Welt anlocken. Doch damit nicht genug: 2018 wurde nun zum Stille-Nacht-Jahr ausgerufen. Zum 200-Jahr-Jubiläum des berühmten Weihnachtsliedes, das in Oberndorf erstmals gespielt wurde, wird es zahlreiche Veranstaltungen sowie die Landesausstellung Stille Nacht an neun Standorten geben. Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) hat zu diesem Anlass sogar den Papst nach Salzburg eingeladen.

Der Tourismusexperte Vladimir Preveden meint, Salzburg brauche einen Tourismus-Masterplan. "Für einen Smart Tourism müssten Verkehrs- und Kulturbetriebe, die Stadt, Geschäftsbetreiber und Einwohner am Bild der Stadt arbeiten", sagt Preveden. Stadt- und Tourismusentwicklung müssten Hand in Hand gehen. Gleichzeitig sollte versucht werden, Tourismusströme zu entzerren und die Menschen auch in andere Stadtteile zu bringen. Bis 26. Dezember zieht es die Menschen noch in die Altstadt auf einen Glühwein am Christkindlmarkt. Und dann wird umgebaut für die Silvesterparty. (Stefanie Ruep, 17.12.2017)