Tödliche Gasexplosion in Baumgarten nach technischem Defekt

Video12. Dezember 2017, 18:23
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Unternehmen Gas Connect Austria spricht von einem Unfall, dessen Ursachen aber noch nicht geklärt seien

Baumgarten an der March – So versteckt die riesige Gasstation inmitten landwirtschaftlich genutzter Felder bei Baumgarten an der March in Niederösterreich normalerweise auch ist: Am Dienstagvormittag war der Ort sogar von höher gelegenen Plätzen im gut 35 Kilometer entfernten Wien zu identifizieren. Denn die mächtigen Rauchsäulen über der Gasstation waren nach einer Explosion gegen 8.50 Uhr und dem nachfolgenden Brand weithin sichtbar.

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Die Explosion in der Gemeinde Weiden an der March im Bezirk Gänserndorf forderte ein Todesopfer. Ein Schwerverletzter wurde in das Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH) geflogen. Er konnte bereits am Nachmittag laut Rotem Kreuz in häusliche Pflege entlassen werden. Weitere 20 Verletzte seien ins SMZ Ost, ins UKH Meidling sowie ins Landesklinikum Hainburg gebracht worden.

60 Personen auf Firmenareal

Die Verletzten kommen aus Österreich und sechs weiteren Ländern; fast alle Mitarbeiter von Gas Connect Austria. Bei dem Todesopfer handelt es sich nach Angaben des Unternehmens vom Dienstagabend um einen Mitarbeiter des TÜV-Austria.

Insgesamt waren laut Andreas Rinofner, Sprecher von Gas Connect Austria, zum Unglückszeitpunkt etwa 60 Personen auf dem Gelände tätig. Das Areal und der Ort Baumgarten mit rund 200 Einwohnern wurden zunächst weiträumig abgeriegelt. Der Schock saß tief, die Gemeinde ließ auch das nahegelegene Wohnhaus der Lebenshilfe aus Sicherheitsgründen evakuieren. Die rund 50 Bewohner konnten aber wenige Stunden später zurückkehren.

Im Ort selbst, der etwa drei Kilometer von der Gasstation entfernt ist, gab es keine Verletzten zu beklagen. Gegen 15 Uhr teilte die Gas Connect Austria mit, dass der Brand gelöscht sei. Nachlöscharbeiten dauerten laut Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner aber an.

Rinofner gab an, dass das Unternehmen von einem technischen Gebrechen ausgehe. Zur Explosion sei es im westlichen Teil der Anlage gekommen. "Welche Leitung genau betroffen ist, können wir noch nicht sagen", sagte Rinofner dem STANDARD.

Enorme Hitzeentwicklung

Von den Folgen der Explosion und der enormen Hitzeentwicklung, durch die auch Autos auf dem Areal schwer beschädigt wurden, sei laut Gas Connect Austria eine etwa 100 mal 100 Meter große Fläche betroffen. Hier fanden zuvor Bautätigkeiten statt, am Montag pausierten diese – "zum Glück", wie Geschäftsführer Stefan Wagenhofer ausführte.

Brandermittler des Landeskriminalamts Niederösterreich nahmen laut Polizeisprecher Heinz Holub nach der Freigabe des Unfallorts ihre Arbeit auf. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) geht jedenfalls von einem technischen Gebrechen in der Gasstation aus. "Es gibt derzeit keinerlei Hinweise auf einen intentionalen Angriff oder eine anderweitige Tathandlung", hieß es in einer Aussendung. Es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit von keinem "möglichen terroristischen Hintergrund auszugehen", teilte das Referat "Schutz kritischer Infrastrukturen und Cyber-Security" mit.

Auch das Unternehmen sprach am Abend in einer Aussendung dezidiert von einem "Unfall", dessen Ursache noch nicht gklärt sei. Man arbeite intensiv an der Aufklärung des Vorfalls.

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner traf am Nachmittag am Unglücksort ein und sprach von einer "dramatischen Situation". Insgesamt waren 22 Feuerwehren mit 240 Personen sowie 40 Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Einsatz. Dazu kamen vier Notärzte und drei weitere Mediziner.

Wichtiger Gasknotenpunkt

Der Gasknotenpunkt Baumgarten ist Österreichs größte Erdgas-Übernahmestation und zählt laut dem Betreiber zu einer "der bedeutendsten Drehscheiben für die europäische Erdgasversorgung" (siehe Wissen). So läuft etwa ein Drittel der für Westeuropa bestimmten Exportmenge aus Russland über diesen Hub.

Nach dem Unglück wurde die Anlage in Baumgarten heruntergefahren und steht derzeit still, doch die Systeme der Trans-Austria-Gasleitung Richtung Italien, der West-Austria-Gasleitung nach Deutschland und der Hungaria-Austria-Gasleitung nach Ungarn sollten nach Angaben der Gas Connect Austria noch vor Mitternacht wieder in Betrieb gehen.

Italien hatte zuvor aufgrund des Vorfalls den Notstand bei der Energieversorgung ausgerufen. Dabei hat das Land zum Teil gerade mit einem heftigen Wintereinbruch zu kämpfen.

In Österreich sei die Gasversorgung "durch Umleitungsverkehr" stets sichergestellt gewesen. Außerdem könne man auf gut gefüllte Gasspeicher zurückgreifen. (David Krutzler, 12.12.2017)

Nachlese Livebericht: Ein Toter und 21 Verletzte bei Explosion einer Gasstation im Weinviertel

Wissen: Gasknoten mit europäischer Bedeutung

Baumgarten ist die größte Erdgasübernahmestation in Österreich und wichtig speziell auch für den Süden Europas. Das meiste Gas gelangt über eine gut 4.000 Kilometer lange Pipeline aus Westsibirien bis Baumgarten, das nahe der slowakischen Grenze liegt. Beträchtliche Mengen kommen auch aus Norwegen. Baumgarten, das zu Zeiten des Kalten Kriegs auch schon eine wichtige Gasdrehscheibe war, ist Ausgangspunkt einer Reihe unterirdischer Röhren, durch die pro Jahr rund 40 Milliarden Kubikmeter Gas nach Österreich sowie nach West-, Süd- und Südosteuropa weiterverteilt werden. (stro)

  • Die Flammen nach der Explosion am Gasknotenpunkt Baumgarten sowie die Rauchschwaden waren am Dienstag weithin sichtbar.
    foto: apa / afp / tomas hulk

    Die Flammen nach der Explosion am Gasknotenpunkt Baumgarten sowie die Rauchschwaden waren am Dienstag weithin sichtbar.

  • Die Hitze beschädigte auch Autos auf dem angrenzenden Parkplatz.
    foto: apa / einsatzreport

    Die Hitze beschädigte auch Autos auf dem angrenzenden Parkplatz.

  • Erst gegen 15 Uhr konnte "Brand aus" gegeben werden.
    foto: apa / matthias fischer

    Erst gegen 15 Uhr konnte "Brand aus" gegeben werden.

  • Insgesamt waren 22 Feuerwehren mit 240 Personen sowie 40 Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Einsatz.
    foto: christian fischer

    Insgesamt waren 22 Feuerwehren mit 240 Personen sowie 40 Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Einsatz.

  • Dazu kamen vier Notärzte und drei weitere Mediziner.
    foto: christian fischer

    Dazu kamen vier Notärzte und drei weitere Mediziner.

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