Neue Alben von Liam und Noel Gallagher: Rückfälle und Ausfälle

    13. Dezember 2017, 07:38
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    Mit der Band Oasis wurden sie berühmt, berüchtigt ist ihr Bruderzwist. Kurz hintereinander veröffentlichten die Gallaghers nun jeweils ein Soloalbum. Eine Gegenüberstellung

    Wien – Frank Gallagher ist ein asozialer Prolet. Er wirft alle Drogen ein, die er kriegen kann. Flüssige, feste, er schluckt und spritzt sie, manche finden durch den Hintereingang in ihren Wirt. Ist die Versorgung gesichert, charmiert er mit misanthropischem Scharf- und Unsinn. Frank Gallagher ist eine Hauptfigur der britischen TV-Serie Shameless. Er ist das Oberhaupt einer (lebens)hungrig gegen den Alltag und ihren Vater kämpfenden Familie am unteren Ende der sozialen Leiter.

    Heißt die Hauptfigur zufällig Gallagher? Man weiß es nicht. Es gibt jedenfalls zwei echte Gallaghers, deren Image sich über weite Bereiche mit der Serienfigur decken: Noel und Liam Gallagher.

    Innerhalb weniger Wochen haben diese Gallaghers Soloalben veröffentlicht. As You Were ist Liams erstes unter eigenem Namen, Who Built The Moon? ist Noels drittes mit den High Flying Birds.

    Trinken in der Fankurve

    Berühmt wurden die zwei mit der 1991 gegründeten Band Oasis. Noel war ihr musikalischer Kopf, Liam der Sänger. Mit ihrem drogenbeschleunigten und bald neureichen Proletenimage eroberten sie die Welt. Alben wie Definitely Maybe, (What's The Story) Morning Glory? oder Be Here Now machten die Popnation England great again, über 70 Millionen Alben haben Oasis verkauft.

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    In der Britpop genannten Ära legten sie sich mit allen und jedem an, der ihren Größenwahn oder ihre Musik kritisierte. Auf der Insel galten sie als Hausheilige der Lad-Kultur. Eine aus der Arbeiterschaft entstandene Kumpelkultur, die einfachen Vergnügungen frönt: Sex, Drogen, Rock 'n' Roll, und an sportlichen Tagen säuft man in der Fankurve des Lieblingsfußballvereins.

    So berühmt Oasis waren, so berüchtigt ist der Bruderzwist zwischen Liam (45) und Noel (50). Die Band zerbrach 2009, die Wickel der beiden halten an. Ihre nun kurz hintereinander veröffentlichten Alben gaben ihnen wieder Anlass, über den jeweils anderen zu schimpfen. Als Noel in einer TV-Show eine Musikerin mit einer Schere Geräusche produzieren ließ, kübelte Liam tags darauf Gift und Galle über den Auftritt.

    "Sad fucks"

    An sonnigen Tagen titulieren sich die beiden als "sad fucks", wobei Liams Defätismus allgemein höher eingeschätzt wird als der seines Bruders. Die Klatschpresse fand und findet in den beiden seit jeher ein Fressen, und in Zeiten stromlinienförmiger Karrierebands sehnt man sich ja hin und wieder nach ein paar Rüpeln im Business. Zumindest auf Liam ist diesbezüglich Verlass, Noel versucht sich in der Rolle des älteren, gescheiteren Bruders.

    Aber durch ihn fließt derselbe Saft wie durch Liam, Rückfälle und Ausfälle lassen nie lange auf sich warten. So wenig sie miteinander zu tun haben wollen, so ähnlich sind sie sich. Sogar in der Hitparade: Beide Alben erklommen in der Woche ihres Erscheinens die Spitze der britischen Charts, beide sackten in der nächsten ab: unentschieden.

    Vor allem Liam als das größere Großmaul musste liefern. Und das tat er: Er zeigte sich, vollkommen überraschend, begeistert von seinem Album. Immerhin gestand er, dass er nach Auflösung der Band Beady Eye 2014 eine ausgewachsene Krise durchlebt hatte. Ein Sänger ohne Band, keine Songs, was nun? Liam baute auf seine Kernkompetenz.

    liam gallagher

    Nachdem Oasis sich ja shameless das Beatles-Erbe angeeignet hatten, setzte er dort an, mit Schwerpunkt auf John Lennon. Entsprechend klingt das Album. Manchmal härter, wie der Song Greedy Soul zeigt, manchmal sanfter wie sein großes Vorbild, nach dem er einen seiner Söhne benannt hat: Lennon. Sollte Yoko Ono jemals For What It's Worth hören, könnte ein Anwaltsschreiben in Liams Briefkasten landen.

    As You Were ist eine gute Platte. Kein großer Wurf, aber Hausmarke. Also jener Sound, der nach Liam Gallaghers Überzeugung der beste der Welt ist, immer noch. Süffig wie ein Lieblingsbier, ein paar Schwächen im Reimzwang, aber von genügend Hooklines getragen, um ohne Schande gepflegt arrogant über die Runden zu kommen. Dass das vor zwanzig Jahren spritziger klang, schenkt er sich, so viel Großmut muss sein.

    Zurück in die Zukunft

    Noel diagnostizierte sich derweil eine Weiterentwicklung. Einen Song wie Wonderwall könne er jeden Tag schreiben, aber wo bliebe da die Herausforderung? Er sucht Inspiration in seiner Jugend und taucht in die frühen 1990er ein, als Manchester Madchester hieß. Damals kochten Bands wie die Happy Mondays oder Primal Scream Ecstasy, House, Rock und Psychedelic zu einer Party hoch.

    Nachgebaut hat diese David Holmes, der als Remixer und Produzent von Soundtracks wie Ocean's Eleven reüssierte. Er sorgt dafür, dass Noel nicht bloß retro klingt. Sein Beitrag zeigt sich am deutlichsten in Titeln wie Be Careful What You Wish For, dessen Atmosphäre er detailreich und mit einer unterschwelligen Funkiness behübscht.

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    Ein Lied wie It's A Beautiful World ist hingegen eine Ansammlung von Banalitäten, flirrenden Synthesizern und Reimen, bei denen Noel kaum den Mund aufbringt. Gassenhauer, die eine ganze Generation mitsingen, gelingen beiden nicht mehr. Das lebensfrohere Werk ist Noel gelungen, mehr Biss hat das von Liam – was bei einem Wadlbeißer nicht wundert. Noel hat sich auf den Weg gemacht, Liam ist trotzig stehengeblieben. Auch das ist Entertainment. Irgendwie mag man sie ja beide. Manchmal. (Karl Fluch, 13.12.2017)

    • Die Gallagher-Brüder im Jahr 1999.
      foto: reuters

      Die Gallagher-Brüder im Jahr 1999.

    • Noel, musikalischer Kopf von Oasis, versucht sich in der Rolle des älteren, gescheiteren Bruders.
      sour mash

      Noel, musikalischer Kopf von Oasis, versucht sich in der Rolle des älteren, gescheiteren Bruders.

    • Liam, Sänger von Oasis, liefert der Klatschpresse seit jeher verlässlich lustige Schlagzeilen.
      warner

      Liam, Sänger von Oasis, liefert der Klatschpresse seit jeher verlässlich lustige Schlagzeilen.

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