Bischof von Liverpool: Späte Gerechtigkeit für die Hillsborough-Opfer

    12. Dezember 2017, 12:41
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    James Jones kam 1998 als Bischof nach Liverpool. Er hat die Trauer und Wut der Angehörigen der Toten von Hillsborough erlebt. Als Vorsitzender einer unabhängigen Untersuchungskommission konnte er ihnen Jahrzehnte nach dem Unglück endlich Antworten geben

    Das Athenaeum im Zentrum Londons ist ein ungewöhnlicher Ort für ein ballesterer-Interview. Athena, die Göttin der Weisheit, thront über dem Säulenvorbau, durch den wir den 1824 gegründeten Gentlemen’s Club betreten. In den Mitgliederlisten finden sich Charles Darwin, Charles Dickens, zahlreiche Nobelpreisträger – und James Jones, den wir für ein Gespräch über Liverpool treffen. Von 1998 bis 2013 war er Bischof der Stadt und hatte maßgeblichen Anteil an der Aufarbeitung der Katastrophe von Hillsborough, die 96 Fans das Leben kostete.

    Nicht nur die Trauer um die Opfer erschütterte die Stadt, sondern auch die ungeklärten Fragen, die fehlende juristische Aufklärung und die Anschuldigungen durch Polizei und Medien, allen voran die Boulevardzeitung Sun. Fans hätten das Unglück verursacht, seien ohne Ticket und betrunken ins Stadion gelangt und hätten Tote bestohlen. Erst der 2012 veröffentlichte Untersuchungsbericht des von Bischof Jones geleiteten Hillsborough Independent Panel stellte offiziell fest: Nicht die Fans des Liverpool FC waren schuld, sondern Polizei und Sicherheitskräfte.

    ballesterer: Sie sind 1998 zum Bischof von Liverpool ernannt worden. Was haben Sie zuvor über die Stadt gewusst?

    James Jones: Ich habe einiges recherchiert und mich eingelesen, auch über Hillsborough. Wenn du als Bischof neu in eine Stadt kommst, musst du zunächst einmal zuhören. Wenn dir die Leute von Angesicht zu Angesicht erzählen, wovon du zuvor nur oberflächlich erfahren hast, bekommen die Dinge eine menschliche Dimension.

    ballesterer: Was haben Sie dabei erfahren?

    James Jones: Liverpool hat eine eigene Kultur. Die Sprache ist eigen, der zwischenmenschliche Umgang liebevoll. Die Leute sind sehr stolz darauf, hier zu wohnen. Um 1900 hatte die Stadt noch gut eine Million Einwohner, heute sind es nicht einmal mehr halb so viele. Auch wenn das noch immer sehr viele Menschen sind, bekommt man den Eindruck, alle würden einander kennen. Fragt man auf der Straße nach dem Weg, kennt der Gefragte immer jemanden an dem Ort, an den man will. Die Stadt ist wie ein großes Dorf.

    ballesterer: Hat die Hillsborough-Katastrophe deswegen besonders starke Auswirkungen gehabt?

    James Jones: Das spielt sicher eine Rolle. Hillsborough ist aber auch zu einem Symbol für die Stadt geworden. Die Zeitungen und in weiterer Folge viele Leute im ganzen Land haben die Katastrophe zum Anlass genommen, um über Liverpool zu urteilen. Die Medien haben 25 Jahre lang das Bild der wehleidigen "Scousers" aufgebaut. Auch deshalb war der Bericht unserer Kommission so wichtig. Er hat bestätigt, dass die Fans keine Schuld trifft, und damit die Hinterbliebenen gestärkt. Eine Frau, die ihren Mann in Hillsborough verloren hat, hat mir erzählt, dass sie sich geschämt hat, mit Leuten von außerhalb Liverpools über ihren Verlust zu sprechen. Sie habe ihnen nicht in die Augen schauen können, weil sie sich vor den Vorurteilen gefürchtet hat. Sie hat mir gesagt: "Endlich können wir wieder erhobenen Hauptes sprechen."

    ballesterer: Wie sind Sie Vorsitzender der Untersuchungskommission, des Hillsborough Independent Panel, geworden? Für einen Bischof ist so eine Rolle ja nicht alltäglich.

    James Jones: Es mag ungewöhnlich sein, aber wenn eine Gruppe von der Politik, den Medien und der Polizei im Stich gelassen wird, ist die Kirche ein Ansprechpartner. Außerdem muss ein Bischof am Wohlergehen der Schwachen interessiert sein. Ich habe gesehen, was die Menschen in Liverpool durchgemacht haben. Sie haben immer wieder gefragt, wie ihre Angehörigen gestorben sind, aber nie Antworten bekommen.

    ballesterer: Wann ist Ihnen die Bedeutung der Katastrophe bewusst geworden?

    James Jones: 1999 ist den Opfern zum zehnten Jahrestag mit einer Messe im Stadion in Anfield gedacht worden. Damals habe ich zum ersten Mal von den vielen offenen Fragen der Fans und ihren Zweifeln an der offiziellen Darstellung der Ereignisse gehört. Ich bin auch bei den Gedenkfeiern zum 15. und 20. Jahrestag dabei gewesen. Es sind mit den Jahren immer mehr Menschen gekommen, 2009 waren es 30.000. Ich kann mich an keine andere Gedenkveranstaltung erinnern, die so viele Menschen angezogen hat.

    ballesterer: Wie erklären Sie sich das?

    James Jones: Das sagt etwas über Liverpool und die Solidarität in dieser Stadt aus. Sie funktioniert ein bisschen wie ein Clan. Es gibt in Liverpool keine Familie, deren Leben nicht von der Hillsborough-Tragödie beeinflusst worden ist.

    ballesterer: Wie ist die Untersuchungskommission entstanden?

    James Jones: Andrew Burnham, der damalige Sportminister, hat beim 20. Jahrestag eine Rede in Anfield gehalten. Er hat Premierminister Gordon Brown erwähnt, der zuvor gesagt hatte, dass es keine weitere Untersuchung geben würde. Das war der Auslöser. Zuerst war da eine einzige Stimme in der Menge, die gerufen hat: "Justice for the 96!" Dann hat das ganze Stadion eingestimmt, die Menschen haben wie aus einer Kehle geschrien. Dieses Erlebnis hat Burnham erschüttert. Er ist zum Premierminister gegangen und hat ihm gesagt: "Wir müssen etwas tun." Wenn das nicht passiert wäre, wäre die Untersuchungskommission nie zustande gekommen. Das zeigt, welche Macht das Volk hat.

    ballesterer: Was waren Ihre Aufgaben?

    James Jones: Zum einen war es die Arbeit eines Pastors. Wenn sich einmal Wut aufgestaut hat – und das war eine verständliche Reaktion auf die Ereignisse –, muss man zuhören und geduldig sein. Das lernen wir in unserer Ausbildung. Der zweite Teil meiner Arbeit war es, sicherzustellen, dass alle Dokumente offengelegt und an die jeweiligen Kommissionsmitglieder übergeben werden. Wir haben das Gremium mit verschiedenen Berufsgruppen besetzt. Neben einem erfahrenen Polizeibeamten waren zum Beispiel auch ein Arzt und eine Expertin für Archivarbeit dabei.

    ballesterer: Sie haben dann den Abschlussbericht verfasst und der Öffentlichkeit vorgestellt.

    James Jones: Wir haben die Ergebnisse zuerst den Angehörigen der Opfer präsentiert. Ich werde dieses Gespräch in der Kathedrale von Liverpool nie vergessen. Der medizinische Experte in der Kommission hat festgestellt, dass die Versorgung mangelhaft war. Vermutlich hätten einige der 96 überlebt, wenn anders gehandelt worden wäre.

    ballesterer: Welche Bedeutung hat der Bericht über Liverpool hinaus?

    James Jones: Es ist dabei ja nicht nur um den Liverpool FC und die Stadt gegangen, sondern auch um die Kultur in staatlichen Organisationen – und darum, wie diese mit Individuen umgehen. Wenn es zu solchen Katastrophen kommt, darf es nicht um den Ruf der beteiligten Institutionen gehen. Denn der Umgang mit den Hinterbliebenen und Überlebenden muss immer die höchste Priorität haben. Sie müssen angehört werden. Wenn es Zweifel an der offiziellen Darstellung gibt, muss diesen nachgegangen werden. Erst im Juni dieses Jahres ist es in London zum Brand im Grenfell Tower gekommen, bei dem 80 Bewohner gestorben sind. Es gibt von offizieller Seite weiterhin kein großes Interesse daran, diesen Vorfall richtig aufzuklären. Ich hoffe, Hillsborough kann da als Vorbild dienen. (Daniel Fuchs, 12.12.2017)

    James Jones (69) ist ein anglikanischer Geistlicher. Von 1998 bis zu seiner Emeritierung 2013 war er Bischof von Liverpool. In dieser Rolle übernahm er den Vorsitz des im Jänner 2010 eingesetzten Independent Hillsborough Panel. Im Mai 2017 wurde Jones von der Königin für seinen Einsatz für die Angehörigen und die Gerechtigkeit zum Ritter geschlagen. Bis heute arbeitet er mit den Opferverbänden zusammen.

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