Die Heimat großer Söhne und der vielen Einzelfälle

Userkommentar14. Dezember 2017, 17:37
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Was man in der #MeToo-Debatte nicht übersehen sollte: Generalverdacht geht nur bei Nicht-Österreichern, der Österreicher hingegen ist immer oder immer wieder Individuum

Das hat damit nichts zu tun. Es hat nichts zu tun mit der Vertreibung und Vernichtung, mit dem in die Länge ziehen. Mit dem Opfer verhöhnen und Täter rehabilitieren. Mit dem mit der Vergangenheit abschließen, mit dem nichts mehr wissen wollen. Mit den Ururopas, den Uropas, den Opas, den Vätern, den Brüdern, den Kameraden und den Kollegen. Mit dem kollektiven Opfersein. Mit dem Antisemitismus, der lange vorher schon da war. Mit dem ganze Bezirke nach Kaiser benennen, die Juden vertrieben haben. Mit dem Feudalismus. Mit dem Standesdünkel. Mit dem Katholizismus. Mit dem Konkordat. Mit dem Rassismus. Mit dem Minderheiten unterjochen, entwürdigen, ausbeuten, ihrer Sprache rauben.

Das hat damit nichts zu tun. Es hat nichts zu tun mit den Männerbünden. Mit dem Kegelverein. Mit dem Alpenverein. Mit dem Schrebergartenverein. Mit dem Kunstverein. Mit dem Abwehrkämpferbund. Mit dem Kameradschaftsbund. Mit den Burschenschaften. Mit dem Cartellverband. Mit der Industriellenvereinigung. Mit dem Bauerbund. Mit der Gewerkschaft. Mit dem mächtigsten Männerbund, der Sozialpartnerschaft, die es jetzt zu verteidigen gilt. Jetzt, wo die einen Partner mit anderen Männern fremdgehen. Nicht sexuell versteht sich, denn schwul sind auch immer die anderen, ähnlich wie schuld.

Das hat damit nichts zu tun. Es hat nichts zu tun mit kaum Minderheiten in der Politik. Mit kaum Frauen in Führungspositionen. Mit kaum Bürgermeisterinnen, aber dafür mit vielen reaktionären Pfarrern. Mit der Bildungsfeindlichkeit, mit der Kunstfeindlichkeit, mit Vernichtung, Vertreibung, aber das hatten wir ja schon. Mit dem verlogenen Politiker und dem korrupten Beamten. Mit den Proletarier- und Bauerndarbietungen der wohlernährten Bonzen. Mit den Antifaschisten, die gleichzeitig Rassisten sein können. Mit den Faschisten, die sowieso immer Rassisten sind. Sexisten sowieso beide, aber das, liebe Genossen und Genossinnen, ist ein Nebenwiderspruch, um den wir uns später kümmern werden.

Das hat damit nichts zu tun. Es hat nichts zu tun mit dem alles vergessen und verdrängen, solange es einem selbst zugutekommt. Mit dem geht scho, passt scho, wird scho. Mit ja nicht zu viel Verantwortung, ja nicht zu viel Konsequenz. Mit dem korrumpiert sein der Funktionäre und überhaupt mit dem Funktionär sein. Mit dem Blockwart sein. Mit dem weghören, wenn die Nachbarin geschlagen wird, aber die Polizei rufen, wenn der Fernseher oder die Kinder zu laut ist. Mit dem Neid auf den Nachbarn, mit der Lust am hinterm Rücken reden, mit der Freude am runtermachen. Mit der Konformität und dem Hass auf alles, was nicht konform ist und auf jeden, der nicht konform sein will oder kann. Denn man darf alles sein, nur nicht was Anderes wie der Maß aller Dinge, wie der Bonze, der auf Hackler tut. Das alles hat schon seine Richtigkeit, wie es immer war. Wo kommen wir dahin?

Das hat damit nichts zu tun. Mit der Bequemlichkeit des Mitläufer seins, mit der Hetz am Mittäter sein. Mit der heimlichen Bewunderung für den Täter, der sich nimmt, was ihm zusteht. Mit der kleinbürgerlichen Elendigkeit des Charakters. Mit der Umkleidekabine, dem Dorffest, dem Bierzelt, dem Wirtshaus und dem Stammtisch. Mit dem einmal johlend Sexist, Rassist, Antisemit, Arschloch, Wildsau, Drecksau, überhaupt Sau sein dürfen. Einmal im Jahr, einmal im Monat, einmal in der Woche. Einmal ist keinmal bekanntlich.

Das alles hat mit nichts zu tun, am wenigsten mit Sexismus. Der ist doch Frauenthema, bei alldem geht es um Männer, denk doch mal logisch. Sowieso hat es nichts mit Österreich zu tun. Alle, die über das alles reden und überhaupt gerade über Sexismus und nicht über das Reden über Sexismus, schaden Österreich.

So ist Österreich eigentlich nur Opfer, wieder, immer wieder, der österreichische Mann ist sowieso das größte Opfer. Von Einzeltätern, die auch mit nichts zu tun haben. Sonst wären sie keine Einzeltäter, sondern Einzelteil von was Größerem. Man könnte sie gar "österreichische Männer" nennen, was man aber auf keinen Fall darf. Generalverdacht geht nur bei anderen Männern, der Österreicher hingegen ist immer oder immer wieder Individuum.

Nein, der Einzeltäter hat mit nichts zu tun und weil Österreich und seine Männer ja nicht nichts sind, sondern allerhand, eben nichts mit Österreich und seinen Mannen. Denn wir sind das Land der Berge und der Dome. Wir, die Heimat großer Söhne und vor allem der vielen Einzelfälle. (Can Gülcü, 14.12.2017)

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    So ist Österreich eigentlich nur Opfer, wieder, immer wieder, der österreichische Mann ist sowieso das größte Opfer.

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