Roy Moore, der Donald Trump von Alabama

Reportage12. Dezember 2017, 07:00
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Der erzkonservative Ex-Richter will sich zum Senator wählen lassen. Dass er Mädchen sexuell belästigt haben soll, erklären seine Anhänger zur Lüge

Es liegt alles so dicht beieinander an der Dexter Avenue in der Provinzhauptstadt Montgomery – so als hätte es ein Architekt für ein Freilichtmuseum so arrangiert. Der Bronzestern vor den Säulen des Kapitols erinnert an den alten, den uralten Süden. An dieser Stelle proklamierte Jefferson Davis, im Bürgerkrieg der Präsident der Südstaatenkonföderation, die Abspaltung von den Yankees des Nordens, um die Sklaverei über die Zeit zu retten. Ein Jahrhundert später rief hier Gouverneur George Wallace, die Trennung der Rassen möge bis in alle Ewigkeit gelten.

Geht man auf der Dexter Avenue ein Stück nach Westen, kommt man an die Haltestelle, an der die Näherin Rosa Parks in den Bus einstieg, in dem sie sich weigerte, von ihrem Sitz aufzustehen und Platz zu machen für einen Weißen. In einer Kirche in der Nähe rief der Prediger Martin Luther King daraufhin zum Busboykott auf, womit er die Bürgerrechtsbewegung für die Gleichstellung schwarzer Amerikaner in Schwung brachte.

Religiöser Fanatiker, schriller Außenseiter

Wer die Geschichte des Südens auf engstem Raum gebündelt sehen will, braucht nur einmal durchs Zentrum Montgomerys zu laufen. Rena Beasley kennt Alabama noch aus Zeiten, in denen Wallace in der Gouverneursvilla residierte. Und als Roy Moore, für den Rest Amerikas eine Reizfigur ähnlichen Kalibers, die ersten Sprossen der Karriereleiter erklomm, begann sie gerade ihr Pädagogikstudium. Beasley erinnert sich an einen religiösen Fanatiker, der selbst hier unten im Bibelgürtel als Außenseiter mit ausgeprägtem Hang zur schrillen Inszenierung gilt.

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Roy Moore: Jurist, Vietnamkriegsveteran, zwischenzeitlich Profikickboxer, schickt sich an, in den US-Senat einzuziehen.

2003 ließ Moore im Obersten Gerichtshof Alabamas einen tonnenschweren Granitblock aufstellen – darin eingemeißelt die Zehn Gebote der Bibel. Staat und Religion, lautete die Botschaft, dürften nicht getrennt sein, christlicher Glaube habe Vorrang vor säkularer Justiz. Was Moore predigte, verstieß gegen die Gründungsprinzipien der USA. Er musste seinen Posten räumen, worauf er den Granitkoloss, im Volksmund "Roy's Rock" getauft, auf einen Tieflader hieven ließ und damit zu Kirchen und Supermärkten fuhr, als ziehe er mit einem religiösen Wanderzirkus übers Land.

Später wurde er erneut zum Obersten Richter Alabamas gewählt, nur um ein zweites Mal auf Order des Supreme Court in Washington abgelöst zu werden: Diesmal hatte er ein Urteil der höchsten Instanz ignoriert, nach dem gleichgeschlechtliche Ehepartner nicht benachteiligt werden dürfen.

Und nun meldet sich dieser Provokateur zurück auf der Bühne: Roy Moore, Jurist, Vietnamkriegsveteran, zwischenzeitlich Profikickboxer, schickt sich an, in den US-Senat einzuziehen.

Kritiker und Verteidiger

Dass Rena Beasley an diesem kalten Dezemberabend mit klammen Fingern und einem handbemalten Poster vor einer Basketballarena in Pensacola steht, um gegen Moore zu protestieren, begründet sie mit ihrem Lokalpatriotismus. "Ich will mich nicht länger für Alabama schämen müssen", sagt die Englischlehrerin.

Jane Crittenden, auch sie unterrichtet an einer Highschool, spricht von der nachträglichen Rache des alten Südens an Barack Obama. Was das Land unter dem ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus an gesellschaftlichem Wandel erlebt habe, allem voran die rechtliche Gleichstellung der Homo-Ehe, wollten Moores Anhänger wieder kassieren. "Es ist ihnen egal, dass der Mann ein Mistkerl ist. Hauptsache, er ist IHR Mistkerl!" Moore, findet der Programmierer Mike Crumb, habe den Mut, es den Etablierten zu zeigen. "Und dafür hassen sie ihn."

Pensacola liegt zwar in Florida, aber bis nach Alabama ist es nur ein Katzensprung. So kommt es, dass sich der Wahlkampf auch an eine Straßenkreuzung vor dem Pensacola Bay Center verlagert. "No Moore Trump!" ist rechts wortspielerisch auf Plakaten zu lesen. "Make America Great Again!" halten sie zur Linken dagegen. Drinnen in der Halle ruft Donald Trump dazu auf, Moore zu unterstützen – schon deshalb, weil die Demokraten im Falle seiner Niederlage 49 statt 48 Senatssitze hätten und die republikanische Mehrheit nur noch hauchdünn wäre.

Neun Frauen berichten von Belästigung

Doch der 70-Jährige ist ins Gerede gekommen, weil er vor vier Jahrzehnten minderjährige Mädchen, die Jüngste 14, sexuell belästigt haben soll. Mittlerweile sind es neun Frauen, die davon erzählen. Eine von ihnen, damals 16, hat wie zum Beweis eine Widmung des damaligen Jungstaatsanwalts veröffentlicht. Als sich herausstellte, dass sie seine Zeilen nachträglich um ein Datum und den Namen des Restaurants ergänzt hatte, in dem sie kellnerte und er Stammgast war, nahmen es Moores Anhänger zum Anlass, um alles zur Lüge zu stempeln: Fake-News.

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Beverly Young Nelson präsentiert eine Widmung Moores in ihrem Jahrbuch aus dem Jahr 1977.

Dabei findet Rena Beasley, dass zu kurz kommt, wofür Moore sonst noch steht: Der evangelikale Hardliner will Muslimen das Recht verweigern, für ein Amt zu kandidieren. Seinen Rivalen, den Demokraten Doug Jones, nennt er abfällig "Abortion-Jones". Auf die Frage, wann Amerika zum letzten Mal im Sinne Trumps groß gewesen sei, blendete er neulich zurück auf die Mitte des 19. Jahrhunderts. "Die Familien waren zusammen, auch wenn wir die Sklaverei hatten. Unser Land hatte Orientierung."

An einem anderen Tag Anfang Dezember steht er in einer Scheune in Fairhope, Alabama, vor einem Sternenbanner, das fast so groß ist wie die Bühne. Eine Band spielt Lieder, die klingen wie düstere Warnungen: "Unser Land hat sich abgewandt von dem, was richtig ist". Man habe ihn einen Narren genannt, weil er an Gott glaube, poltert Moore am Rednerpult. "Wer das sagt, scheint Angst davor zu haben, dass ich die Werte Alabamas nach Washington bringe. Und wisst ihr was? Ich kann es gar nicht erwarten!"

Wahlhelfer Steve Bannon

Steve Bannon, bis August Chefstratege im Weißen Haus, ist gekommen, um dem Juristen den Rücken zu stärken. Die Elite wolle Richter Moore zerquetschen, wettert Bannon. "Und wisst ihr, warum? Sie wollen euch eurer Stimme berauben!" Roy Moore, des Volkes Stimme. Der mutige Rebell. Der Donald Trump Alabamas. So klingt es bei Bannon.

In Birmingham, einer früheren Stahlstadt, redet auch Doug Jones unter einem ziemlich großen Sternenbanner. "Ich bin mir verdammt sicher, dass ich meinen Teil getan habe, um sicherzustellen, dass ein Mann, der kleinen Mädchen wehtut, ins Gefängnis wandert und nicht in den Senat der Vereinigten Staaten", sagt der Demokrat. Einerseits ist der Satz auf seinen Gegner gemünzt – andererseits erinnert er an seine eigenen Verdienste. Als Staatsanwalt erhob er Anklage gegen zwei Geheimbündler des Ku-Klux-Klans, die ein Attentat mitgeplant hatten, das Birmingham in der Wahrnehmung vieler Amerikaner zu "Bombingham" werden ließ.

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Demokrat Doug Jones: Wenn Moore gewinnt, hat Alabama verloren.

Als an einem Septembertag des Jahres 1963 im Keller der 16th Street Baptist Church ein Sprengsatz explodierte, kamen vier schwarze Mädchen ums Leben. Jones spricht fast täglich davon. Falls er jetzt gewinne, hätte der alte Süden verloren. Zugleich wäre es eine kleine Revolution: Denn seit konservative Weiße als Reaktion auf die Bürgerrechtsproteste zu den Republikanern überliefen, stehen die Demokraten in Alabama auf verlorenem Posten. Seit 1990 hat der Staat keinen mehr in den US-Senat delegiert.

In Gedenken an Harper Lee

In Monroeville dreht sich alles um Wayne Flynt. Der alte Mann ist der renommierteste Historiker Alabamas, zu seinem Freundeskreis zählte Harper Lee, die es mit dem Roman "Wer die Nachtigall stört" zu Weltruhm brachte und bis zu ihrem Tod in Monroeville lebte. In einer Kolumne schrieb Flynt eine Woche vor der Wahl am Dienstag (Ortszeit) über schwarze und weiße Schüler, die eine Theatergruppe gründeten, um Harper Lees Meisterwerk auf die Bühne zu bringen: Dies sei das Alabama der Zukunft, während Moore für das Alabama der Lynchmorde und der Diskriminierung stehe, schrieb Flynt. Wenn Alabama nicht die Moral aufbringe, ihn am Wahltag in die Schranken zu weisen, sollten die Kirchen das Licht ausschalten und ihre Türen vernageln. Dann stünden sie für nichts Besseres als für religiöse Engstirnigkeit.

Roy Moore sei das Symbol der Vergangenheit, sagt Rena Beasley, überlegt eine Weile und spitzt den Satz noch etwas zu. "Es ist der letzte Aufschrei des weißen Mannes." (Frank Herrmann aus Montgomery, Alabama, und Pensacola, Florida, 12.12.2017)

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