"Salvator Mundi": Ein Christus für die arabische Modernisierungspolitik

    Analyse12. Dezember 2017, 12:00
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    Das mit 450,3 Millionen Dollar teuerste Gemälde der Welt wurde von einem saudischen Prinzen für den Louvre Abu Dhabi ersteigert. Dass dieser dem saudischen Kronprinzen nahesteht, nährt Gerüchte

    Wien – Den Wettlauf, wer den Käufer von Leonardo da Vincis Salvator Mundi herausfindet, gewann die New York Times: Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass es ein bis dato wenig bekannter saudischer Prinz war, der das Gemälde Mitte November um 450,3 Millionen Dollar bei Christie's New York ersteigerte. Mutmaßungen, dass Prinz Bader bin Abdullah bin Mohammed bin Farhan dabei als Mittelsmann für den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman fungiert haben könnte, widersprach kurz darauf die saudische Botschaft in Washington. Prinz Bader ist zwar tatsächlich nicht der richtige Käufer: Das ist jedoch der neue Louvre Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

    Obwohl Prinz Baders Rolle als Agent für Abu Dhabi durch ein Dokument untermauert wird, will das Rätselraten nicht aufhören. Denn die Emirate sind in den USA bestens aufgestellt – so wurde der emiratische Botschafter, Yousef al-Otaiba, von der Huffington Post sogar einmal als der "mächtigste Mann Washingtons" bezeichnet: Warum sollten die VAE einen saudischen Prinzen für einen Kunstkauf brauchen?

    Sechs Raten à 58 Millionen

    Prinz Bader bezeichnete sich selbst als "einen von 5.000 Prinzen" in Saudi-Arabien und musste Christie's vor der Versteigerung erst einmal glaubhaft machen, dass er als potenzieller Käufer überhaupt infrage kommt. Er gab an, sein Vermögen mit Immobilien erworben zu haben, hinterlegte 100 Millionen und kündigte an, im Falle der Ersteigerung den Kaufpreis auf einmal begleichen zu wollen. Dass es nun doch sechs Raten à 58.385.416 Dollar sein werden, gibt wiederum Anlass zu Spekulationen. Mit dem hohen Preis hatte der Käufer gerechnet, es waren 500 Millionen veranschlagt.

    Die Nähe von Prinz Bader zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman Al Saud, meist MbS abgekürzt, ist unbestreitbar: Seine wichtigste derzeitige Funktion, den Vorsitz über die Saudi Research and Marketing Group übernahm er 2015, als MbS' Aufstieg begann. Die SRMG, die als Medienunternehmen unter anderem Asharq Al-Awsat herausgibt, wurde zuvor immer von (Halb-) Brüdern MbS', Söhnen von König Salman, geleitet: ein Familienbetrieb im engeren Sinne. Bader, der aus dem Farhan-Zweig – einem von sechs der Saud-Familie – stammt, hat seine Finger auch in etlichen anderen Geschäften.

    Selektive Moderne

    Der Salvator Mundi wird also in den Louvre Abu Dhabi wandern: Das Museum ist ein Symbol für die kulturelle Öffnung der VAE als Teil ihrer Modernisierungspolitik – aber auch für die katastrophalen Arbeitsbedingungen von Arbeitsmigranten, die sich trotz geänderter Gesetzeslage nicht wesentlich verbessert haben. Wer hinter der komplizierten Konstruktion von Eigentümerschaft und Verwaltung des Gemäldes steht, bleibt indes undurchsichtig.

    Dass der 32-jährige Kronprinz Mohammed bin Salman damit beginnt, sein Auge auf europäische Kunst zu werfen, würde nicht weiter verwundern: schon alleine, weil das zuallererst die Domäne des Staates Katar war, den die Emirate und Saudi-Arabien diplomatisch und wirtschaftlich in die Knie zwingen wollen.

    Aus der Portokasse

    Warum es MbS – der auch schon einmal 500 Millionen spontan für eine Yacht hingeblättert hat – vielleicht peinlich wäre, wenn er als Käufer identifiziert wird? Dutzende saudische Prinzen und Geschäftsleute, denen die unrechtmäßige Anhäufung von Vermögen vorgeworfen wird, wurden Anfang November verhaftet und kommen nun nach und nach frei, wenn sie bis zu 70 Prozent ihres Vermögens herausrücken. Andere, MbS nahestehende, dürfen jedoch ihre Portokassen offenbar behalten.

    Und dann ist noch der Inhalt des Bildes: ein Christus, nicht nur als Prophet – als den ihn der Islam anerkennt, der jedoch nicht abgebildet werden dürfte -, sondern auch als "Retter der Welt". Da müsste der saudische Großmufti, der vor ein paar Jahren seinen Wunsch kundtat, alle Kirchen am Golf zu zerstören, schwer schlucken. Der Scheich ist Nachfahre jenes Mohammed Ibn Abdelwahhab, der einst mit der Familie Saud einen Pakt schmiedete und der dem "Wahhabismus" den Namen gab. (Gudrun Harrer, 12.12.2017)

    • "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci, von "einem von 5000 saudischen Prinzen" für den  Louvre Abu Dhabi gekauft. Aber dieser Prinz steht dem saudischen Kronprinzen besonders nahe.
      foto: reuers

      "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci, von "einem von 5000 saudischen Prinzen" für den Louvre Abu Dhabi gekauft. Aber dieser Prinz steht dem saudischen Kronprinzen besonders nahe.

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