20 Jahre Kioto-Protokoll: Getriebener Eisbär

Kommentar11. Dezember 2017, 07:42
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Die bitterere Wahrheit ist: Wenn sich etwas ändern soll, bedeutet das entweder Verzicht oder höhere Kosten

Haben Sie schon einmal ein zentralaustralisches Hasenkänguru gesehen? Oder einen mexikanischen Grizzlybären? Ersterer ist ein putziger kleiner Geselle, hasengroß und mit grauem Fell. Genauer, er ist es gewesen. Schließlich dürfte das Beuteltier zwischen 1940 und 1960 ausgestorben sein, in einem Zeitraum, als auch der mexikanische Bär durch Menschenhand von der Erdoberfläche verschwand. Derzeit ist es ein anderer Bär, der für Aufsehen sorgt: ein Eisbär. Das Tier, das sich verhungernd durch die eisfreie Einöde Nordkanadas schleppt, wurde vom Biologen und Umweltaktivisten Paul Nicklen dabei gefilmt. Der Streifen verbreitete sich im Internet und sorgte dort für betroffene Kommentare, welch furchtbare Folgen der Klimawandel auslöse.

Dumm nur, dass diese Kommentare halt oft ein bisschen scheinheilig sind. Denn der Klimawandel wird nicht von irgendwem verursacht, sondern von jedem Einzelnen. Man hat sich den Todeskampf des armen Bären auf Facebook angesehen? Laut eigenen Angaben hat das Unternehmen im vergangenen Jahr in den USA für seine Server und Büroräumlichkeiten so viel Strom verbraucht, dass man damit Wiens Haushalte ungefähr zwei Monate lang versorgen könnte. Die Elektrizität, die Nutzer für ihre Smartphones und Computer brauchen, um Facebook aufrufen zu können, ist in dieser Rechnung logischerweise noch nicht enthalten. Ein anderes Beispiel: Der Pkw-Bestand ist in Österreich zwischen 2004 und 2016 laut Statistik Austria um 17 Prozent gewachsen, womit die technischen Einsparungen im CO2-Ausstoß ziemlich obsolet wurden.

Die bittere Wahrheit daher: Österreich hat das im vor 20 Jahren verabschiedeten Kioto-Protokoll vereinbarte Ziel der Emissionsreduktion nicht nur verfehlt, sondern am Ende der Vertragsperiode sogar eine Steigerung zu verzeichnen gehabt. Die noch bitterere Wahrheit: Wenn sich was ändern soll, bedeutet das entweder Verzicht oder höhere Kosten – für Strom aus erneuerbaren Quellen, umweltverträglichere Heizsysteme oder bessere Dämmung beispielsweise.

Das ist aber der Grund, warum bei Politik und Wählerschaft der Klimaschutz, nun ja, nicht ganz oben auf der Liste steht. Denn dann müsste man möglicherweise selbst etwas ändern oder zahlen. Und da ist es viel bequemer, bei Gelegenheit auf Facebook betroffen den nächsten Eisbären durchs virtuelle Dorf zu treiben. (Michael Möseneder, 11.12.2017)

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