Charles Aznavour in Wien: Wenn die Zeit stillsteht

    10. Dezember 2017, 18:13
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    Der 93-jährige armenisch-französische Chansonnier trat in der Stadthalle auf

    Wien – In einer fernen Zeit, da unser Künstler auch schon kein Kind mehr war, hatte er eine Abschiedstournee angesetzt. Allerdings wollte diese kein Ende nehmen, worauf es Charles Aznavour – wohl angesichts seiner dauerguten Form – aufgab, Konzertreisen mit dem Begriff "Abschied" zu behelligen.

    Ein Problem wird der kleine Mann mit den roten Hosenträgern (die er gar nicht braucht) in seiner vitalen Grundausrichtung wohl nicht erkennen. Die Kunst des Chansonniers, der einst Mademoiselle Édith Piaf auffiel und von ihr – mit nachhaltiger Karrierewirkung – auf die Bühne gehievt wurde, ist zwar tendenziell melancholisch. Nostalgie – definiert als wehmütiges Sehnen nach einer schönen Zeit, die es so wahrscheinlich nie gegeben hat – schwingt also in sehr vielen seiner Lieder mit.

    Aznavour jedoch ist im Gegensatz zu der dunklen Färbung seiner Miniaturen eigentlich der Überbringer einer hoffnungsvollen Erkenntnis zum ewigen Thema "Jahresringe".

    Wer den schlanken Herrn in der Stadthalle bei seinem pausenfreien sprechgesanglichen Exkursen beobachtet, kann nur von einer Neudefinition dessen, was Alter genannt wird, berichten. Aznavour ist 93 plus etwa sieben Monate. 93 ist – dank Aznavour also – das neue 60, vielleicht noch ein paar Jahre weniger. Außer einem bei Textstellen hilfreichen Teleprompter, den er zwischendurch dann aber gerne verspottet, ist von Altersmilde – sich selbst gegenüber – nichts zu bemerken.

    Heiserer Charme

    Dass Aznavour etwa – samt der Melodie in Ave Maria – im recht wilden instrumentalen Arrangement untergeht, das kann passieren. Dass seine Stimme raue Fragilität ausstrahlt, ist klar. Es stand auf seiner Visitenkarte ja auch nie etwas von glockenhellem Schöngesang. Aznavour tönte immer, als würde er zum Frühstück Reißnägel verspeisen und diese mit einem Schluck Sand runterspülen. Sein Charme ist ohne das spezielle heisere Etwas unvorstellbar – und ebendieses ist noch in übervoller Pracht zu hören. Gibt die nette Band einmal kollektiv Ruhe und Aznavour besucht seinen Pianisten zwecks Plauschs, wird der Vortrag noch speziell, weil privater, intimer, ohne grelle vokale Gesten eben.

    Aznavour, als Kind einer armenischen Familie, die 1915 vor dem Osmanischen Reich nach Frankreich flüchtete, ist an diesem Abend auch eine Jukebox seiner Hits: Mes Amis, mes amours, mes emmerdes betört entspannt, die Ballade She, die Elvis Costello für den Film Notting Hill coverte, schnurrt gelassen ab; auch La Boheme schwebt sanft; zwischendurch wird ein Tänzchen riskiert, und For Me Formidable wird zum Fest des rollenden "r".

    Wie schön: Aznavour zog es vor, nur Französisch zu sprechen. Zugaben gab es leider nicht. Die hatte er tags zuvor schon gegeben, indem er sich den Goldenen Rathausmann überreichen ließ. (Ljubiša Tošić, 10.12.2017)

    • Gut in Form: Charles Aznavour.
      foto: apa

      Gut in Form: Charles Aznavour.

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