Wiener Philharmoniker: Zwischen Monarchie und Mädchenzimmer

    10. Dezember 2017, 18:11
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    Zum Warmwerden vor dem Neujahrswalzer leitete Riccardo Muti das Konzert mit Haydn und Bruckner im Musikverein

    Wien – Seinen beruflichen Lebensspätnachmittag will er ruhiger, familienfreundlicher angehen: Szenischen Opernproduktionen bei den Salzburger Festspielen will sich Riccardo Muti in Hinkunft nicht mehr hingeben. Und die Strapazen eines weltweit beäugten Neujahrskonzerts tut sich der 76-Jährige, so ließ er wissen, nun bald zum fünften und wahrscheinlich letzten Mal an. Zum Warmwerden für das Extremereignis leitete Muti nun aber das fünfte Abonnementkonzert.

    Man eröffnete mit Haydns g-Moll Symphonie Hob. I:39, das wahrscheinlich 1765 entstandene Werk wird von Historikern zu den "Sturm-und-Drang-Symphonien" gezählt. Wenn man Mutis Darstellung hörte, hätte man dies nicht geahnt. Der Italiener gewährte einen Blick zurück in die Zeit des Ancien Régime der Klassikinterpretation vor der Revolution des historisch informierten Musizierens. Puppenstubenmusik; selbst das Finale war kaum mehr als ein Sturm in der Puderdose. Die verstaubteste Performance der Philharmoniker seit Jahren.

    Sieben Novitäten (aus dem vorvorigen Jahrhundert) werden beim Neujahrskonzert 2018 zu hören sein. Beim Philharmonischen stand nach Haydn ein Werk auf dem Programm, das für Muti eine Beinahe-Novität darstellt: Bruckners Neunte.

    Lediglich mit dem Chicago Symphony Orchestra hat der ehemalige Langzeitchef der Mailänder Scala das Werk bereits aufgeführt. Und so ruhte sein Blick denn auch meist in der Partitur, und in Kombination mit seinem unaufgeregten, fast lakonischen Dirigierstil und etlichen irgendwie gelangweilt wirkenden Musikermienen kam der Eindruck einer Durchspielprobe auf.

    Voller Schönheit

    Nichtsdestotrotz gefielen im Kopfsatz des d-Moll-Werks die in zarten Pastelltönen gezeichneten lyrischen Stellen, etwa das zweite Thema in A-Dur; weitere Momente voller Klangschönheit, Eleganz und Transparenz berührten. Doch die Höhepunkte blieben leider harmlos. Dem Scherzo fehlte es an dämonischer Wucht, das Trio richtete man im blumigen Stil eines Mädchenzimmers ein.

    Was die Ersten Geigen zu Beginn des Adagios – unter dem festen Blick und dem kundigen Gehör von Konzertmeisterlegende Rainer Küchl in einer Parterreloge – bei der Präsentation des ersten Themas ("markig, breit") boten, war von ärmlicher Intensität. Auch wenn sich Interimskonzertmeister José Maria Blumenschein noch so sehr ins Zeug legte.

    Die größte Steigerung des Satzes beeindruckte aber: Es war, als würde sich ein sterbender Dinosaurier ein letztes Mal aufrichten. Den grenzkakofonischen Todesschrei an deren Ende überging der Dirigent fast. Die Bläser hatten bei dem tatsächlich, wie von Bruckner gefordert, "sehr langsam" gespielten Satz ihren langen Atem zu demonstrieren. Dann Begeisterung im Goldenen Saal. (Stefan Ender, 10.12.2017)

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