Ruben Östlund dominiert mit "The Square" den Europäischen Filmpreis

    10. Dezember 2017, 10:28
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    Mit Schreitherapie gegen die Gespenster: Der schwedische Filmemacher und Cannes-Sieger erwies sich als der Abräumer des Abends

    Berlin – Am Jahresende darf sich das Kino noch einmal selbst feiern. Wenn die Preise der wichtigen Filmfestivals verteilt worden sind, belohnt die Europäische Filmakademie die aus ihrer Sicht besten Produktionen der Saison. Dass sich überall dieselben Namen tummeln, liegt in der Natur der Sache: Nach wie vor ist der Erfolg des europäischen Autorenfilms ohne die Aufmerksamkeit des Festivalbetriebs undenkbar.

    Das Ergebnis, das der heurige Cannes-Gewinner The Square von Ruben Östlund in Berlin einfuhr, war dennoch überraschend: Neben der Königsdisziplin als bester Film ließ der schwedische Beitrag in weiteren fünf Kategorien – als beste Komödie, beste Regie, bestes Drehbuch, bestes Szenenbild und Claes Bang als bester Hauptdarsteller – die Konkurrenz hinter sich. Die Nominierung Josef Haders für seine bemerkenswerte Leistung als Stefan Zweig in Vor der Morgenröte war jedenfalls mehr als verdient. Und die Tränen, die Alexandra Borbély bei ihrer Dankesrede die Stimme versagen ließen, hatten einen anderen Grund. Die gebürtige Slowakin wurde für ihre Darstellung im ungarischen Liebesdrama Körper und Seele als beste Schauspielerin befunden.

    Die Beschwörung

    Nachdem vergangenes Jahr im polnischen Breslau Station gemacht wurde, war nun also, dem vorgeschriebenen Rhythmus folgend, wieder Berlin an der Reihe. Und bis auf wenige thematische Verschiebungen – weniger Brexit-Bashing, dafür #MeeToo-Solidaritätsbekundung – war der Geist der alte. Seit dreißig Jahren beschwört die European Film Academy (EFA) die europäische Idee und Identität im Kino. Seit 1996 predigt Wim Wenders als Vorsitzender jährlich die Bedeutung des Zusammenhalts. Wenders' wiederkehrender Weckruf vor dem nationalistischen Gespenst ("das alte Monster") war zum Jubiläum überdies eng mit der Erinnerung an die erste Ausgabe noch vor dem Eisernen Vorhang verbunden.

    Wer die Zeremonie – der deutsche Comedian Thomas Hermanns fungierte als Host – mit der Oscarverleihung vergleicht, wurde im Haus der Berliner Festspiele selbstverständlich enttäuscht. Denn die Agenda der European Film Awards ist eine andere: Sie ist in erster Linie kulturpolitische Plattform, im Gegensatz zu den Oscars ist aus der – übrigens namenlosen – europäischen Statuette auch kaum Kapital zu schlagen. Kein Wunder also, dass der Tonfall auch diesmal wiederholt zu moralischer Erhabenheit wechselte. Dass die für ihren europäischen Beitrag zum Weltkino geehrte Julie Delpy ihre Dankesrede verwendete, um mit einer Tombola ihren nächsten Film zu finanzieren ("Hauptgewinn ist ein Frühstück mit mir!"), verlieh dem Abend eine tragikomische Note.

    Es geht um Schuld

    Was diese Gala aber deutlich machte, war weniger die allseits gepriesene Diversität des europäischen Films, sondern waren vielmehr die gesellschaftspolitischen Fragen, mit denen konfrontiert, der Autorenfilm nach Auswegen sucht. Denn der rote Faden zwischen so hochkarätigen Arbeiten wie Östlunds Gesellschaftssatire The Square, Michael Hanekes beißendem Familienstück Happy End, Aki Kaurismäkis poetischem Flüchtlingsdrama The Other Side of Hope oder Yorgos Lanthimos' zynischem Psychodrama The Killing of a Sacred Deer wäre schnell gefunden: Es geht um Schuld. Europa sei nicht das Problem, sondern die Lösung, meinte Wenders in seiner pathetischen Rede, doch diese Lösung verlangt in den Filmen selbst nach einem Opfer.

    The Square mag auf den ersten Blick eine sarkastische Abrechnung mit dem Kunstbetrieb sein. Doch wie Haneke, Lanthimos und Kaurismäki erzählt Östlund, wenngleich publikumsfreundlicher, von einer gesellschaftlichen Sollbruchstelle. Die Kalamitäten, in die sich der Chefkurator eines Museums rund um eine Ausstellung verstrickt, sind an den Einbruch des Verdrängten geknüpft. Das Europa verändernde, sichtbare Elend beginnt in einem selbst. Die Schreitherapie, zu der Östlund zwecks Läuterung aufforderte ("Scream out your guts") dürfte allerdings nur kurzfristig wirksam sein. (Michael Pekler aus Berlin, 10.12.2017)

    Die Reise nach Berlin erfolgte auf Einladung der European Film Academy.

    Preisträger im Überblick:

    Bester Spielfilm: "The Square", Regie: Ruben Östlund (Schweden)

    Beste Regie: Ruben Östlund, "The Square"

    Bestes Drehbuch: Ruben Östlund, "The Square"

    Bester Schauspieler: Claes Bang ("The Square")

    Beste Schauspielerin: Alexandra Borbély ("Körper und Seele")

    Beste Komödie: "The Square" von Ruben Östlund

    Bester Dokumentarfilm: "Communion", Regie: Anna Zamecka(Polen)

    Bester Animationsfilm: "Loving Vincent", Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman (Polen, Großbritannien)

    Bester Debütfilm: "Lady Macbeth", Regie: William Oldroyd (Großbritannien)

    Bester Kurzfilm: "Timecode", Regie: Juanjo Gimenez (Spanien)

    Ehrenpreis – Europäischer Beitrag zum Weltkino: Julie Delpy

    Preis für das Lebenswerk: Alexander Sokurow

    Prix Eurimages – Preis für Cedomir Kolar

    Publikumspreis: "Vor der Morgenröte", Regie: Maria Schrader (Deutschland/Österreich)

    Bereits im Vorfeld vergebene Preise:

    Beste Kamera: Michail Krichman für "Loveless" (Russland)

    Bester Schnitt: Robin Campillo für "120 Battements par Minute" (Frankreich)

    Bestes Szenenbild: Josefin Asberg für "The Square"

    Bestes Kostümdesign: Katarzyna Lewinska für "Spoor" (Polen u.a.)

    Bestes Maskenbild: Leendert van Nimwegen für "Brimstone" (Niederlande)

    Beste Filmmusik: Evgueni und Sacha Galperine für "Loveless" (Russland)

    Bestes Sounddesign: Oriol Tarrago für "A Monster Calls" (Spanien)

    • Sieger Ruben Östlund forderte bei seiner Dankesrede am Samstagabend zu Expressivität auf.
      foto: afp / pool / tobias schwarz

      Sieger Ruben Östlund forderte bei seiner Dankesrede am Samstagabend zu Expressivität auf.

    • Glücklicher Gewinner: Schauspieler Claes Bang bei der Preisverleihung am Samstagabend.
      foto: afp photo / pool / tobias schwarz

      Glücklicher Gewinner: Schauspieler Claes Bang bei der Preisverleihung am Samstagabend.

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