Scharner: "Ich war ein Nestbeschmutzer"

    8. Dezember 2017, 17:52
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    Ex-Teamfußballer prangerte das aufgrund eines Erlebnisberichts aus Stams diskutierte "Pastern" vor Jahren an. Mit verhaltenem Echo. Der 37-Jährige sieht im Fußball weiter ein problematisches Umfeld

    In seiner 2015 erschienenen Autobiografie Position Querdenker: Wie viel Charakter verträgt eine Fußballkarriere? (Delius Klasing, 212 Seiten) beschreibt Paul Scharner seine eigenen Erfahrungen: "Ich war gegen zehn Mann chancenlos. Sie nahmen nicht einmal Rücksicht auf meine Brille. Ein randloses Modell, das im Kampf splitterte. Ich versuchte, mich zu wehren, aber es waren zu viele Hände. Sie banden mich an Füßen und Händen mit Tape fest. Auf dem Bauch liegend wurde ich in die Matratze gedrückt, sie saßen auf mir, und ich bekam kaum Luft. Wenn man sich wehrt, wird es schlimmer ... Es war sinnlos dagegenzuhalten. Vielleicht hätte ich mir vorher ein Pfefferspray besorgen sollen. Dieser Demütigung würde ich mich heute widersetzen. Sie schmierten mir reichlich schwarze Schuhcreme auf den entblößten Hintern und schlugen mit Badeschlapfen auf mich ein. Das Lachen meiner Kollegen war noch einmal eine Demütigung. Nach dem Pastern wurden mir auch noch die Haare abrasiert."

    STANDARD: Das "Pastern" ist ein aktuelles Thema in der Missbrauchsdebatte im Sport. Sie wurden 2001 als junger Profi der Wiener Austria selbst "gepastert" und haben 16 Jahre später in Ihrem Buch heftige Kritik geübt, die kaum wahrgenommen wurde. Gab es damals noch kein Problembewusstsein?

    Scharner: Nein, im Gegenteil. Ich wurde sogar als Nestbeschmutzer beschimpft, weil ich ein System kritisierte, in dem junge Persönlichkeiten gebrochen werden sollen. In meinem Umfeld wurde das verharmlost. Es hieß, das muss man aushalten. Manche meinten sogar, das ist eh superlustig.

    STANDARD: Wie blicken Sie auf das Erlebte zurück?

    Scharner: Es hat mich brutal geprägt. Soll ich mich körperlich foltern lassen? Und warum muss man einen jungen Menschen unterwerfen? Wir sind ja nicht in der Tierwelt, können miteinander sprechen. Ich wäre am nächsten Tag Amok gelaufen, wenn mich mein Karrierebetreuer nicht dazu angehalten hätte, ruhig zu bleiben. Er hat mir abgeraten, den Vorfall öffentlich zu machen, damit ich mir meine Karriere nicht verbaue. Ich habe mich als Reaktion darauf in meinen Kokon zurückgezogen, weder nach links noch nach rechts geschaut und Karriere gemacht. Menschliche Beziehungen konnte ich im Fußballumfeld nur mehr schwer aufbauen. Diese Erfahrungen will ich aber in meine jetzige Berufung einfließen lassen und junge Sportler bei der Entwicklung vertrauensvoll unterstützen.

    STANDARD: Haben Sie verdrängt?

    Scharner: Auf jeden Fall. Ich habe den Abend abgehakt und daraufhin eine gesunde und ungesunde Aggressivität gegen das System entwickelt. Ich hätte mit den Leuten, die mich damals quasi gefoltert haben, nachher noch auf ein paar Bier gehen sollen, um das bestandene Aufnahmeritual zu feiern. Gefordert vom damaligen Trainer. Das war der absolute Wahnsinn, ich habe das natürlich verweigert. Als ich später in Deutschland spielte, meine Buchpräsentation machte, haben sie mich dort gefragt, was wir für Barbaren in Österreich sind.

    STANDARD: Aus der GAK-Akademie meldete sich im Jahr 2002 ein 15-Jähriger, dem eine Klobürste anal eingeführt worden war. Sind diese Zeiten vorbei?

    Scharner: Nach dem Fall des GAK-Nachwuchsspielers hat der Fußballbund reagieren müssen. Daher ist im österreichischen Fußball mehr Bewusstsein für die Problematik entstanden. Ich glaube, dass das Exerzieren der Riten sicher weniger geworden, aber leider noch nicht verschwunden ist. Daher bleibt der Fußball ein problematisches Umfeld, weil es ein Teamsport ist. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen Kollegen zu malträtieren, nur weil es mir selbst passiert ist und ich eine bessere Position einnehmen möchte. Da geht es leider hauptsächlich um die Hierarchie in der Mannschaft. Jüngeren Spieler wird gezeigt, wo sie in der Hierarchie zu stehen haben. Das ist körperliche Unterdrückung. Dabei sollte doch nur die Leistung auf dem Feld zählen und der gemeinsame Erfolg.

    STANDARD: Wie beurteilen Sie die nun laufende Debatte?

    Scharner: Ich habe das Gefühl, das Thema wird noch immer kleingeredet. In Österreich herrscht eine eigenartige Mentalität vor. Es ist eine Kultur der Verharmlosung wie beim Alkohol. Drei Bier am Tag, das ist eh nicht schlimm. Oder die aktuelle Debatte um das Rauchverbot. "Pastern" bedeutet menschliche Erniedrigung, mit gravierenden Folgen. Bei mir ist der Vorfall insofern glimpflich ausgegangen, weil ich keine Tube anal eingeführt bekommen habe. Dafür haben sie mir die Haare an manchen Stellen komplett abrasiert. Das Schlimmste war das Duschen nachher. Ich musste mir Schuhcreme abwaschen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als eine Stoppelglatze zu schneiden.

    STANDARD: Wieso wird erst jetzt offener darüber gesprochen?

    Scharner: Der Druck auf die Systeme ist mit der MeToo-Debatte offensichtlich zu groß geworden. Im Fußball haben die Trainer und Betreuer vom "Pastern" gewusst, es gab aber keine Konsequenzen. Ich habe damals niemandem von meinem Fall erzählt. Nicola Werdenigg hat noch viel länger geschwiegen. Hoffentlich ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Die Frage ist nur: Was prangern wir an? Nur einzelne Personen? Dann ändert sich nichts. Das System dahinter muss sich wandeln und von oben verordnet werden. (Florian Vetter, 9.12.2017)

    Paul Scharner (37) aus Scheibbs in Niederösterreich bestritt 40 Spiele für Österreich. Der Defensivmann spielte u. a. für Austria Wien (Meisterschaft und Cupsieg 2003), Bergen und für Wigan Athletic (FA-Cup-Sieger 2013).

    • Paul Scharner will nicht Einzelne am Pranger sehen.
      foto: apa/hans klaus techt

      Paul Scharner will nicht Einzelne am Pranger sehen.

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