"Unsere Frau in Pjöngjang": Die Kunst der Unterwanderung

    11. Dezember 2017, 10:40
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    Jean Echenoz nützt eine schräge Agentengeschichte für einen wunderbaren Roman, der leider nicht kongenial übersetzt ist

    Stubenfliegen mit Mikros zur Überwachung. Einem Innenminister wäre die Idee zuzutrauen, wenn sie nicht so originell wäre. Jean Echenoz, einer der einfallsreichsten und bedeutendsten Autoren Frankreichs, setzte sie 1989 im Roman Lac (See) in Szene und brachte einen seiner großartigen Effekte letal im Kleinen an: Von der ganzen Tierart sei im Lande seit 1631 die Zeitung gefürchtet. Kurze Auftritte haben Fliegen und anderes Luftgesumms immer wieder in der Sprachkunst dieses Genrejongleurs.

    Es gibt die schmalen Echenoz, meist um eine historische Figur wie Emil Zátopek 2008 in Courir (Laufen), und die umfangreichen, die von Paris aus an die entlegensten Orte führen: ins Eismeer, auf eine von der Datumsgrenze geteilte Insel, ins Weltall. Im neuen Buch ist es nun das Département Creuse und Nordkorea. Unsere Frau in Pjöngjang lautet der deutsche Titel; das Original Envoyée spéciale benennt dieses amüsante Werk besser.

    Man muss an dieser Stelle einmal den Verlagstext loben: Es handelt sich tatsächlich um die Unterwanderung des Agentenromans. "Ich will eine Frau, verkündete der General." So beginnt eine Geheimdienstaktion, die derart absurd wirkt, dass man sie nicht für unwahrscheinlich hält. Die fesche Constance wird mit einer Bohrmaschine bedroht, entführt und auf merkwürdige Weise gefangen gehalten. Sie ist die einzige Konstante in dem Wechselspiel, in dem keine Figur bleibt, was sie zu sein scheint.

    Inkompetenzen

    Ihr Ehemann, ein einfallsloser Schlagerschreiber mit einem einzigen Welthit, will nichts mit der Polizei zu tun haben. Er erlebt später eine Bohrmaschine auf völlig andere Art, ja in anderen Tönen. Nicht ohne Kommentar des Erzählers, der bei Echenoz immer für die Konstruktion der Dekonstruktion sorgt: "Ich weiß, das sind viele Bohrer innerhalb kurzer Zeit in dieser Geschichte."

    Seltsame Entführer haben laut Befehl Constance "duktil" zu machen. So soll sie – wie der letzte Satz des Mittelteils in die Pariser Szene platzt – in Pjöngjang agieren. "C’est très simple", sagt der General, "vous allez déstabiliser la Corée du Nord." Der Übersetzer gibt den Witz des Satzes nicht wider, der bedeutet: Ganz einfach, Sie werden Nordkorea destabilisieren." Ganz einfach ... Während die junge Frau durchaus Format zeigt, erweisen sich die Profis als weniger kompetent, und die Aktion schlägt Kapriolen bis in die Nebenhandlungen, die Linie 2 der Métro oder einen Banküberfall vor langer Zeit.

    Die literarische Hauptfigur bilden die Erzählweise und die Sprache, die ebenso viele Fallen und Springteufelchen hervorbringt wie die packende Handlung. Das prägnante, mit Überraschungen gespickte Französisch passt zur Spannung des Erzählbogens, in dem Sätze plötzlich in ungeahnte Sphären abzuheben vermögen.

    Spiel mit Sprachbildern

    So sitzt Constances Gatte auf einer Restaurantterrasse, hebt den Blick, sieht eine Boeing. Und der Erzähler führt den Satz mit einer Erklärung über Kondensstreifen bis zum – im übertragenen Sinn – bezeichnenden letzten Wort "décomposer": auflösen.

    Der eigenartige Reiz des Echenoz-Stils beruht zudem auf dem Spiel mit Sprachbildern und
    -niveaus wie in "une congrégation de mouches" (schwächer: "eine Versammlung Fliegen"); in einer Präzision, die an die Neue Sachlichkeit erinnert, aber auch dies mittels Übererfüllung unterwandert: "Früher oder später musste in unserer Geschichte" (das Französische "affaire" ist vielschich tiger) "eine Feuerwaffe auftauchen. Dieser Gegenstand trägt die Bezeichnung Astra Cub .25 ACP" und so weiter bis zur Information, die Taschenpistole sei um 200 Euro erhältlich.

    Das Problem ist allerdings: Um diesem Stil gerecht zu werden, müsste die Übersetzung genial sein. Weit gefehlt. Gerade die interessantesten Effekte bleiben auf der Strecke. Und so wird Jean Echenoz vermutlich im Deutschen weiterhin kaum in seiner literarischen Dimension geschätzt werden.

    Lesevergnügen

    Trotzdem bietet die deutsche Version kein geringes Lesevergnügen. Alle Figuren sind Charaktere mit eigenartigen Hintergründen, inneren und äußeren Gewohnheiten und Aspekten. Sie stehen in einem dichten, dennoch leichten Netz von Zusammenhängen, die peu à peu sichtbar werden.

    Erst langsam versteht man, wer als Auftraggeber der Entführung fungiert. Der Erzähler, der zunächst allwissend auftritt, betreibt mitunter ein Versteckspiel, schweift ab, bewegt sich selbst in eine Wohnung: "Am nächsten Nachmittag hatten wir gerade nichts Besseres zu tun und kamen sowieso in dem Viertel vorbei, also schlichen wir uns unbemerkt bei Lessertisseur ein." Und er kommentiert das Genre: So viel Aktion! Dazu ein in diesem Kontext passender Einschub: "Que d’action, bon sang, que d’action" (auch das falsch übersetzt).

    Und diesmal erleidet der Brummer sein Schicksal im Geschirrspüler, präzis: im "Öko-Programm, das das Leben der Fliege umweltfreundlich beendet". (Klaus Zeyringer, Album, 11.12.2017)

    Jean Echenoz, "Unsere Frau in Pjöngjang". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. € 27,50 / 272 Seiten. Hanser, Berlin 2017

    • Wechselspiel, in dem keine der Figuren bleibt, was sie zu sein scheint: Jean Echenoz.
      foto: roland allard

      Wechselspiel, in dem keine der Figuren bleibt, was sie zu sein scheint: Jean Echenoz.

    • Jean Echenoz, "Unsere Frau in Pjöngjang". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. € 27,50 / 272 Seiten. Hanser, Berlin 2017
      foto: hanser berlin

      Jean Echenoz, "Unsere Frau in Pjöngjang". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. € 27,50 / 272 Seiten. Hanser, Berlin 2017

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