Psychiater: "Hoher THC-Wert in Marihuana steigert völlige Antriebslosigkeit"

    Interview11. Dezember 2017, 07:23
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    Cannabis ist im Vergleich zu früher viel stärker geworden. Das fördert Psychosen, sagt Kurosch Yazdi

    STANDARD: Sie haben pro Jahr 4.000 Kontakte mit Suchtkranken. Mit wem haben Sie es zu tun?

    Yazdi: Bis vor vier, fünf Jahren ausschließlich mit Kokain-, Crystal- oder Heroinkonsumenten. Seither jedoch stellen wir einen massiven Anstieg an Kontakten mit Cannabiskonsumenten fest, die zu uns kommen und sagen: "Ich kann nicht mehr einschlafen, ohne zu rauchen." Oder noch problematischer: "Ich habe Angst." Wir hatten so viele Anfragen, dass wir vor einem Jahr eine eigene Gruppentherapie nur für Cannabiskonsumenten eingerichtet haben. Es gibt einen auffälligen Anstieg richtiger Psychosen wie Schizophrenie.

    STANDARD: Warum der Anstieg?

    Yazdi: Die Jugendlichen hören, dass Cannabis nicht nur harmlos wäre, sondern sogar gesund. Das ist fahrlässig, denn alle diese Einzelberichte, wonach jemand damit seine Krebserkrankung geheilt hätte, sind natürlich irreführend. Es gibt keinen einzigen Fall, wo Cannabis eine Krankheit geheilt hätte! Würde es rein um die medizinische Wirkung gehen, no problem! Der enthaltene Stoff Cannabinoid (CBD) wirkt sogar antipsychotisch und ist in Österreich ein Nahrungsergänzungsmittel. Und den gefährlichen, psychotisch wirkenden Stoff THC gibt es in Form von verschreibungspflichtigen Medikamenten, die man auch entsprechend dosieren kann.

    STANDARD: Was kann Cannabis aus medizinischer Sicht?

    Yazdi: Heroin wurde ursprünglich als Hustenmedikament verkauft und wirkte sensationell. Aber verschreibe ich Ihnen deswegen Heroin gegen Husten? Nein! Und wenn ich einem Krebskranken Kokain gebe, wird er wohl sagen: Oh, jetzt geht es mir gut! Aber nur für drei Stunden. Da werden momentane Glücksgefühle verwechselt mit Heilung. Auch Cannabis kann Symptome nur lindern, und auch nur dann, wenn die Pflanze einen hohen CBD-Wert aufweist. Der verschwindet aber immer mehr.

    STANDARD: Warum die hohen THC-Werte?

    Yazdi: Es gibt auch Cannabis mit 0,1 Prozent THC-Anteil, aber das berauscht natürlich nicht, also kauft es auch niemand. In amerikanischen Colleges rauchen mittlerweile nur noch fünf Prozent Tabak, dagegen steigt der Konsum von Cannabis massiv an. Der "ungesunde" Tabak wird verdammt, das "gesunde" Cannabis wird propagiert, das ist absurd. Cannabis ist für die Lungen sogar noch schädlicher als Tabak, weil es bei höherer Temperatur verbrannt wird und man meistens kein Filter verwendet wird, um den "Genuss" nicht zu schmälern.

    STANDARD: Wie hoch liegt das Einstiegsalter der Konsumenten, die zu Ihnen kommen?

    Yazdi: Klassisch bei 16 Jahren, selten niedriger. Wobei sie zu uns erst als junge Erwachsene kommen und bereits eine Karriere als Konsument hinter sich haben. Es gibt immer zwei Gruppen: Die einen erleben beim ersten Mal einen Horrortrip, Angstzustände, Wahnvorstellungen. Das ist die Gruppe, die eher nicht weiterraucht. Gefährdet sind eher die, die nach dem Konsum sagen: Mah, mir hat das voll getaugt.

    STANDARD: Wer konsumiert, wer sucht Hilfe?

    Yazdi: Es sind nicht die klassischen Junkies oder dem Drogenmilieu Zugeordneten, die Hilfe suchen, sondern eher Schüler und Studenten, die sich nichts mehr merken, denen der Antrieb fehlt. Der hohe THC-Wert im Marihuana wirkt sich negativ auf das Erinnerungsvermögen aus, steigert hingegen die völlige Antriebslosigkeit. Häufig wird Cannabis auch in Verbindung mit anderen Süchten konsumiert, viele Spielsüchtige kiffen.

    STANDARD: Welche Rollen spielen die Eltern?

    Yazdi: Wer selbst konsumiert hat, sollte seine Erfahrungen keinesfalls verharmlosen. Das Cannabis, das Jugendliche heute rauchen, hat mit dem von vor 30 Jahren nichts zu tun, das ist wie ein 40-PS-Auto gegen ein 200-PS-Auto.

    STANDARD: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den Anstieg des Cannabiskonsums?

    Yazdi: Wie bei allen Drogen gilt: Ist sie in hohen Mengen verfügbar, wird sie auch konsumiert. Gilt die Droge als gefährlich, wird sie weniger konsumiert. Ich bin kein Politiker, und ich will Cannabis auch nicht verteufeln, aber man muss sich entscheiden: Entweder legalisiert man es, oder man verbietet es. In Österreich werden allein pro Jahr zwei Millionen Setzlinge als Zierpflanzen verkauft. Wer will denn glauben, dass das Zierpflanzen sein sollen, so schön sind sie auch nicht.

    STANDARD: Cannabis als Geschäft?

    Yazdi: In Amerika ist der Cannabismarkt der einzige, der höhere Wachstumsraten aufweist als die Pornoindustrie. Dieses Cannabis hat aber nichts mehr zu tun mit dem verklärten Kraut, das irgendwo in den Bergen Kaliforniens wächst. Die Pflanzen werden in speziellen Nährlösungen gezüchtet, der THC-Wert erreicht bis zu 42 Prozent.

    STANDARD: Wie würde eine Welt aussehen, in der wir das alle konsumieren?

    Yazdi: Auf jeden Fall würden wir einerseits vielen Menschen mit psychotischen Symptomen oder tatsächlichen Psychosen begegnen, andererseits würde aber auch die Zahl der antriebslosen Menschen drastisch steigen. (Manfred Rebhandl, 11.12.2017)

    Kurosch Yazdi (41) ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. Er leitet als Primararzt die Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Johannes-Kepler-Universitätsklinikum in Linz. Anfang 2017 erschien im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf sein Buch "Die Cannabis-Lüge".

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    • "Es sind nicht die klassischen Junkies oder dem Drogenmilieu Zugeordneten, die Hilfe suchen, sondern eher Schüler und Studenten, die sich nichts mehr merken, denen der Antrieb fehlt", sagt der Psychiater Kurosch Yazdi.
      foto: apa

      "Es sind nicht die klassischen Junkies oder dem Drogenmilieu Zugeordneten, die Hilfe suchen, sondern eher Schüler und Studenten, die sich nichts mehr merken, denen der Antrieb fehlt", sagt der Psychiater Kurosch Yazdi.

    • Wie die Eltern, so die Kinder: Suchtmuster werden gelernt.
      foto: lukas friesenbichler

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