"Staatsbürger dürfen sich nicht alles gefallen lassen"

Interview9. Dezember 2017, 12:00
71 Postings

Berta und Karl Mayr bauten die Krämerei Fussl zur Textilkette aus. Wie sie Schuldenberge bezwangen und für Werbung fast das Gefängnis riskierten

Gut 20 Jahre ist es her, dass Karl und Berta Mayr die Textilkette Fussl an ihre zwei ältesten Söhne übergaben. Bis heute aber sind sie im Geschäft zuhause. Der Amtsschimmel war über Jahrzehnte ihr Lieblingsgegner, es blieb ein Kampf gegen Windmühlen. Von großen Konkurrenten lange unterschätzt, spannen sie ein Netz an Filialen quer durch Österreich. Nur mit Wien wurden sie nie so recht warm. Pioniere im Verkauf und in der Werbung, gaben sie Marketingexperten Rätsel auf. Doch von Beratern hielten sie ohnehin nicht viel. Fleißig sein, das könne man eben nicht lernen, sagt der Senior.


STANDARD: Zieht es Sie manchmal noch vom beschaulichen Innviertel zu den tosenden Niagarafällen?

Berta Mayr: Wir haben sie mehrmals besucht. Wir sind ja Amerika-Fans und haben dort oft geurlaubt.

STANDARD: Sie lernten sich bei den Wasserfällen kennen und sind seit mittlerweile 50 Jahren verheiratet.

Karl Mayr: Das war reiner Zufall...

Berta Mayr: ...1967 auf einer Reise der Handelskammer zur Weltausstellung nach Montreal.

STANDARD: Ist Ihnen angesichts des jungen Kaufmanns, der gern riskante Entscheidungen traf und auf einem Berg Schulden saß, nicht ein bisserl bange geworden?

Berta Mayr: Nein, ich war so verliebt! Wie ich gehört habe, er hat eine Million Schilling Schulden, hab ich mir gedacht: Des pack ma. Des pack ma. Des pack ma.

STANDARD: Ihr Vater soll jedoch ob des künftigen Schwiegersohns untröstlich gewesen sein.

Berta Mayr: Das stimmt. Ich war ja schon zehn Jahre im Geschäft und hätte unsere Greißlerei in Niederösterreich übernehmen sollen. Es gab außerdem einen gut situierten Weinhauer, einen Freund der Familie. Aber er war mehr Freund...

Karl Mayr: ... als Geliebter, und sie hat den Unterschied zwischen ei nem Weinviertler und einem Innviertler kennengelernt.

Berta Mayr: Unser erster Sohn kam kurz vor der Hochzeit. Mein Vater hat geweint, was ich für Schande über die Familie bringe, und der Pfarrer in Königsbrunn hat mir gesagt: Berti, wennst schwanger bist, kann ich dich nicht trauen.

STANDARD: Ihre Mitgift hat Fussl finanziell Luft verschafft?

Berta Mayr: Das war uns eine große Hilfe. Wir haben damit Schulden abbezahlt – aber immer wieder neue und noch mehr gemacht.

STANDARD: Sie haben gemeinsam eine der größten österreichischen Textilketten aufgebaut – als gleichberechtigte Eigentümer. Herr Mayr, was wäre Fussl ohne Ihre Frau?

Karl Mayr: Es wäre nur halb so viel wert.

STANDARD: Alle Ehrungen und Titel erhielt ihr Mann. Stellen Frauen ihr Licht zu sehr unter den Scheffel?

Berta Mayr: (lacht) Es wird halt nur der Karl Kommerzialrat und ich nicht. Das ist immer so. Aber das war für mich nie ein Problem. Die jetzige Generation ist da anders.

STANDARD: Herr Mayr, Sie sind mit 18 Jahren ins Geschäft eingestiegen. Konkurrenten haben den kleinen Landkramer lang nicht ernstgenommen. Hat Sie das gekränkt?

Karl Mayr: Nein, aber vielleicht hat es mich angespornt. In jedem Dorf gab es damals einen Krämer mit ein wenig Mode. Zehn waren es allein rund um Ort im Innkreis.

STANDARD: Übrig blieben nur Sie.

Karl Mayr: Eine feine Sache.

Berta Mayr: Wir haben Glück, dass unsere Kinder Fussl übernahmen. Und dass sie gesund waren. Anders hätten wir uns dem Geschäft nie so widmen können.

foto: apa
Der Textilhandel steckt seit Jahren in der Krise: Zu viel Verkaufsfläche, zu viele Ware am Markt, zu viele Onlinehändler, die Kunden abziehen. Nun knöpft sich auch Amazon das Geschäft vor.

STANDARD: Fussl ist mittlerweile in ganz Österreich vertreten – nur nicht in Wien. Liegt es daran, dass Sie sich mit den Wienern nie so recht anfreunden konnten?

Karl Mayr: Es gibt ja nette und lustige Leute in Wien, aber viele sind halt mit großen Vorurteilen behaftet.

Berta Mayr: Du hast ja schon vor 15 Jahren gesagt, nach Amstetten beginnt der Balkan. Ich war praktisch auch schon aus dem Balkan.

Karl Mayr: Am Stadtrand von Wien haben wir schon ein paar Filialen. Aber den Ehrgeiz, hier vertreten sein zu müssen, hatten wir nie.

Berta Mayr: Die teuren Mieten für die großen Einkaufsstraßen – das verdienen wir nicht. Ein Geschäft muss auch Gewinn bringen.

STANDARD: Sie brachen mit Konventionen und Regeln, waren etwa Pioniere bei der Selbstbedienung, was manche argwöhnen ließ, Sie beide drückten sich vor der Arbeit.

Karl Mayr: (lacht) Ja, so war das.

Berta Mayr: Als wir in Amerika waren, haben sie uns erklärt, dass alles, was wir dort sehen, die großen Warenhäuser etwa, in zehn Jahren nach Europa kommt. Zwei Jahre später gab es bereits eines in Linz.

STANDARD: Für Wirbel im Dorf sorgte einst auch der Verkauf von Bier, Semmeln und Fleisch bei Fussl.

Karl Mayr: Metzger, Bäcker, Gemischtwarenhändler: Damals waren schon noch viel Strukturen da. Aber sie hatten keine Zukunft.

STANDARD: Sie kämpften vehement für den verkaufsoffenen 8. Dezember und landeten für Ihre Werbung fast im Gefängnis. Wie kam das?

Karl Mayr: Wir haben am eigenen Grund und Boden einen Anhänger mit einer großen Werbetafel entlang der Bundesstraße aufgestellt.

Berta Mayr: Wir mussten ihn um 100 Meter nach hinten versetzen, wogegen sich mein Mann wehrte.

Karl Mayr: Das ist halt die Bürokratie. Die Büroheinis an der Bezirkshauptmannschaft waren alles nette Burschen, ich bin ja mit einigen in die Schule gegangen, aber wenn du in einem kleinen Dorf ein Geschäft ordentlich führen wolltest, da gehörte schon mehr dazu.

STANDARD: Der Amtsschimmel war über viele Jahrzehnte ihr Lieblingsgegner. Ist dieser Kampf zu gewinnen?

Karl Mayr: Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Aber Staatsbürger dürfen sich eben nicht alles gefallen lassen. Das betrifft nicht nur die Selbstständigen.

Berta Mayr: Beim 8. Dezember habe ich dem Bischof geschrieben. Ich bin ja religiös und an jedem 8. Dezember um sieben Uhr in die Kirche gegangen. Aber um zehn haben wir das Geschäft aufgesperrt. Neun Kilometer weiter in Bayern hatten ja alle Händler offen. Später erhielt unser Ort eine Sondergenehmigung, darüber regten sich wieder alle anderen auf.

STANDARD: Reizt es Sie, heute auch an Sonntagen offenzuhalten?

Karl Mayr: Nein. Einen Tag in der Woche sollten alle zusperren. Die Angestellten sollen wissen, woran sie sind. Das ist gerechtfertigt.

Berta Mayr: Es ist im Handel wegen der langen Öffnungszeiten schon jetzt sehr schwierig, gute Verkäuferinnen zu bekommen.

STANDARD: Fussl benötigte einst 13 Gewerbescheine, bis hin zu jenem des Bestatters, und wurde von nahezu 20 Ämtern kontrolliert.

Karl Mayr: Wir haben ziemlich alles gemacht, auch Totenbilder und Kranzschleifen, da stand dann unten "Kaufhaus Fussl" drauf. Die Bestatterei hätte mich vor 50 Jahren interessiert, es war ja ein gutes Geschäft. Dann erfuhr ich, dass ich Tote in den Sarg legen muss und ließ es sein.

STANDARD: Ist die Bürokratie über die Jahrzehnte weniger geworden?

Karl Mayr: So arg wie früher ist es nicht mehr, es wurde besser.

foto: apa
Fussl benötigte eins 13 Gewerbescheine, bis hin zu jenem des Bestatters.

STANDARD: Lebensmittel, Rasenmäher, Möbel, Sportgeräte, Kinderwägen – all das ist bei Fussl Geschichte. Warum entschieden Sie sich für Textilien?

Berta Mayr: Mein Mann hat kurz überlegt, zur Spar zu gehen, wollte aber dann selbstständig bleiben. 1975 gaben wir Lebensmittel auf.

Karl Mayr: In jeder Branche wurden die Guten immer besser. Auch Möbel brauchst heute nicht mehr angreifen. Wir wollten zudem zu unseren Textillieferanten stehen. Es ist ja nicht so, dass man nur das eigene Geschäft im Kopf hat.

STANDARD: Die Textilbranche steckt nun in einer schweren Krise. Es gibt enormes Überangebot an Ware und Fläche, die Preise rasseln nach unten, eben hat Amazon angekündigt, groß ins Modegeschäft einzusteigen. Was macht Sie so sicher, dass Fussl nicht den Faden verliert?

Karl Mayr: Es wird stets auch kleine Unternehmer geben, es kann und wird sich nicht alles auf wenige Riesen konzentrieren. Das ist keine Vermutung, sondern eine Tatsache.

STANDARD: Aber mit 160 Filialen ist von klein keine Rede mehr. Derzeit expandiert Fussl in Bayern, während viele Mitbewerber mit Verlusten kämpfen und konsolidieren.

Berta Mayr: Wir kämpfen jetzt ge gen Große. Aber wir haben gewisse Alleinstellung. Die Schwiegertochter macht unsere Damenkollektion. Wir haben Eigenlabels bei Herren und Kindern. Wir sind nicht teuer, wir sind aber auch nicht die Allerbilligsten. Unsere Stammkunden sind die 20- bis 70-Jährigen. Für sie haben wir gutes Personal.

STANDARD: Marketingexperten stehen bei Fussl vor einem Rätsel. Der Name Ihrer Großeltern rockt als Modelabel nicht gerade...

Karl Mayr: ...Sie kennen den billigen Fusel? Oder die Fussel?

STANDARD: Natürlich. Sie bedienen die aussterbende Mitte, verzichten auf Stardesigner und Berater. Und statt auszulagern, macht Ihre Familie alles selbst, bis hin zum Ladenbau mit eigener Tischlerei. Was können Jungunternehmer entgegen aller Lehrpläne von Ihnen lernen?

Karl Mayr: Fleißig sein, aber das kann man nicht lernen. Die Arbeit muss Freud machen. Es ist alles machbar, mehr als man glaubt.

Berta Mayr: Ein Berater sagte dir, 100 Quadratmeter sollst je Filiale machen. Was hast gemacht?

Karl Mayr: 1000. Berater sind schon in Ordnung. Aber man muss seine eigene Meinung haben. Und den Mut, etwas durchzuziehen.

STANDARD: In der Wiener Branche heißt es gern: Der Fussl ist der H&M der Bauern. Ärgert Sie das?

Karl Mayr: Überhaupt nicht. Die reden von was, das sie nicht wissen.

Berta Mayr: Unsere jungen Landwirte, die sind oft modischer und aufgeschlossener als viele Städter.

STANDARD: Sie haben Ihr Unternehmen vor 17 Jahren an die zwei Ältesten Ihrer vier Kinder übergeben. Wie lässt sich die Nachfolge innerhalb einer Familie fair regeln?

Karl Mayr: Die zwei Jüngeren gingen was anderes an. Und die zwei Großen sind beide gut. Arbeit gibt es für beide genug. Die größte Gefahr ist immer interne Rivalität.

Berta Mayr: Man hat schon früh gesehen, wo die Talente liegen. Und wir haben sie im Alter von 15 fest in Entscheidungen eingebunden.

STANDARD: Sie ließen Ihren Söhnen im Vergleich zu anderen Firmenpatriarchen früh den Vortritt. Aber schmerzt es im Nachhinein bei Entscheidungen nicht doch, plötzlich nicht mehr das letzte Wort zu haben?

Karl Mayr: Schmerzen würde es, wäre es schief gegangen, aber sie haben alles richtig gemacht.

Berta Mayr: Wir bekommen täglich die Umsätze auf unser Handy. Ich weiß genau, welchem Geschäft es gut geht und welchem nicht. Sogar in Australien, wohin uns unsere Weltreise vor drei Jahren führte. Wir können ja immer noch mitreden.

STANDARD: Pensionsten waren Sie beide aber viele Jahre lang nur auf dem Papier?

Berta Mayr: Ich habe noch zehn Jahre den Einkauf für die ältere Dame gemacht. Nun kümmere ich mich um die Brautmode im Stammhaus. Auf Messen bin ich sicher die Älteste. Jetzt gehen viele Mitarbeiter in Pension und ich lerne die Jungen ein. Ich kann noch nicht in Pension gehen.

Karl Mayr: Sie will ja auch nicht. (Verena Kainrath, 9.12.2017)

Karl Mayr (81) übernahm die Kramerei Fussl in Ort im Innkreis 1954 von seiner Mutter und Großmutter und baute sie zu einem der ersten großen Selbstbedienungskaufhäuser aus. 1975 spezialisierte er sich auf Textilien. 1996 übergab er an seine Söhne Karl und Ernst, die mit Unterstützung ihrer Frauen weiter expandierten. Mayrs Bruder Wolfgang veröffentlichte heuer im Verlag Ueberreuter eine Biografie über den "Fussl".

BERTA MAYR (76), Tochter eines Kaufmanns aus Königsbrunn, führte über Jahrzehnte den Einkauf, prägte den Verkauf mit und kümmert sich heute noch um die Brautmode. Bis zur Übergabe des Betriebs war sie Hälfteeigentümerin. Mit ihrem Mann wohnt sie zwischen zwei Geschäftsetagen des Stammhauses.

Fussl setzt mit 1100 Mitarbeitern in 160 Filialen quer durch Österreich 142 Millionen Euro um. In Ort imInnkreis ist die rentable Textilkettemit 114 Beschäftigten der größteArbeitgeber. Heuer erfolgte der Einstieg in Bayern. Ziel sind jährlich zehn neue Standorte in Deutschland.

  • Berta und Karl Mayr: "Es wird stets auch kleine Unternehmer geben, es kann und wird sich nicht alles auf wenige Riesen konzentrieren."
    christian fischer

    Berta und Karl Mayr: "Es wird stets auch kleine Unternehmer geben, es kann und wird sich nicht alles auf wenige Riesen konzentrieren."

  • Artikelbild
Share if you care.