"Brodecks Bericht": Mit dem Schrecken kommt hier keiner davon

    8. Dezember 2017, 08:00
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    Nach einer gleichnamigen Romanvorlage von Philippe Claudel hat der französische Comic-Autoren-Star Manu Larcenet eine der wuchtigsten Graphic Novels der letzten Jahre verfasst. "Brodecks Bericht " erzählt in beklemmenden Bildern von den Gräueln des Faschismus und einer Schuld ohne Sühne

    Wien – Der Winter bringt nicht nur die stillste Zeit des Jahres. In seinen bitterkalten und mondlosen Nächten gehen auch die Dämonen um. Der innere Schweinehund entkommt nach draußen und wird zur reißenden Bestie. Angst, Furcht und Schrecken. Danach: eisiges Schweigen.

    Nach der Lektüre von Manu Larcenets Graphic Novel Brodecks Bericht wird kein Leser behaupten können, dass es ihm besser gehe. Dieses auch physisch schwere und unheimliche Buch verursacht schon eher ein tiefes Gefühl der Verstörung und Beklemmung. Der Leser liebt zwar Happy Endings, das Leben aber spielt nur die wirklich harten Stücke.

    Die Originalvorlage stammt von Philippe Claudel. Einer der zentralen französischen Gegenwartsautoren lieferte mit dieser 2007 unter anderem auch mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichneten Romanparabel Ende der Nullerjahre so etwas Ähnliches wie ein stilleres, aber um nichts weniger beklemmendes Gegenstück zu Jonathan Littells heftig diskutiertem und schockierendem Roman Die Wohlgesinnten.

    Der Ich-Erzähler Maximilian Aue, ein SS-Offizier, berichtet in diesem 1400 Seiten dicken Roman über Kriegsverbrechen, Völkermord und Holocaust mit brutaler Süffisanz und ohne Schuldgefühle aus der Tätersicht, was den Roman damals zum veritablen Skandal machte, seiner Wirkung und Qualität allerdings keineswegs die Wucht nahm.

    Claudel erzählt in Brodecks Bericht dagegen sprachlich ungleich virtuoser, vielstimmig und zwischen verschiedenen Zeitebenen und Erzählsträngen wechselnd die Geschichte eines irgendwo im europäischen Nirgendwo gelegenen Bergdorfes an der deutsch-französischen Grenze aus der Sicht der Opfer.

    Dorfchronist Brodeck, der für eine ferne Behörde Notizen über den Wasserstand des Flusses, das lokale Wetter und den Stand der Vegetation verfasst, kommt eines abends, wir schreiben die Jahre nach einem großen Krieg, ins Dorfwirtshaus. Dort haben die Männer zu seinem Schrecken gerade "den Anderen" abgeschlachtet, einen im Ort abgestiegenen Maler, der hier nicht hergehörte und mit seinem Schweigen zur Bedrohung wurde: "Dieser Mann war wie ein Spiegel ... er sagte nichts, man sah nur sich selbst in ihm", heißt es im Roman.

    "Du kennst dich mit den Worten aus": Brodeck wird von den Männern bedrängt, nein, bedroht, über diesen Vorfall einen Bericht zu verfassen, der die Täter entlasten soll. Schließlich habe er studiert und besitze eine Schreibmaschine. Brodeck bekommt es mit der nackten Angst zu tun. Immerhin weiß er um die dunklen, schrecklichen Geheimnisse, die die Dörfler mit sich herumtragen. Parallel zu dieser chronikalen Rechtfertigung, die vom Bürgermeister schließlich verbrannt werden wird, weil das Dorf ja nichts anderes als vergessen will, berichtet Brodeck allerdings auch über die Zeit, als "die Soldaten" in das seelen- und ewig im Schnee liegende winterkalte Tal kamen. Die gesichtslosen Monster mit schwarzen Löchern statt Augen unter Helm und Schildkappen forderten von den Dorfbewohnern damals eine "freiwillige" ethnische Säuberung von allen "Anderen" und "Fremden". Ansonsten ...

    Im ewigen Schnee

    Jeder ist sich selbst der Nächste, und wenn es die Anderen trifft, trifft es uns nicht. Die Bewohner lieferten damals den Dorfdeppen und Brodeck aus. Brodecks Frau wurde von den Monstern und den Dörflern geschändet, er selbst in ein Lager im "Land der Unmenschlichkeit" verschleppt. In dem erlebt er unsagbare Gräuel – und überlebt nur vollkommen erniedrigt als "Hund Brodeck".

    Nach dem Krieg kehrt Brodeck in seine Heimat zurück. Wo soll er schon hin? Alle tun, als ob nichts geschehen wäre. Und sie schweigen, wie es ihre kalte Art ist. Nur Brodecks Frau ist für ihn da, aber sie ist auf ewig verstummt.

    Der französische Autor und Zeichner Manu Larcenet ist eine der wichtigsten und wandlungsfähigsten Stimmen der Comicszene. Er wurde unter anderem mit dem Vierteiler Der alltägliche Kampf bekannt sowie der düsteren Reihe Blast um einen widerlichen gewalttätigen Fettwanst, der nun als Paraphrase in Brodecks Bericht wieder auftaucht. Larcenet begräbt das im Schnee liegende Dorf und seine Bewohner in tiefschwarzem Schwarz und schroffen, oft sprachlosen und sprachlos machenden Bildern.

    Brodeck hat das KZ überlebt. Dies aber gerät ihm am Ende bezüglich der Mittäter zum Verhängnis. Schon bald einmal in Brodecks Bericht liest man: "Da ich dies schreibe, begreife ich plötzlich, wie gefährlich es ist, Unschuldiger unter Schuldigen zu sein. Im Grunde nicht anders, als der einzige Schuldige unter Unschuldigen zu sein." Er wird mit seiner Familie schließlich aus dem Dorf vertrieben werden, besser gesagt: fliehen müssen. Gut ist hier am Ende gar nichts. Der Schrecken wird Brodeck folgen. (Christian Schachinger, 8.12.2017)

    Manu Larcenet, "Brodecks Bericht". Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. € 39,90/ 328 Seiten. Reprodukt-Verlag, Berlin 2017

    • Eisiges Schweigen, Seelenkälte und Hass, der aus den Herzen kommt: "Brodecks Bericht" ist auch eine Parabel über die Unmöglichkeit der Vergangenheitsbewältigung.
      foto: reprodukt

      Eisiges Schweigen, Seelenkälte und Hass, der aus den Herzen kommt: "Brodecks Bericht" ist auch eine Parabel über die Unmöglichkeit der Vergangenheitsbewältigung.


    • "Brodecks Bericht", die  Graphic Novel des Jahres 2017.
      foto: reprodukt

      "Brodecks Bericht", die Graphic Novel des Jahres 2017.

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