Neuronaler Schlüssel für ein entspannteres Leben

8. Dezember 2017, 16:00
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Grazer Forscher untersuchen neuronale Grundausstattung zur Bewältigung belastender Ereignisse

Graz – Stellen Sie sich vor, Sie gehen spät nachts allein von einem Fest nach Hause. Plötzlich bemerken Sie, wie Ihnen mit nur wenigen Schritten Abstand jemand zu folgen scheint. Vermutlich beschleicht Sie ein gewisses Unbehagen. Damit daraus keine Panik wird, überlegen Sie sich schnell einige nicht ganz so furchteinflößende Interpretationen: Vielleicht ist der "Verfolger" ein Bekannter, vielleicht haben Sie etwas verloren. Wenn Ihnen in kurzer Zeit viele Möglichkeiten einfallen, können Sie mit Ihrer Fähigkeit zur kognitiven Umbewertung sehr zufrieden sein.

"Kognitive Umbewertung gilt als besonders wirkungsvolle Strategie zur Bewältigung belastender Ereignisse", sagt Ilona Papousek vom Institut für Psychologie der Uni Graz. "Deshalb spielt sie auch in vielen psychotherapeutischen Ansätzen eine zentrale Rolle." Gemeinsam mit dem Kreativitätsforscher Andreas Fink hat sich die biologische Psychologin in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt intensiv mit dem Phänomen der kognitiven Umbewertung befasst.

Dabei kam auch jener Test zum Einsatz, aus dem eingangs ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben wurde. Dieser "Reappraisal-Inventiveness-Test" zur Beurteilung des Einfallsreichtums von Umbewertungen stammt ursprünglich aus der Kreativitätsforschung und wurde für das Projekt adaptiert, um die Fähigkeit eines Menschen zur kognitiven Umbewertung zu ermitteln. Bewertet wird dabei zum einen die "Flüssigkeit", also die Geläufigkeit im Hervorbringen von Ideen, indem man die Anzahl alternativer Interpretationen zählt, die ein Proband in drei Minuten findet. Zum anderen wird beurteilt, ob und wie weit sich diese Ideen voneinander unterscheiden, also wie flexibel der Getestete ist. Flüssigkeit und Flexibilität sind beides Qualitäten, die sowohl in kreativen Prozessen als auch bei der Problembewältigung im Alltag wichtig sind.

Kontrollierte Gefühle

Bezeichnenderweise zeigen sich bei einer kreativen Tätigkeit ähnliche Aktivierungsmuster im Gehirn wie bei einer kognitiven Umbewertung. "Bei beiden kommen ähnliche kognitive Prozesse zum Tragen", sagt Papousek.

So müssen zum Beispiel Gefühle, die sich automatisch aufdrängen, unterdrückt werden, damit sich überhaupt eine kreative Idee entwickeln kann oder eine Umbewertung zustande kommt. Zuständig für diese Unterdrückung unmittelbarer Emotionen sind die exekutiven Gehirnfunktionen. Beim Eingangsbeispiel mit dem "Verfolger" müsste man zunächst die sich unmittelbar einstellende Angst unterdrücken können, damit der kreative Akt der Neubewertung gelingen kann.

Allerdings haben die Forscher herausgefunden, dass beim kognitiven Umbewerten im Vergleich zum herkömmlichen Ideenentwickeln zusätzliche Anforderungen an das Gehirn gestellt werden. "Mit EEG- und Magnetresonanzmessungen konnten wir zeigen, dass während des kognitiven Umbewertens ein spezifisches neuronales Netzwerk aktiviert wird", sagt Papousek. "Man sieht eine verstärkte Aktivierung vor allem im linken präfrontalen Kortex – jener Seite, die auch bei kreativen Prozessen eine wichtige Rolle spielt." Menschen, bei denen ein solches neuronales Aktivierungsmuster festgestellt wurde, fühlen sich im Alltag weniger depressiv und gestresst, wie die Psychologen mittels Tests herausfanden.

Diese Erkenntnisse legen auch nahe, dass etwa ältere, depressive oder neurologisch beeinträchtigte Menschen, bei denen die relevanten Gehirnfunktionen oft eingeschränkt sind, auch schlechter beim kognitiven Umbewerten sind. "Bei solchen Personen werden andere psychotherapeutische Strategien wie Ablenkung voraussichtlich wirksamer sein", sagt Papousek. Ob es auch sinnvoll wäre, die Funktionstüchtigkeit der beteiligten Gehirnprozesse zu "trainieren", sie also selbst zum Ziel therapeutischer Maßnahmen zu machen, wollen die Forscher im eben gestarteten Folgeprojekt untersuchen. "Mit unserem Reappraisal-Inventiveness-Test, der sich zur Beurteilung der grundsätzlichen Umbewertungsfähigkeit einer Person bereits bewährte, bringen wir ein Instrument zur Erfolgskontrolle mit." (Doris Griesser, 8.12.2017)

  • Damit dunkle Gassen keine Panik wecken, braucht es Strategien.
    foto: apa/dpa/federico gambarini

    Damit dunkle Gassen keine Panik wecken, braucht es Strategien.

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