Marco Rose: "Sie merken schnell, ob du ein Blender bist"

    Interview2. Dezember 2017, 08:00
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    RB-Salzburg-Trainer spricht über kleine und große Schritte, Träumereien, Verlässlichkeit, Mentalität, Siegesserien. Und über die Leere im Stadion bei den Heimspielen

    STANDARD: Sie sind in der Red-Bull-Ära der Trainer mit dem besten Punkteschnitt, 2,39 pro Partie. Was machen Sie anders als Giovanni Trapattoni oder Huub Stevens?

    Rose: Das ist eine Statistik, mit der ich relativ wenig anfangen kann. Weil sie sich im Laufe der Saison wieder relativeren kann, relativieren wird. Ich mag mich mit Trainern wie Trapattoni oder Stevens, die extrem viel geleistet haben, nicht vergleichen. Wir freuen uns, dass es bis jetzt so gut gelaufen ist, dass wir im Team viele richtige Entscheidungen getroffen haben, dass die Jungs funktionieren.

    STANDARD: Haben Sie für diesen Lauf, diese Konstanz, diese attraktive Spielweise Erklärungen?

    Rose: Es ist die Verlässlichkeit, die Siegermentalität und natürlich auch die individuelle Qualität, die als Team auf den Platz gebracht wird. Es gab aber auch Momente, da haben wir glücklich gewonnen oder in letzter Minute einen Punkt geholt. Solche Erlebnisse führen dazu, dass du deinen Glauben stärkst. Aber es ist alles aufgrund harter Arbeit und der Überzeugung, die in jedem Einzelnen steckt, passiert. Uns ist nichts in den Schoß gefallen.

    STANDARD: Was überhaupt nicht passt, sind die Zuschauerzahlen. Gegen Mattersburg waren 3922 Zuschauer im Stadion. Leistung wird in unserer Gesellschaft an sich oder auch tatsächlich belohnt. Bei Salzburg ist das Gegenteil der Fall. Je besser gekickt wird, desto weniger Leute kommen. Ein Paradoxon. Mehr Niederlagen sind natürlich keine angedachte Lösung. Wie kann man den Trend umkehren?

    Rose: Wüssten wir es, würden wir sofort etwas unternehmen. Es ist ein Fakt, mit dem wir eben leben müssen. Die Jungs geben ihr Bestes, um die Leute ins Stadion zu holen und sie zu begeistern. Es muss Gründe dafür geben, möglicherweise spielt auch die Vergangenheit eine Rolle. Es ist aber nicht meine Aufgabe, mich im Detail damit auseinanderzusetzen. Wir haben das intern thematisiert, es ist gerade jetzt wichtig, Leistung zu bringen. Die Motivation muss von innen kommen. Wir haben klare Ziele, konzentrieren uns aufs Wesentliche und freuen uns über jeden, der kommt. Wir können niemanden zum Match-Besuch zwingen.

    STANDARD: Red Bull ist ja auch eine Marketingmaschine, im österreichischen Fußball greift sie aber nicht. Ihre Spieler haben unlängst die 25.300 Fans im Rapid-Stadion sehr genossen, obwohl die Sympathie natürlich nicht ihnen galt. Das muss doch aufs Gemüt schlagen?

    Rose: Nicht unbedingt, Rapid ist ein absoluter Traditionsverein, hat ein großes Einzugsgebiet. Drei Tage später waren es gegen Altach auch nur 13.400. Vielleicht ist es ein österreichisches Thema, die Marke Fußball wirklich spannend zu machen, spannend zu halten. Es geht bis hin zum Nationalteam. Das ist eine große Aufgabe, die ich nicht lösen kann.

    STANDARD: Salzburg ist ein Sprungbrett in die große Fußballwelt. Mane, Keita, Kampl, Sabitzer, Ilsanker, Laimer oder Hinteregger sind nur einige Beispiele. Ist es auch ein Sprungbrett für Trainer? Sie wurden angeblich als Köln-Coach gehandelt.

    Rose: Auch wenn du in St. Pölten gute Arbeit leistest, wirst du gesehen und gehandelt. Das ist ein Thema, das mich nicht interessiert. Das Geschäft Fußball kennt man ja. Läuft es gut, ist man gefragt. Läuft es weniger gut, ist man morgen nicht mehr dabei. Und an Köln war und ist nichts dran.

    STANDARD: Sie haben mit Salzburgs U19 die Youth Champions League gewonnen. Es heißt, der Schritt von der Jugend in den Profibereich ist ein gewaltiger, viele scheitern daran. Bei Ihnen verlief der Übergang nahtlos. Tickt ein 18-Jähriger gar nicht so anders wie ein 25- oder 30-Jähriger?

    Rose: Das hat ja eine Vorgeschichte, ich war 15 Jahre lang selber Profi, weiß also, wie der Erwachsenenfußball funktioniert. Jeder Trainer fängt irgendwann einmal an. Auch ein Jupp Heynckes. Und Pep Guardiola begann seine Karriere auch nicht als Cheftrainer von Barcelona. Für mich war der Sprung in Salzburg nicht groß. Ich hatte das Momentum auf meiner Seite, in einigen Phasen das notwendige Glück, die Ergebnisse stimmten. Wir müssen gucken, bei der Stange zu bleiben, den Trend aufrechtzuerhalten. Negativerlebnisse muss man so weit wie möglich hinten rausschieben.

    STANDARD: Was war das Thema Ihrer Diplomarbeit?

    Rose: Wir mussten in Deutschland alle über unsere Trainerphilosophie schreiben.

    STANDARD: Und wie lautet sie? Welche Tugenden sind absolut notwendig, um Erfolg zu haben?

    Rose: Teamfähigkeit, soziale und fachliche Kompetenz. Du musst bereit sein, Dinge zu delegieren. Du musst authentisch sein, das ist ganz entscheidend. Arbeitest du in einer großen Gruppe, merkt der eine oder andere ziemlich schnell, ob du ein Blender bist und nur eine Rolle spielst.

    STANDARD: Setzen Sie sich eher realistische Ziele, zum Beispiel das fünfte Double in Serie, oder neigen Sie zu Träumereien? Konkret: Kann Salzburg irgendwann einen internationalen Titel, zum Beispiel die Europa League, einfahren?

    Rose: Ich halte viel davon, groß zu denken. In der täglichen Arbeit bin ich aber sehr vorsichtig, gehe es step by step an. Da denke ich klein. Die kleinen Schritte gehören zu den und vor die großen. Auf die Nummer, zu behaupten, Red Bull Salzburg gewinnt die Europa League, lasse ich mich nicht ein. Das ist sehr weit geträumt.

    STANDARD: Wo sehen Sie sich selbst in drei, vier oder fünf Jahren?

    Rose: Ich hoffe, dass meine Familie und ich gesund sind. Es gibt keinen ausgeklügelten Karriereplan, ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Ich fühle mich wohl in Salzburg, habe eine klasse Aufgabe, bin extrem ausgelastet.

    STANDARD: Nach dem 3:2 vor einer Woche gegen Rapid gab es eine berührende Szene. Sie haben Munas Dabbur, den Führenden der Schützenliste, lange getröstet, weil er aus taktischen Gründen nicht zum Einsatz gekommen war. Ist so etwas die wahre Härte in ihrem Job?

    Rose: Absolut. Aber auch das ist eine Trainerqualität, die man mitbringen sollte. Es ist nicht nett, Spielern unschöne Nachrichten zu vermitteln, das ist keine Königsdisziplin von mir. Es ist wichtig, dass alle wissen, dass ich jeden schätze. Als Persönlichkeit, als Mensch, als Fußballer.

    STANDARD: Am Sonntag gastieren Sie bei der Austria im gewiss sehr leeren Happel-Stadion. Gehen Sie von einem Sieg und dem Ausbau der Serie von ungeschlagenen Partien auf 19 aus?

    Rose: Ich gehe nie von Siegen aus. Weil ich weiß, dass es einen Gegner gibt und im Fußball vieles passieren kann. (Christian Hackl, 2.12.2017)

    • Für Marco Rose war der Wechsel vom Nachwuchs in den Profibereich kein Problem.
      foto: reuters/sezer

      Für Marco Rose war der Wechsel vom Nachwuchs in den Profibereich kein Problem.

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