Anton Kannemeyer: Safariland ist abgebrannt

    3. Dezember 2017, 12:00
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    Die Schizophrenie einer Gesellschaft, in der nach dem Ende der Apartheid der Rassismus im Privaten weiter gründelt, entlarvt der Südafrikaner in bissigen Karikaturen. Zu sehen in der Galerie Hilger

    Mutig gegen Verbrecher und Diktatoren in aller Welt kämpfend, so kennt und liebt man den reisenden Reporter Tim und seinen Gefährten, den Foxterrier Struppi. Weniger heldenhaft ist sein Benehmen aber in einem seiner frühesten Abenteuer. In Tim im Kongo zeichnet ihn sein Schöpfer Hergé als überheblichen, herrischen Kommandanten, die Afrikaner als rückständige, geistig minderbemittelte Befehlsempfänger und arbeitsfaule, mordlustige Primitive. Man warf dem 1931 erschienenen Band vor, rassistische Rechtfertigung des brutalen belgischen Kolonialregimes zu sein. Er hätte naiv damals vorherrschende Klischees verarbeitet, räumte Hergé, der nie in Afrika gewesen ist, später ein. Zwar reagierte Hergé auf die Kritik und strich etwa jeden Verweis auf die Kolonialherren, an den grundsätzlichen rassistischen Stereotypen änderte sich allerdings nichts.

    cover: carlsen comics

    Unterschwellige Rassismen

    Als 2007 ein britischer Rat für Rassengleichheit Tim in Kongo als rassistisch einstuft, schnellen nicht nur die Verkaufszahlen in die Höhe, es folgt auch eine Klage. Der Versuch des Kongolesen Bienvenu Mbutu Mondondo, das Comic verbieten zu lassen, scheitert jedoch; das Gericht argumentiert, die Darstellung Hergés spiegle die damalige Zeit wider.

    foto: ap/virginia mayo

    Als Dokument seiner Zeit und daher wertvolles Buch betrachtet den Band auch der 1967 in Kapstadt geborene Südafrikaner Anton Kannemeyer. Kannemeyer, 1992 Mitbegründer des kritischen südafrikanischen Magazins Bitterkomix, hält nichts von immer wieder angestrengten Verbotsversuchen. Er hat sich sogar Hergés "Ligne claire"-Stil angeeignet und nutzt Tim im Kongo als Vorlage, um die unterschwellig fortlebenden Rassismen im Post-Apartheid-Staat in eigenen Comics und Illustrationen zu kommentieren. Zimperlich ist er dabei nicht.

    cover: avant-verlag

    Er ziele auf den maximalen Effekt und sei dabei nicht politisch korrekt, sagt er. Kurvte Tim auf dem Originalcover noch mit seinem Ford T durch ein strahlendes Safari-Giraffenland, so ist sein gealtertes Ego auf Kannemeyers Buch Papa in Afrika nur Beifahrer in einer Klapperkiste, die Straße mit Leichen gepflastert.

    foto: anton kannemeyer, galerie hilger

    Andere Originalszenen variiert er so, dass der Held nun statt wilder Affen Dunkelhäutige erschießt. Manchmal steigert er die Stereotype der dicklippigen Afrikaner sogar noch: etwa wenn Superwoman einem mit menschlichen Trophäen flankierten Stammeshäuptling den Wunsch nach Demokratie überbringt. Manches ist gar keine Satire, sondern real – so, wenn Copyright-Lawsuits Afrikaner, die Tim im Kongo-Andenken schnitzen, schikanieren.

    foto: jan verboom photography
    Anton Kannemeyer: "A Democracy Paper", 2017.
    foto: anton kannemeyer, galerie hilger

    In der Galerie Hilger in Wien sind nun einige seiner für Papa in Afrika oder The Alphabet of Democracy entstandenen provokanten Illustrationen (große Originale, kleine Lithografien) präsentiert. Kannemeyer legt die Rassismen auf eine heutige Gesellschaft um, die sich nur vordergründig politisch korrekt aufführt, aber ihren Überlegenheitswahn im Privaten weiter auslebt. Die Angst vor dem schwarzen Mann spiegelt sich nun in der Abschottung in Gated Communities wider, Schuldbewusstsein muss gepaukt werden, und die gelebte Nichtdiskriminierung nimmt absurde Formen an.

    foto: anton kannemeyer, galerie hilger

    Bestechend sind seine Karikaturen aber vor allem, weil ihre Kritik nicht mit dem Zeigefinger daherkommt: Denn trägt der gealterte Tim mit seiner Halbglatze nicht viel eher die Züge Kannemeyers? Der Künstler begreift sich als Teil der Gesellschaft, deren Abgründe er hinterfragt.

    foto: anton kannemeyer, galerie hilger

    Es gibt aber auch subtile, leise Kritiken von Anton Kannemeyer. Regelrecht irritiert bleibt man vor schwarz-weißen Naturstücken, Zeichnungen von Pinien stehen, die unmittelbar neben den knalligen und messerscharfen Karikaturen hängen. Die Pinien sind keine autochthon, sprich einheimische Art in Südafrika, sondern sogenannte Neophyten, die sich also – oft durch menschlichen Einfluss – in einem Gebiet etabliert haben, indem sie zuvor nicht heimisch waren. Kannemeyer zeigt die krumm und überformten Bäume, die bereits im Wuchs in Formen gezwungen wurden. Ihr Holz wird im Bootsbau verwendet. Eine schöne Metapher für die gesellschaftliche Anpassung unter dem Druck eines Kolonialherren. (Anne Katrin Feßler, 2.12.2017)

    foto: anton kannemeyer, galerie hilger
    foto: anton kannemeyer, galerie hilger
    foto: anton kannemeyer, galerie hilger

    Galerie Hilger, Dorotheergasse 5, 1010 Wien, bis 23. 12.

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