24. Dezember: Ein fantastisches Sammelsurium des Lebens

    Ansichtssache23. Dezember 2017, 17:39
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    Der Taschen-Verlag legt "Die Kunst und Wissenschaft von Ernst Haeckel" in einem opulenten Band neu auf – und würdigt einen grandiosen Zeichner und Biologen mit Schattenseiten

    Wissen statt Schokolade: Die Wissenschaftsredaktion empfiehlt von 1. bis 24. Dezember täglich ein neues Buch aus dem Bereich Wissenschaft, das Sie sich oder Ihren Lieben gut und gern unter den Christbaum legen oder auch einfach so schenken können. Schlimme Kinder, die wir sind, öffnen wir das Türchen immer schon am Vorabend. Wenn Sie zu den Rezensionen etwas posten wollen, schreiben Sie bitte Titel oder Autor des besprochenen Buchs in die Titelzeile, damit die Zuordnung klar ist. Und wenn Sie selbst Buchneuerscheinungen empfehlen wollen, freuen wir uns darüber!

    Wir empfehlen heute:

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    foto: taschen/köln

    Ein fantastisches Sammelsurium des Lebens

    Der Taschen-Verlag legt "Die Kunst und Wissenschaft von Ernst Haeckel" in einem opulenten Band neu auf – und würdigt damit einen grandiosen Zeichner und Biologen mit Schattenseiten

    Das letzte Fenster unseres Bücher-Adventkalenders, das wir heute aufblättern, ist naturgemäß ein großes, und damit umso prachtvolleres: Gewaltige acht Kilo wiegt der 700 Seiten starke Band aus dem Hause Taschen, in dem die Kunst und Wissenschaft des deutschen Biologen Ernst Haeckel (1834–1919) gewürdigt wird.

    Schon allein die Vielfalt an akkuraten und feinziselierten Abbildungen versetzt einen ins Staunen. Wie psychedelische Mandalas oder unwirkliche Geschöpfe aus einer anderen Welt wirken sie zuweilen, die filigranen Zeichnungen von Strahlentierchen, Korallen, Tiefseemedusen, Staatsquallen, Seeanämonen und Schwämmen.

    Kunstformen der Natur

    Regelmäßige Wabenstrukturen geben Einzellern einen technoiden 3D-Effekt, die Fänge von in allen Farben leuchtenden Staatsquallen ranken sich spiralförmig über die Seiten, als würden sie noch im Wasser schwimmen. Es ist ein fantastisches Sammelsurium an Lebewesen, das Haeckel in seinem Werk versammelt und das in den berühmten Tafeln aus "Kunstformen der Natur" gipfelte.

    Der leidenschaftliche Popularisator der Theorien Charles Darwins verbrachte sein Leben damit, die Tier- und Pflanzenwelt zu erkunden und zu dokumentieren, entdeckte zahlreiche Meeresorganismen, beschrieb sie und zeichnete sie in all ihren Entwicklungsstadien in unerreichter Anmut und Präzision. Der Taschen-Verlag hat seine berühmtesten Arbeiten in dem opulenten, dreisprachigen Band (Englisch, Deutsch, Französisch) neu aufgelegt.

    Streitbarer Evolutionstheoretiker

    "Ernst Haeckel verdanken wir die schönsten und die hässlichsten Ansichten der Evolutionstheorie", schreibt Julia Voss in einem der einleitenden Texte des Bandes. Haeckel war zeit seines Lebens ein umtriebiger Redner, publizierte, polemisierte und focht heftige Kontroversen aus. Politik bezeichnete er als "angewandte Biologie", selbst stilisierte er sich zum Vorreiter des Monismus, eines Weltbilds, bei dem die Vielfalt der Phänomene auf einem einzigen Prinzip beruht, für Haeckel das Prinzip der Evolution. Er wollte die Wissenschaft an sich neu strukturieren und gilt als Erfinder von Begriffen wie "Ökologie" und "Stamm".

    Der Verfechter einer Trennung von Staat und Kirche setzte sich vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch für Pazifismus ein, machte dann aber eine Kehrtwende zum Nationalismus und Rassismus und verstieg sich in krudesten Rassentheorien. Der anhaltenden Faszination seines künstlerischen Werks machte das keinen Abbruch: Nicht nur der Jugendstil ließ sich nachhaltig von Haeckels ornamentalen Illustrationen inspirieren. Und noch heute versprühen die schwarz-weißen oder zart kolorierten Geschöpfe eine ungemeine Anziehungskraft – und zeigen, wie fließend doch die Grenzen zwischen Kunst und Natur sind. Frohe Weihnachten! (Karin Krichmayr, 24.12.2017)

    Rainer Willmann und Julia Voss: "The Art and Science of Ernst Haeckel". € 150 / 704 Seiten. Taschen, Köln 2017

    Hier paar Seiten zur Kostprobe.

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