Sechs Typen: Vom zufriedenen Europäer bis zum EU-Ablehner

    1. Dezember 2017, 01:01
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    Eine große Studie stellt die neue politische Landschaft Europas dar und zeigt: Es gibt sehr viel mehr als Pro- und Antieuropäer

    "Sind Sie stolz, Europäer zu sein?" So lautet die erste Frage der großangelegten Studie, anhand derer Beantwortung die europäische Bevölkerung auf ihre Haltung gegenüber der EU abgeklopft wurde. "Überhaupt nicht stolz", "nicht sehr stolz", weder noch, "ziemlich stolz", oder "sehr stolz", so die Skala der Antwortmöglichkeiten.

    Anhand von acht Fragen ermittelten Forscher für den Thinktank Chatham House sechs "Stämme", wie sie es nennen, in die sich politische Haltungen einordnen lassen. Wo man selbst steht, kann nun jeder selbst per interaktiver Website testen. Neben dem Stolz müssen etwa Fragen zur Flüchtlingsverteilung, zum EU-Föderalismus, zum Solidaritätsprinzip zwischen armen und reichen Mitgliedsländern und dem Empfinden des allgemeinen Demokratiegrads innerhalb der EU beantwortet werden.

    Größte Gruppe: Der zögerliche Europäer

    Was die Forscher um Thomas Raines dabei herausfanden, ist so vorhersehbar im Großen wie spannend im Detail: Es gibt nicht den klaren Proeuropäer und den klaren Antieuropäer. Die politischen Lager sind um Vieles differenzierter. Die sechs "Stämme", in die sich die Europäer einteilen lassen, beschreiben die Forscher in der eben erschienenen Studie "Europe's Political Tribes: Exploring the Diversity of Views Across the EU".

    Die größte Gruppe ist die der "zögerlichen Europäer" – 36 Prozent sind da angesiedelt: Tendenziell sind sie stolz, Europäer zu sein, haben aber auch ernsthafte Probleme mit der EU: Sie wollen eine gewisse nationale Souveränität zurück und haben nicht das Gefühl, von der Zuwanderung zu profitieren. Sie brauchen daher überzeugende Argumente bezüglich der EU. Zögerliche Europäer sind überwiegend weiblich (57 Prozent) und befinden sich bei anderen Indikatoren in der Mitte: Sie sind mit ihrem Leben mäßig zufrieden und politisch in der Mitte angesiedelt. Auch ihr Einkommen ist niedrig bis mäßig.

    Darauf folgt die Gruppe der "zufriedenen Europäer" mit 23 Prozent. Sie ist optimistisch, proeuropäisch und mit dem Status quo im Großen und Ganzen zufrieden. Es ist eine junge Gruppe, die gut verdient und politisch eher links steht. Skeptisch ist sie aber gegenüber der Idee der "Vereinigten Staaten von Europa". Das geht vielen zu weit.

    Die nächstkleinere Gruppe, die aber zahlenmäßig mit 14 Prozent schon recht weit abgeschlagen ist, sind die "EU-Ablehner". In ihrer ausgeprägten Position sind sie wütend auf die Politik der EU. Sie denken, kaum von der EU zu profitieren, und hegen ihr gegenüber viel eher Abscheu, Angst und Pessimismus. Sie denken, dass die EU undemokratisch sei und Einwanderung schlecht. Diese Gruppe ist tendenziell mittleren Alters, ist mehrheitlich aus Männern zusammengesetzt und steht politisch rechts. Ihre Lebenszufriedenheit ist niedrig. Diese Gruppe ist in Österreich überdurchschnittlich stark vertreten.

    Dann gibt es noch die "frustrierten Proeuropäer" mit neun Prozent Anteil: Obwohl eigentlich proeuropäisch eingestellt, sehen sie deren positive Werte im Moment nicht umgesetzt. Sie stehen politisch eher links, befürworten eine gemeinsame Bewältigung der Flüchtlingsverteilung und eine solidarische EU. Im Vergleich zu anderen proeuropäischen "Stämmen" sehen sie die Einwanderung aber kritischer. Ihre Lebenszufriedenheit ist eher niedrig, ihr Einkommen mäßig, sie leben meist in Kleinstädten.

    Die "Austeritätsrebellen" sind ebenfalls unzufrieden mit der EU-Politik, kommen aus dem linken Lager und haben das Vertrauen in eine demokratische EU verloren. Neun Prozent können zu der Gruppe gezählt werden: Die häufig arbeitslosen Vertreter kommen zum Großteil aus den Mitgliedstaaten, die während der Wirtschaftskrise besonders gelitten haben. Die Austeritätsrebellen glauben stark an an Solidaritätsprinzip, sowohl bei der Budgetverteilung als auch bei Flüchtlingen. Auch hier finden sich viele österreichische Staatsbürger.

    Mit acht Prozent Anteil die kleinste Gruppe ist die der Föderalisten: Sie stehen der Idee der Vereinigten Staaten von Europa positiv gegenüber und zählen zu den klassischen Gewinnern: Sie haben ein hohes Einkommen, sind in der Mehrheit ältere Männer, die in Städten wohnen und sehr zufrieden mit ihrem Leben sind. Politisch sind sie gemischt.

    Unzufriedenheit überwiegt

    Ob nun zögerlich, klar ablehnend, frustriert oder im Empfinden auf der Verliererseite: Vier von sechs Gruppen haben eine kritische oder zumindest unzufriedene Haltung gegenüber Europa.

    Klar proeuropäisch sind die Besserverdiener, die in ihrer extremeren Ausprägung ("Föderalisten") aber nur auf acht Prozent kommen – gegenüber der extremen Position der totalen EU-Ablehner mit 14 Prozent.

    Unverhältnismäßige Darstellung: Die Krux der Mitte

    Studienautor Raines macht darauf aufmerksam, dass die Extrempositionen die meiste mediale Aufmerksamkeit erhalten: "Die kleineren Gruppen im Spektrum haben eindeutig den größten politischen Einfluss, aber machen nur einen von vier Wählern aus."

    Er sieht die größte Herausforderung darin, die große Gruppe der "zögerlichen Europäer" in Zukunft besser einzubeziehen: Sie sind unentschlossen und stehen an der Kippe zwischen EU-Unterstützung und -Ablehnung. "Während viele ihrer Mitglieder instinktiv die EU unterstützen, haben sie große Bedenken bezüglich der nationaler Souveränität und Einwanderung. Viele haben sich ganz einfach von der Politik losgelöst." (saw, 1.12.2017)

    Methodik

    Für die Studie wurden über 10.000 Menschen per Onlinebefragung zwischen Dezember 2016 und Jänner 2017 befragt. Zehn Länder haben an der Studie teilgenommen, die jeweils mindestens 1.000 Menschen abfragten. Die zehn Länder waren Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Italien, Polen, Spanien und Großbritannien.

    • Auch in Österreich sind nicht alle zufrieden mit der EU. Die Aufnahme entstand bei einer Kundgebung in Wien im April 2008.
      foto: apa/herbert pfarrhofer

      Auch in Österreich sind nicht alle zufrieden mit der EU. Die Aufnahme entstand bei einer Kundgebung in Wien im April 2008.

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