In Neulengbach soll eine Burg den Ort wiederbeleben

30. November 2017, 11:00
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Neulengbachs Burg soll zum Zentrum für Jungunternehmer werden. Das könnte auch den Ort neu beleben

Hinter den mächtigen Burgwällen klirren die Klingen aufeinander. Handwerker schnitzen das Holz ihrer Bögen, Stallburschen satteln die Pferde der Ritter. Wenig später werfen sich die Krieger mit Gebrüll in den Kampf.

Von den einstigen Schlachten auf der Burg in der niederösterreichischen Stadt Neulengbach zeugt heute nur mehr ein buntes Gemälde an der Steinmauer. Eine beständige Ruhe hat sich über den Ort gelegt, die nur vom Pfeifen des Windes unterbrochen wird. "Hier befand sich früher der Pferdestall", sagt Hedy Fohringer und führt durch die lichtdurchflutete Halle, die bis auf ein paar kleine Tischen völlig leer ist.

Mit früher meint Fohringer vor etwa 800 Jahren, als die Burg gebaut wurde. Bis heute thront sie auf dem bewaldeten Hügel über der Stadt, sichtbar von allen Seiten in der Umgebung. Ihre Mauern, die zu großen Teilen erhalten sind, erzählen die Geschichte von der Türkenbelagerung im 17. Jahrhundert, von Grafen und dem Brand, der vor mehr als hundert Jahren Stühle, Tische, Teppiche und Bibliotheken versengte.

jakob pallinger
Das Zentrum von Neulengbach mit Blick auf das Rathaus und die Burg im Hintergrund.

Seither stehen die 150 Räume der Burg leer. 6.500 Quadratmeter Holzboden, auf dem sich der Staub sammelt. Fohringer kennt jeden Winkel der Burg, führt durch das alte Verlies, den Burgfried und über den Innenhof mit dem ausgetrockneten Brunnen. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als Fremdenführerin in Neulengbach. "Meist verschlägt es nur die besonders Interessierten hier herauf auf den Berg", sagt sie. Dabei steckt in der Burg nicht nur eine lange Vergangenheit, sondern möglicherweise auch eine bewegte Zukunft.

Tanzcafés, Kochabende und 3D-Drucker

Lothar Rehse möchte dazu beitragen. Er schüttelt Fohringer die Hand und geht mit ihr in einen Raum, neben dem ein Schild "Future Labs" ankündigt. Auf einer Tafel kleben bunten Grafiken, Tabellen und Fotos der Burg. "Wir wollen die alten Räume der Burg wiederbeleben", sagt Rehse, und seine Augen beginnen zu leuchten.

Vor zwei Jahren hat der gelernte Maschinenbauer und Projektentwickler die Initiative "Burg 2025" mitgegründet. Das Ziel sei, junge Unternehmer und Start-ups auf die Burg zu bringen, damit diese ihre Projekte dort verwirklichen können. Er organisierte einen Wettbewerb, um Ideen zu sammeln, wie man die Burg neu gestalten könnte. Die Ergebnisse sind die Blätter, die nun an der Tafel hängen. Die Burg als Ideengulasch, wo jeder Raum nach und nach eine eigene Funktion bekommen soll, von Tanzcafés über Gastgärten bis hin zu Konzertsälen, einem Slow Castle mit gemeinsamen Kochabenden, Markttagen und Coworking-Plätzen oder einem Zentrum für Handwerker und IT-Firmen inklusive 3D-Druckern.

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150 Räume stehen seit vielen Jahrzehnten leer.

"Bei dem Wettbewerb waren plötzlich hunderte Menschen auf der Burg, die die Innenräume bisher noch nie gesehen hatten", erinnert sich Fohringer. Viele wünschen sich, dass endlich etwas mit der Burg passiert, dass sie wieder Teil der Stadt wird. Rehse ist mit seinen Plänen schon weiter. Er zeigt durch das Fenster in den grünen Innenhof. "Hier könnte man ein Glasdach bauen, um auch bei Regen Veranstaltungen abzuhalten." Die Räume könnten mit Strom aus Sonnenenergie beheizt werden, unter der Burg könnten Besucher ihre Autos in einer Tiefgarage parken. Technologiefirmen sollen die Räume der Burg nutzen und mit anderen internationalen Firmen vernetzt sein. Bis zu 140 Arbeitsplätze könnte man auf der Burg schaffen.

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Lothar Rehse mit Hedy Fohringer im Innenhof der Burg.

Die Liste an Ideen ist lang. Ebenso die der Probleme. Da die Burg in Privatbesitz steht, ist die Initiative auch auf die Zustimmung der Eigentümer Wakonig angewiesen, die zumindest bisher hinter den Ideen standen. Als historisches Erbe steht die Burg zudem unter Denkmalschutz. "Eine Photovoltaikanlage am Dach spielt es da schon einmal gar nicht", sagt Rehse und muss schmunzeln. Nicht zuletzt mangelt es an Geld. Finanziert wird das Projekt bisher über Veranstaltungen, Führungen und Förderungen von Land Niederösterreich und EU.

Motor für die Region

Dass die Burg auch ein Motor für die Entwicklung der Region sein könnte, ist Rehse überzeugt. Dabei konnte sich Neulengbach im Vergleich zu manchen anderen Orten die Geschäfte und das Leben im Zentrum noch weitgehend bewahren. Es gibt einen Fleischhauer, einen Gastwirt, Kaffeehäuser, einen Schuhmacher und eine Greißlerei gleich neben dem Rathaus.

Daran konnten auch die Einkaufszentren und großen Supermärkte nichts ändern, die sich in den letzten Jahren rund um Neulengbach angesiedelt haben. "Wir haben dafür gekämpft, das Gerichtsgebäude mit den Notaren und Rechtsanwälten bei uns im Ort zu behalten, in dem sich seit ein paar Jahren auch ein weiterer Kindergarten befindet", sagt Bürgermeister Franz Wohlmuth. Und auch die Bevölkerung wächst: Waren es vor 17 Jahren noch 7.000 Einwohner, sind es heute gut 8.300.

jakob pallinger

Rehse ist skeptischer: "Viele junge Leute ziehen zum Studieren nach Wien oder St. Pölten und bleiben dann dort, weil sie in Neulengbach keine geeignete Arbeit finden." Als "Niemandsland zwischen Wien, St. Pölten, Tulln und den Alpen" bezeichnet Johannes Hiller Neulengbach. Er ist Direktor des Oberstufengymnasiums, das sich gleich beim Bahnhof Neulengbach befindet. Vor zwölf Jahren hat er die beiden Schwerpunkte Sozialkompetenz und humanitäre Orientierung sowie Umwelt und Energiewirtschaft im Gymnasium eingeführt.

In Ersterem lernen die Schüler über Erste Hilfe, gesunde Ernährung, die Biologie des Menschen und Konfliktmanagement. Zudem helfen sie mit, Senioren zu betreuen und Veranstaltungen für Selbsthilfegruppen zu organisieren. Bei Umwelt und Energiewirtschaft geht es um Wasserversorgung, Kohle-, Wind- und Solarkraftwerke sowie Verkehrsplanung. Hiller glaubt, mit dem Programm zusätzliche Schüler aus der Umgebung nach Neulengbach locken zu können.

Aus den verschiedenen Projekten der Stadt soll die Burg als Juwel herausstechen, darüber sind sich Rehse, Wohlmuth, Fohringer und Hiller einig. Bis 2025 sollen die Ideen zur Burg Wirklichkeit geworden sein. Rehse blickt noch einmal in den leeren Flur zurück: "Damit zwischen den alten Mauern wieder das Licht leuchtet." (Jakob Pallinger, 30.11.2017)

  • Noch gibt die Burg in Neulengbach nur von außen etwas her. In Zukunft sollen im Inneren junge Unternehmer arbeiten.
    foto: jakob pallinger

    Noch gibt die Burg in Neulengbach nur von außen etwas her. In Zukunft sollen im Inneren junge Unternehmer arbeiten.

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