Haarige Sache: Was guten Kaschmir ausmacht

    Interview10. Dezember 2017, 12:00
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    Das einstige Statussymbol ist heute auch für wenig Geld zu haben. Kaschmir ist aber nicht gleich Kaschmir, erklärt der deutsche Chemiker und Echthaar-Analytiker Kim-Hô Phan

    STANDARD: Ein Kaschmirpullover kann heute 60 oder 500 Euro kosten. Wie teuer muss ein Pullover sein, damit ich sichergehen kann, dass er wirklich aus Kaschmir besteht?

    Kim-Hô Phan: Ein Kaschmirpullover für 60 Euro kann durchaus zu hundert Prozent aus echtem Kaschmir bestehen. Allerdings ist Kaschmir nicht gleich Kaschmir. Es gibt Rohmaterial, das pro Kilo 40 Dollar kostet, genauso aber auch Kaschmir für über hundert Dollar pro Kilo. Der Preis hängt von mehreren Kriterien ab, wobei die Feinheit der Faser das wichtigste ist. Je höher die mittlere Feinheit von Kaschmir ist, desto teurer ist es.

    STANDARD: Ist der Preis immer ein Hinweis auf Echtheit?

    Phan: Mir ist schon alles untergekommen. Es gibt teure Produkte, die Fremdfasern enthalten, genauso wie preisgünstige Produkte, die aus reinem Kaschmir bestehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, für 500 Euro einen echten Kaschmirpullover zu kaufen, ist natürlich höher, vor allem ist die Qualität besser.

    STANDARD: Warum ist Kaschmir in vielen Fällen noch so teuer?

    Phan: Die Kaschmirproduktion ist weltweit begrenzt, es werden nicht mehr als 8.000 bis 9.000 Tonnen hergestellt. In naher oder ferner Zukunft wird die Produktion auch nicht höher ausfallen.

    STANDARD: Die Überweidung durch die Kaschmirziegen ist aber immer wieder im Gespräch ...

    Phan: Die Überweidung ist vor allem in China und der Mongolei ein großes Problem: Die Ziegen ziehen das Gras mit der Wurzel aus der Erde, und weil kaum etwas nachwachsen kann, erodieren die Böden. Deshalb wurde schon vor zehn, fünfzehn Jahren das davor starke Expandieren der Kaschmirziegen-Population gestoppt. In bestimmten, gefährdeten Regionen in China dürfen die Ziegen nicht mehr frei herumlaufen, sie werden in Farmen gehalten.

    STANDARD: Warum gibt es kein Gütesiegel für Kaschmir? Das würde die Sache doch einfacher machen, oder?

    Phan: Das wäre furchtbar kompliziert! Im Gegensatz zu Schaf- oder Merinowolle hängt die Kaschmirqualität von mehreren Faktoren ab. Um Angaben über die Qualität von Kaschmir zu machen, müsste man ganze Tabellen einführen – mit Informationen über die Länge, die Farbe, die Feinheit und die Kräuselung der Faser.

    STANDARD: Wie identifiziere ich reinen Kaschmir als Laie im Geschäft?

    Phan: Das ist fast unmöglich, selbst für mich. Wenn der Anteil beigemischter Wollfasern unter 15 Prozent liegt, fühle ich das nicht. Wenn die Beimischung bei 20 bis 30 Prozent liegt, sieht die Sache anders aus: Das Material greift sich härter an. Reiner Kaschmir muss sich weich anfühlen. Wenn sich das Material hingegen seifig angreift, haben die Hersteller Kaschmir minderer Qualität eingesetzt oder Wolle beigemischt und mit Weichmachern gearbeitet, um den harten Griff zu kaschieren. In den letzten Jahren ist mir dieser seifige Griff nur noch selten untergekommen, die Hersteller haben dazugelernt.

    STANDARD: Heute ist Kaschmir ein Massenprodukt, wann begann bei uns die breite Begeisterung für Kaschmir?

    Phan: Anfang der 1980er-Jahre konnten Kaschmirprodukte günstiger angeboten werden. Kaschmirpullover wurden plötzlich nicht mehr nur in Schottland, Italien, Deutschland, sondern auch in China produziert. Damals kamen auch verstärkt Fragen zur Qualitätssicherung von Kaschmir auf. Zuvor haben die Schotten lange die Geheimnisse der Kaschmirproduktion gehütet: Nur wenige Firmen wie Dawson hatten das Know-how, die störenden, groben Deckhaare von den feinen Kaschmirfasern zu trennen. Die Chinesen haben diese Technik allmählich erlernt und übernommen. Heute können sich nur die großen Marken leisten, Kaschmirprodukte in Schottland oder in Italien herstellen zu lassen. Die renommierten Marken haben auch interne Kontrollen. Wenn es Probleme gibt, werde ich zur Gegenkontrolle eingeschaltet.

    STANDARD: Wie tricksen die Hersteller beim Kaschmir?

    Phan: Dann wird massiv Lammwolle oder Yak untergemischt, oder die feinen Wollfasern werden chemisch modifiziert, sie sind unter einem Lichtmikroskop sehr schwer als solche erkennbar. Am besten geeignet ist das Rasterelektronenmikroskop, das ist für viele Labore aber zu teuer.

    STANDARD: Wie viele Kaschmirprodukte sind gefälscht?

    Phan: In der Anfangszeit lag die Fälschungsquote bei den von mir untersuchten Kaschmirwaren im DWI (Deutsches Wollforschungsinstitut, Aachen) bei rund sechzig Prozent. Sehr vorsichtig gesagt sind heute 25 bis 30 Prozent der Produkte auf dem Weltmarkt gefälscht. Es gibt darunter natürlich besonders dreiste Fälle: In Paris, Mailand, Amsterdam sieht man in den Touristenshops die Kaschmirschals für zehn Euro hängen. Bei denen ist klar, dass die Etiketten "100 Prozent Kaschmir" völliger Quatsch sind. Das ist den laschen Kontrollen in diesen Ländern zu verdanken.

    STANDARD: Warum unterbinden keine europäisch einheitlichen Regelungen solche Fälschungen?

    Phan: Die Behörden greifen nicht so sehr in die Kontrollen ein. Vor allem die Anbieter selbst lassen kontrollieren. In Deutschland ist die Konkurrenz sehr stark, die Hersteller lassen auch die Waren ihrer Mitbewerber kontrollieren. So ist der deutsche Markt in den letzten zehn Jahren viel sauberer geworden. (Anne Feldkamp, RONDO, 10.12.2017)

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    Problematik: Öko-Kaschmir?

    Sind die vielen Fälschungen das einzige Problem beim Kaschmir? Nein, sagt Reinhard Kepplinger, Geschäftsführer beim österreichischen Unternehmen Grüne Erde. Die in den letzten Jahren explodierende Nachfrage nach Kaschmir habe massive ökologische Konsequenzen nach sich gezogen: In der Inneren Mongolei verdrängten die Herden an Kaschmirziegen die natürliche Viehwirtschaft. 2013 hat Kepplinger erstmals von der Problematik der Versteppung gehört. Zwar gibt es Anbieter von Fair-Trade-Kaschmir, biologisch zertifizierten Kaschmir allerdings sucht man bislang vergebens. Das Unternehmen Grüne Erde will deshalb nun Kaschmirwolle durch Yakhaar und Alpakawolle ersetzen.

    • Kaschmirpullover vom italienischen Hersteller Brunello Cucinelli kosten  nach wie vor eine Stange Geld.
      foto: brunello cucinelli

      Kaschmirpullover vom italienischen Hersteller Brunello Cucinelli kosten nach wie vor eine Stange Geld.

    • Lange hat der Textilchemiker Kim-Hô Phan für das Deutsche Wollforschungsinstitut in Aachen gearbeitet, nun testet er Fasern in seinem eigenen Labor.
      foto: privat

      Lange hat der Textilchemiker Kim-Hô Phan für das Deutsche Wollforschungsinstitut in Aachen gearbeitet, nun testet er Fasern in seinem eigenen Labor.

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