Übergriffe im Sport als TV-Thema: Ängstliche Einsichtslosigkeit

Kolumne mit Video28. November 2017, 06:00
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ÖSV-Präsident Schröcksnadel will Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg nicht mehr drohen – eine Entschuldigung genüge

Wenn Themen signifikante Diskussionshitze entfalten, erfassen sie auch TV-Sender. Konkurrenten schaffen dann unfreiwillig gemeinsame Themenabende, die im aktuellen Fall mit dem ÖSV-Präsidenten einen leicht bizarren Höhepunkt – in der "ZiB 2" am Montagabend – erreichen.

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"ZiB 2": ÖSV-Präsident Schröcksnadel zu "sexuellen Übergriffen".

Der Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg, die im STANDARD ÖSV und sexuelle Belästigung zum Thema machte, will Präsident Schröcksnadel nicht mehr mit rechtlichen Schritten drohen. Werdeniggs "Entschuldigung würde auch reichen". Armin Wolf ist glaubhaft irritiert; wofür sich Werdenigg entschuldigen soll, bleibt leider offen.

Schröcksnadel ist in der Tat anstrengend ablenkend und virtuos wirr in der Argumentation – fast wie einst Stronach. Ja, er will Aufklärung. Ja, es tut ihm leid, dass Werdenigg nicht mit ihm redet. Ja, er tappt im Dunkel. Wie es in Internaten zugeht, das aber weiß er. Er war selbst in einem. Wie auch immer. Es sind Ehen, die im Skimilieu bitte schön auch entstanden sind, keine sexuellen Übergriffe. Wolf hat das nie behauptet und ist verwundert. Er hat den Eindruck, Schröcksnadel würde jetzt "mauern".

Mehr Aufmerksamkeit

Später, bei "Pro und Contra" auf Puls 4, ist Schröcksnadel nicht dabei, die Gemeinte jedoch schon. Bei Corinna Milborn wirkt Werdenigg eher angespannt; sie hat mit dem ÖSV zurzeit nur schriftlichen Kontakt. Im Grunde geht es ihr um Zukünftiges, um Prävention durch Vernetzung. Sie sei an die Öffentlichkeit gegangen, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen, sagt sie. Es galt, im Laufe der Jahre Scham und Verdrängung therapeutisch zu überwinden, schildert sie.

Michaela Dorfmeister, ehemalige Rennläuferin, ist auch da. Sie ist entsetzt, was nun alles so rauskommt. Persönlich allerdings wurde sie "nie angegriffen"; dass der ÖSV aufklären will, das glaubt sie schon. Rudolf Hundstorfer – Präsident der Bundes-Sportorganisation – bleibt bei der Diskussion leider so spannend wie im Bundespräsidentenwahlkampf, der ihm nicht wirklich einen Triumph bescherte. Es gehe um Respekt, findet er. Niemand widerspricht, es geht in die Pause.

Werte im Sport

Später – gegen Mitternacht – ist ÖSV-Sportdirektor Hans Pum zugegen, der natürlich nie etwas über sexuellen Missbrauch im Skimilieu gehört hat. Demütigende Einschmierrituale? Ja, damals im Mittelalter des Skifahrens vielleicht. Aber in unserer Neuzeit? Da hätte sich "schnell was herumsprechen" müssen. Er weiß dann auch nicht, warum Werdenigg nicht mit ihm sprechen will. Er würde so gerne. Was ihr passiert ist, tue ihm leid. Wobei er eines schon sagen muss: Beim Skisport, da geht es nur um Leistung. Es gebe unfreundliche Berichte. Welche Berichte? In Internaten, ja, da mag es was geben, aber nicht bei uns.

Chris Karl, forensische Psychologin und Sportwissenschafterin, wird leicht zornig und versucht den Mann aufzuklären. Aber auch Milborn vermag ihn nicht einzubremsen. Pum setzt zum Schlussmonolog an, will nun über Werte im Sport reden, über die Beseitigung von Fettleibigkeit durch Sport. Darüber müssen Sie eine Sendung machen, belehrt er Milborn, die zum Schlussdank ansetzt. Es bleibt der Eindruck einer ängstlichen Einsichtslosigkeit. (Ljubiša Tošić, 28.11.2017)

  • ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel stand in der "ZiB 2" Rede und ein bisschen Antwort.
    foto: screenshot

    ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel stand in der "ZiB 2" Rede und ein bisschen Antwort.

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