Vorfälle in Skihauptschule Neustift: ÖSV musste Bescheid wissen

    27. November 2017, 17:52
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    Hinweise, dass der Skiverband bereits in den 70ern informiert war – Tiroler Verband will Aufklärung und hilft bei Suche nach Tätern

    Innsbruck – Langsam kommt immer mehr Licht in die Angelegenheit. Seit die ehemalige ÖSV-Athletin Nicola Werdenigg vergangene Woche den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt hat, meldeten sich weitere ehemalige Schüler der Skihauptschule in Neustift, die Werdeniggs Ausführungen bestätigten.

    Auch Thomas Wirth, seit 1987 als Lehrer an der Schule und seit 2013 Direktor der Einrichtung, zweifelt nicht an Werdeniggs Schilderungen. In einem Schreiben an sie bedauert er, was ihr widerfahren ist, und verspricht Aufarbeitung.

    Zentrale Figur im Missbrauchsskandal scheint P. zu sein, der bis Ende des Schuljahres 1975/76 in Neustift als Heimleiter angestellt war. Wirth sagte dem STANDARD schon vergangenen Freitag, es gäbe Hinweise darauf, dass sich P. vor allem an Buben vergriffen habe.

    Das bestätigen nun weitere Recherchen, die zugleich aufzeigen, dass schon damals höchste Verbandskreise über die Vorgänge informiert gewesen sind. Denn beim Tiroler Skiverband (TSV), damals Träger der Einrichtung, tauchten nun Unterlagen auf, die belegen, dass der Heimleiter aufgrund nicht näher benannter "Vorfälle" in den Fokus gerückt sei.

    Sitzungsprotokoll

    Einer dieser Vorfälle scheint den Sohn eines hohen Sportfunktionärs betroffen zu haben, der zu dieser Zeit ebenfalls Schüler in Neustift war. Der TSV fand in seinem Archiv ein Protokoll einer Sitzung, an der vier Personen – darunter ebendieser hohe Sportfunktionär sowie der damalige Präsident des TSV – teilgenommen haben. Was genau dort besprochen wurde, ist unklar. Aber Zeitzeugen, die damals ebenfalls in diesen Kreisen tätig waren, erinnern sich daran, "dass der Heimleiter schnell entfernt werden musste".

    Ehemalige Schüler berichten, dass der bereits verstorbene Funktionär offenbar aufgedeckt hat, dass der Heimleiter Übergriffe verübt habe. Der Sohn des Funktionärs wollte auf Anfrage des STANDARD keine Stellungnahme zu den Vorfällen in den 1970ern abgeben.

    Er habe "diese Sache" aus seinem Gedächtnis gestrichen und wolle nicht mehr darüber sprechen. Andere ehemalige Schüler bestätigen ebenfalls, dass es zu Übergriffen gekommen sein soll, doch auch sie wollen nicht mehr darüber sprechen.

    Hochrangiger ÖSV-Funktionär widerspricht Protokoll

    Beim TSV zeigt man sich betroffen und will mithelfen, die Vorfälle von damals "lückenlos aufzuklären". Doch die Unterlagen im Archiv sind spärlich, und oft ist nicht mehr klar, wer damals beteiligt oder informiert war. Zudem sind viele Involvierte bereits verstorben.

    Laut Sitzungsprotokoll des zuvor genannten Treffens soll auch ein hochrangiger ÖSV-Funktionär an der Besprechung über die Vorwürfe gegen den Heimleiter teilgenommen haben. Er ist der Einzige der vier Sitzungsteilnehmer, der noch lebt. Doch er schloss am Montag auf STANDARD-Anfrage dezidiert aus, an einer solchen Sitzung teilgenommen zu haben oder von dem Fall zu wissen.

    Klar ist, dass der Heimleiter kurz nach dieser Sitzung abgesetzt wurde. Interne Aufzeichnungen verdeutlichen, wie überstürzt dies passiert sein muss, da man zu Beginn des Schuljahres 1976 "plötzlich ohne Heimleitung dastand". Die Spur des Mannes, der noch eine Zeitlang als Lehrer tätig blieb, verliert sich allerdings nach dessen Kündigung. Angeblich soll er nach Vorarlberg gegangen sein. (Steffen Arora, 27.11.2017)

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