Kerstin von Gabain: Vom Appetitlichen und vom Unheimlichen

    28. November 2017, 07:00
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    Die Künstlerin erhielt am Montag in Salzburg den Kardinal-König-Kunstpreis

    Salzburg – Wie bunte Lakritze, Marshmallows oder pickige Bonbons sehen sie aus, Kerstin von Gabains obendrein auf einem zuckerlrosa Tisch arrangierte Objekte. "Appetitlich", so die Künstlerin. Die Arbeiten ihrer jüngsten Werkserie entstehen in der Küche ihres Wiener Ateliers; gleich neben der Espressokanne stehen die Töpfchen für das Wachs.

    Unheimlich werden die kleinen süßen Dinger erst, wenn man nach den Formen fragt, von denen sie sich herleiten: Von Gabain nimmt eines und hält es neben ihren Fuß. "Ich habe Körperteile von mir in Gips abgenommen und daraus Gussformen gebaut. Das hier ist ein Querschnitt meines Spanns."

    Die 21 wächsernen Artefakte auf dem rosa Tisch, Abstraktionen und Fragmentierungen des Körpers, sind eine Installation, für die die 1979 in Kalifornien geborene Kerstin von Gabain nun in Salzburg den Kardinal-König-Kunstpreis (dotiert mit 11.000 Euro) erhalten hat. Entwickelt hat sie die Arbeit für eine Ausstellung 2017 in der Akademie der bildenden Künste: Pro(s)thesis. Prosthesis meint im Altgriechischen die "Aus- oder Zurschaustellung", genauer die Aufbahrung eines Verstorbenen, Prothese den künstlichen Körperteilersatz: ein Titel, wie gemacht für die Arbeit von Gabains.

    courtesy: gabriele senn galerie, foto: lisa rastl
    Kerstin von Gabain: "Symposium on the dark ages", 2017 (Ausstellungsansicht März 2017, Gemäldegalerie der bildenden Künste Wien)

    Auch der damalige Dialog mit Hieronymus Boschs Weltgerichtstriptychon, das mit skurrilen Mischwesen und ungeheuerlichsten Folterknechten die Welt als brutalen Sündenpfuhl zeigt, befeuert die Interpretation von Symposium on the dark ages. Von Gabain selbst lenkt jedoch von solchen Deutungen eines versehrten Körpers ab. Sie selbst habe sich eher für die Alltagsobjekte interessiert, die Bosch zu Folterinstrumenten umfunktionierte. Seine Vorstellungen von einer anorganischen Physiognomie sind unheimlich.

    Anthropomorphismus, also das "Vermenschlichen" von Tieren oder Objekten, ist ein Thema, das die Künstlerin, ganz generell interessiert. Spannende Fragen sind für sie: "Was ist ein Objekt? Was ist ein Mensch?" Es geht ihr darum, diese Gesetzmäßigkeiten – mit Humor – auszuhebeln. Und so bekommt das Morbide, wie der Abguss eines Knochens, von ihr die farbliche Erscheinung einer Lauchstange oder die Leichtigkeit eines Eises am Stiel verpasst. Sie spielt mit dem schnellen Konsumobjekt und dessen Sinnlichkeit: Im Endeffekt wäre es ja doch ein Knochen, verbunden mit allen Assoziationen zur Vergänglichkeit.

    In Fotografien, deren Negativ-Positiv-Verfahren sie zu den Abgüssen inspiriert hat, hat sie diese – etwa in Beton abgegossene Kaffeebecher oder Sprühdosen – auch performativ inszeniert: Auf dem Sockel wären die Objekte ja sehr tot, findet sie. Matratzen hat von Gabain in einer Persiflage auf Bondage zu Körpern geschnürt, Möbel wie Verletzte bandagiert, ihnen Titel wie Hysterikerin gegeben. Ist das nicht doch sehr abgründig? Nein! Von Gabain widerspricht und unterstreicht einmal mehr, wie nahe sich Düsternis und Humor oft sind: "Es ist Pop. Auch Bosch ist eigentlich Pop." (Anne Katrin Feßler, 27.11.2017)

    • Detail von Kerstin von Gabains "Symposium on the dark ages" (2017)
      foto: birgit probst

      Detail von Kerstin von Gabains "Symposium on the dark ages" (2017)

    • Kardinal-König-Preisträgerin: Kerstin von  Gabain (38)
      foto: ismini adami

      Kardinal-König-Preisträgerin: Kerstin von Gabain (38)


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