"Der Lechner Edi schaut ins Paradies": Tausend Jahre sind ein Tag

    27. November 2017, 11:21
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    Die charmante Volkstheaterproduktion tourt durch Wiens Bezirke

    Wien – Dr. Galvani (Adrian Hildebrandt), ein lockiger Herr in Pumphosen (1737-1798), schickt sich an, mithilfe von Froschschenkelexperimenten die Elektrizität zu erfinden. Aber einer hat etwas dagegen: der Lechner Edi (Thomas Frank). Denn der wurde knapp dreihundert Jahre später aufgrund von elektrisch betriebenen Maschinen arbeitslos. Also macht er sich mit Freundin Fritzi (Evi Kehrstephan) und seinem ehemaligen Kumpel, dem inzwischen ebenso ausrangierten Motor namens Pepi (Christoph Theussl), auf eine Reise in die Vergangenheit, um schlimmsten Erfindungen vorzubeugen. Dass sie da bis zu Adam und Eva gelangen, ist nur konsequent.

    Das grobschlächtige Zaubermärchen von Jura Soyfer, Der Lechner Edi schaut ins Paradies, geschrieben unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, nimmt Regisseurin Christine Eder auf fabelhafte Weise in Betrieb. Anstatt kleinkrämerisch um Aktualisierungen zu ringen (z. B. Digitalisierung), schlägt sie einen Retrokurs ein (Pepi als Roboter mit viereckigem Kartonkopf), siedelt aber zugleich den Ausgangspunkt in der nahen Zukunft an: 2018, wenn der Arbeitslosenstatus mit einem positiv besetzten Modell des joblosen Lebens einhergehen könnte. Stichwort: Arbeiten reicht eh nicht mehr, um die Miete zu zahlen.

    Es sind die charmantesten, ehrlichsten und lebendigsten 55 Minuten Theater, die es aktuell in Wien zu sehen gibt: Der Lowtech-Abend tourt als Volkstheaterproduktion nun durch die Bezirke.

    Mit bescheidenen Kunststücken versuchen die Arbeitslosen vor einem Verschlag aus maroden Liegestühlen und Maschendrahtzaun (Bühne: Monika Rovan) Almosen bei den Zuschauern zu verdienen. Edi nimmt bei Siegfried und Roy Maß, hat statt weißer Löwen aber nur eine Postfuchsspardose zur Verfügung.

    So entwickelt sich ein feurig beklatschtes Theater-Roadmovie, dessen Betteltross auf herzzerreißend niedrigem Sci-Fi-Niveau durch die Jahrhunderte prescht. Der Soundtrack, für den einst die Schmetterlinge schmerzhaft kantige Melodien komponierten, kommt aus der Popkultur: Udo Jürgens, Zurück in die Zukunft. Das alles zusammen geht rein wie Öl. (Margarete Affenzeller, 27.11.2017)

    • Auf Retrokurs durch die  Jahrhunderte: Thomas Frank.
      foto: lupispuma/volkstheater

      Auf Retrokurs durch die Jahrhunderte: Thomas Frank.


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