Bitcoin, Autokredit und Co: Welche Entwicklungen zum Crash führen könnten

    9. Dezember 2017, 08:00
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    Gier frisst Hirn. So lautet eine alte Börsenweisheit. Ein Blick zurück zeigt, wie wahr dieser Satz ist

    Unsere Zeitreise beginnt in der Gegenwart, denn aktuell türmen sich allerorten Risken auf, die das, was hinter uns liegt, bei weitem übertreffen können. Nicht nur die Aktienmärkte sind nach jahrelanger Hausse, getrieben vom Niedrigzinsumfeld, in sehr luftdünne Höhen gestiegen – parallel dazu haben sich völlig neue Anlageobjekte entwickelt, deren Risiko sich nicht annähernd abschätzen lässt.

    Dazu gehört die Onlinewährung Bitcoin: Alle Kryptowährungen gemeinsam verkörpern einen Wert von knapp 200 Milliarden Dollar; rund zwei Drittel entfallen auf Bitcoin. Allein der steile Wertanstieg – so kostete ein Bitcoin im Juni 2013 nur 76 Euro und im November 6400 Euro – lässt Profis nervös werden.

    Dazu kommen noch die Bocksprünge, als China ankündigte, den Handel mit der Kryptowährung zu beschränken: Damals ging der Kurs kurzfristig gleich um rund 40 Prozent in die Knie. Die Entstehung der Währung selbst scheint erklärungsbedürftig und ein wenig seltsam – zumindest für konservative Finanzer. Denn Bitcoins werden dezentral durch ein Computernetzwerk der Nutzer geschöpft und verwaltet. Zugrunde liegt nichts als das Vertrauen der User und Anleger.

    Risikofaktor US-Autokredite

    Das ist zwar seit der Entkopplung von der Golddeckung auch bei jeder anderen Währung so – aber dort steht im Hintergrund immer noch das Vertrauen in einen Staat oder, wie beim Euro, in einen Staatenverbund. Der Blick auf den Bitcoin-Chart lässt jedenfalls erschauern: Der Anstieg ist so steil, dass es möglicherweise nur noch in eine Richtung gehen kann: abwärts.

    Ein Bitcoin-Crash könnte durch ein anderes Risiko, das sich einer breiten Öffentlichkeit nicht auf den ersten Blick erschließt, ausgelöst werden, nämlich die US-Auto-Loans. In den USA werden auf Teufel komm raus Kredite vergeben, gern auch im Subprime-Level an Käufer mit zweifelhafter oder schlechter Bonität, die die Autobesitzer möglicherweise nie werden zurückzahlen können.

    Als Sicherheit dient ein Wirtschaftsgut, das fast täglich an Wert verliert. Ende 2016 waren fast 1,2 Billionen US-Dollar in Autokrediten offen – neun Prozent mehr als 2015. Der Betrag lag um 13 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2005. Und 2010, mitten in der Krise, lag die Summe erst bei 700 Milliarden Dollar. In Summe liegt die Verschuldung der US-Haushalte nur wenig unter dem Spitzenwert von 2008 – der Löwenanteil entfällt dabei auf Autokredite.

    Höchst undurchsichtig

    Die Kreditvergabe ist lax, nur 68 Prozent der Kreditnehmer werden auf ihre Einkommenssituation überprüft. Unter dem Strich stehen die US-Bürger mit 12,6 Billionen Dollar in der Kreide. Bei den Autokrediten ist die Ausfallrate zuletzt auf 3,82 Prozent gestiegen. Wenn die US-Notenbank Fed die Zinsen möglicherweise bald weiter anhebt, könnte sie sich bald vervielfachen.

    Damit könnte ein Drama beginnen, das die Welt erst verdaut: ein globaler Finanzcrash. Denn die US-Autokredite wurden nach altbekanntem Muster zu neuen Wertpapieren gebündelt und an Investoren wie Hedgefonds oder andere Anleger in alle Welt weiterverkauft. So ist ihr Verbleib höchst undurchsichtig, und erst, wenn die Bombe platzt, weiß man, wer auch einen in der Tasche hatte.

    Im Zuge der Immobilienkrise tauchten die Kredite zum Beispiel auch in europäischen Pensionsfonds auf. Kein Wunder, dass es in einer Autokreditstudie der politischen Denkfabrik Stratfor heißt: "Die Parallelen zur US-Immobilienkrise vor zehn Jahren sind frappierend."

    Damals wie heute war die Kreditvergabe zu freizügig, Bonitätsprüfungen fanden meist nicht statt oder wurden einfach getürkt. Die ersten Raten wurden gleich mitfinanziert, und so mussten die Hauskäufer eine ganze Weile gar nichts bezahlen.

    Wertsteigerung eingepreist

    Zusätzlich wurden bei US-Immobilienkrediten zukünftige Wertentwicklungen schon eingepreist – damit erhöhte sich der Wert der Immobilie, die als Sicherheit diente, um einen nicht nachvollziehbaren Betrag. Genau diese Vorgangsweise beschleunigte den Crash, als der Markt nach mehreren Zinserhöhungen drehte.

    Dem waren exorbitante Anstiege auch der Wohnimmobilien vorangegangen: In Florida zum Beispiel stiegen die Preise für Einfamilienhäuser von 2004 auf 2005 um rund 30 Prozent. Durch die lockere Kreditvergabe legten sich Spekulanten aus der Mittelschicht plötzlich fünf oder sechs Häuser zu, die sie ein Jahr später mit Gewinn weiterverkauften. Bis die Zinssituation drehte – und die Blase platzte.

    Das war der erste Immobiliencrash der Neuzeit, der sich über die ganze Welt ausbreitete und sie ins Chaos stürzte. Aktiencrashs hat es aber immer wieder gegeben, wie zum Beispiel die Dot.com-Krise. Diese heftige Spekulationsblase, die im Frühjahr 2000 platzte und die sogenannten Dotcom-Unternehmen der New Economy betraf, führte zu heftigen Vermögensverlusten, vor allem bei Kleinanlegern.

    Mit dem Aufschwung des Internets wurde so gut wie alles gekauft, was eine Internetendung (.com) im Namen führte. Oft wussten die Anleger nicht einmal, was das Unternehmen, dessen Aktie sie sich ins Depot gelegt hatten, überhaupt machte – und ob es überhaupt irgendetwas machte. Diese Unwissenheit wurde auch von Betrügern als Abzocke benutzt.

    Zusätzlich erreichten Spekulationen mit Neuemissionen ein noch nie dagewesenes Ausmaß. In Europa hatte die Deutsche Börse den Neuen Markt eingerichtet, wo Aktien wie die Deutsche Telekom, aber auch noch riskantere, lockten.

    Als hochbewertete Unternehmen die Gewinnerwartungen nicht erfüllen konnten, ihr Börsenwert oft nicht durch materielle Gegenwerte gedeckt war, weil ja das Kapital eines IT-Unternehmens weniger in materiellen Gütern als vielmehr in den geistigen Leistungen seiner Mitarbeiter zu finden ist, fuhr den Anlegern der Schreck in die Glieder. Der Boom fuhr an die Wand, die Börsen kollabierten auf breiter Front.

    Russland-Boom

    So ähnlich wie im Zuge des Russland-Booms, als im Aufschwung nicht nur russische Aktien und Anleihen, sondern auch dubiose Substanzen wie das ominöse Red Mercury, von dem niemand wirklich wusste, was es war und wofür man es eigentlich brauchen konnte, höchst gefragt waren.

    Anleihen stiegen ständig, weil der russische Staat alte Anleihen mit neuen mit immer höheren Zinsen tilgte. Erste Anzeichen für eine Wirtschaftskrise im ehemals "Roten Reich" begannen im Herbst 1997, beschleunigt durch die Asienkrise kurz zuvor. Anleger flüchteten, der Rubel stürzte ab und forcierte in seinem Fall noch die Kapitalflucht.

    Crashs an den Anlagemärkten sind also nichts Neues, doch scheinen sie sich in den vergangenen 150 Jahren zu häufen: Die Bankenkrise in Frankreich und England 1847, der amerikanische Schwarze Freitag vom 24. September 1869, ausgelöst von Goldspekulationen, der Wiener Börsenkrach von 1873 oder der Black Thursday in den USA gefolgt vom Schwarzen Freitag in Europa im Jahr 1929 als einer der Auslöser der Weltwirtschaftskrise.

    Aber schon im Holland des 17. Jahrhunderts regierte der Gehirnfraß. Nachdem viele holländische Anleger in Erwartung weiterer Steigerungen zu extrem hohen Preisen Tulpenzwiebeln oder sogar Optionsscheine darauf gekauft hatten, blieben am 7. Februar 1637 bei der jährlichen Versteigerung in Alkmaar plötzlich die Käufer aus.

    Fazit: Die Preise fielen um 95 Prozent; die Vernunft hatte die Anleger wieder im Griff. Wie nach jedem Crash. Nachher ist man immer gscheiter. (Reinhard Krémer, Portfolio, 9.12.2017)

    • "Die Parallelen zur US-Immokrise vor zehn Jahren sind frappierend", heißt es in einer Autokreditstudie der politischen Denkfabrik Stratfor.
      illustration: david mathews

      "Die Parallelen zur US-Immokrise vor zehn Jahren sind frappierend", heißt es in einer Autokreditstudie der politischen Denkfabrik Stratfor.

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